Bräckles Bilder zeigen stets den bäuerlichen Blick

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 Ausschnitt aus „Bergerhausen“ (1948) von Jakob Bräckle.
Ausschnitt aus „Bergerhausen“ (1948) von Jakob Bräckle. (Foto: Fotos: K. Hoffman)

Jakob Bräckle (1897-1987) war kein Weltreisender. Er blieb daheim in Oberschwaben und malte Felder, Bauern und sein Dorf Winterreute. Das Museum Biberach stellt ab heute unter dem Titel „Meine einfache Landschaft“ 130 Werke des Künstlers aus. Ein Teil der Arbeiten stammen aus den eigenen Beständen, hinzu kommen Leihgaben aus anderen Häusern sowie aus Privatbesitz. Die letzte große Bräckle-Schau in Biberach ist 21 Jahre her. Antje Merke hat sich mit Uwe Degreif, Kurator der Ausstellung, über Jakob Bräckle und sein Werk unterhalten.

Herr Degreif, stimmt es, dass Jakob Bräckle den Blick auf Oberschwaben geprägt hat?

Für Auswärtige, für Zugezogene kann man das so sagen. Diese Leute sehen, wenn sie durch Oberschwaben fahren, Bräckle-Bilder. Wenn man dagegen wie die Einheimischen nah dran ist, dann kennt man den Unterschied zwischen den einzelnen Landstrichen.

Der Biberacher Künstler hat wie kein anderer das Motiv der von der Landwirtschaft beeinflussten Dörfer, Felder und Wiesen beackert. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ihm das nie langweilig geworden ist?

Zum einen ist es seine Herkunft, seine Welt – er stammt ja aus dem Bäuerlichen. Und zum anderen hat er wohl schon sehr früh gemerkt, dass er im urbanen Thema überhaupt nichts zu sagen hat. Deswegen wollte er 1926 nach dem Studium auch wieder aus Stuttgart weg. Das war ja ein Wagnis, heute würde man sagen ein Start-up-Unternehmen. Denn freischaffende Künstler auf dem Land gab es damals nicht.

„Meine Arbeit soll einfach, still, tief und ewig sein“, hat der Maler einmal in einem Büchlein notiert. Wie darf man das verstehen?

Bräckle war kein Typ, der sich viel geäußert hat. Er hat gestottert, war gehbehindert und hat sich sicher schon früh als Außenseiter gefühlt. Den Begriff „ewig“ übernimmt der Künstler aus dem Buddhismus. Er liest ab 1952 buddhistische Texte, vor allem ein Buch „Tao Te King“, das Buch vom Sinn von Laotse. Dort findet er etwas, was ihm im reifen Alter die Möglichkeit gibt zu abstrahieren. Und zwar immer das gleiche Motiv: Landwirtschaft und Dorf.

Wie ein Künstler im 20. Jahrhundert in Oberschwaben gearbeitet und gelebt hat, spiegelt sein Atelier wider. Der Raum wurde im Museum Biberach aus Originalteilen rekonstruiert und gehört zur Dauerausstellung. Kann man von diesem Atelier aus auch Rückschlüsse auf das Wesen Bräckles ziehen?

Ja. Er hat sich bewusst dorthin zurückgezogen, galt als Eigenbrötler. Das Atelier war einfach und klein – und entsprechend sind auch seine Bildformate. Selbst für die damalige Zeit waren diese ja winzig.

Bräckle hat aus stilistischer Sicht vier Schaffensphasen. Welche gehört für Sie zu den besten?

Künstlerisch am stärksten ist er für mich in seinem Alterswerk. Seine zweite und produktivste Schaffensphase etwa dokumentiert, wie das Leben auf dem Land einst war. Wenn ich dagegen auf die Bilder ab 1960 schaue, dann kann ich noch 30 Jahre nach seinem Tod sagen: So ist es. Diese maschinell bearbeiteten Felder finden sie noch heute. Das heißt, der Künstler hat eine Struktur erfasst, die etwas mit meiner Gegenwart zu tun hat. Hier hat er nicht nur gemalt, sondern auch nachgedacht und seine Motive aus der Distanz betrachtet. Das empfinde ich als absolutes Qualitätsmerkmal bei Jakob Bräckle.

Gibt es Hinweise, welche Vorbilder Bräckle hatte? Hat er Reisen unternommen, die ihn nachhaltig beeinflusst haben?

Er ist wenig gereist. Und diese Reisen haben künstlerisch keine Wirkung hinterlassen. Er hat aber immer wieder in Stuttgart und Karlsruhe Ausstellungen besucht. Dort konnte er auch erstmals Bilder von Vincent van Gogh im Original sehen. Mit diesem Künstler hat er sich total identifiziert. Jemand, der auch den Hang zum Bäuerlichen hatte, der stark religiös die Welt begriff. Erst durch van Gogh kommt überhaupt die Farbe Gelb zu ihm.

Zu Zeiten des Dritten Reiches wurde Bräckle von einigen Nazis der Region als „Maler der Scholle“ gefeiert. 1938 trat er aus Angst vor Verfolgung in die NSDAP ein. Hat er sich aus heutiger Sicht instrumentalisieren lassen?

Natürlich hat er das. Ein körperlich eingeschränkter Maler, der eine Familie mit zwei Kindern hat und von seiner Kunst leben will, der eine Zeit erlebt, die genau sein Thema favorisiert – Scholle, Bauern, Dorf –, so ein Mensch kommt zwangsweise diesen Leuten nahe. Bräckle war damals der am meisten ausgestellte Künstler Oberschwabens. Er hatte riesige Ausstellungen mit bis zu 90 Bildern. Sprich, er hat davon profitiert und gut verkauft. Doch Bräckle war kein Nazi. Er hat nur wenige Kompromisse gemacht. In unserer Ausstellung wird das erwähnt, aber mehr nicht.

Nimmt Bräckle im Vergleich zu anderen Zeitgenossen aus der Region kunsthistorisch eine besondere Position ein?

Ja, würde ich schon sagen. Es ist allerdings eine Frage, wen man neben ihn stellt. Julius Herburger? Da ist Bräckle ausdrucksstärker. Sepp Mahler? Da ist Bräckle gegenwärtiger. Und Wilhelm Geyer bringt man immer mit seiner Glaskunst in Verbindung, nicht mit seinen Landschaften. Apropos. Ich stelle im Katalog die Frage, ob Bräckle überhaupt ein Landschaftsmaler ist oder nicht eher ein Landwirtschaftsmaler. Er schaut immer mehr auf den Boden als in den Himmel. Der tiefe Raum, das landschaftlich Ausgewogene interessiert ihn überhaupt nicht. In seinen Bildern ist meiner Meinung nach stattdessen stets der bäuerliche Blick zu sehen, der die Beschaffenheit der Erde und der Flurgrenzen wahrnimmt.

Was macht den Zauber seiner meist kleinformatigen Bilder aus?

Das Bäuerliche vermutlich, das der Seele guttut. Und seine Werke paaren Konzentration mit Stille – das schätze ich sehr an ihm.

Sein Œuvre umfasst fast 3900 Ölgemälde. Wie hoch werden seine Landschaften inzwischen gehandelt?

Man muss mittlerweile zwischen 2000 und 25 000 Euro für ein Bräckle-Bild bezahlen.

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