Blues, der keine Kompromisse eingeht

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2016 erhielt Fantastic Negrito für sein Album „The Last Days of Oakland“ einen Grammy. Jetzt liefert der US-Amerikaner mit „Plea
2016 erhielt Fantastic Negrito für sein Album „The Last Days of Oakland“ einen Grammy. Jetzt liefert der US-Amerikaner mit „Please Don’t Be Dead“ Nachschub. (Foto: pr)
Digital-Redakteurin

Gewöhnlich ist wahrlich nicht seins – wer sich das aktuelle Album von Fantastic Negrito „Please Don't Be Dead“ (Cooking Vinyl/Sony) reinzieht, der darf sich nicht mit Seichtem zufriedengeben. Ansonsten wird er regelrecht überfahren von der Komplexität der elf Tracks, die vom Zuhörer alle Aufmerksamkeit einfordern.

Das beginnt schon bei so manch merkwürdigem, wenn auch vielsagendem Songtitel, wie beispielsweise „Plastic Hamburgers“, „Transgender Biscuits“ oder „Bullshit Anthem“ und wird einem aber vor allem unüberhörbar in den fordernden, bissigen Songs vor den Latz geknallt.

Diese Dringlichkeit, diese Direktheit lässt sich zweifellos auf Negritos Biografie zurückführen. In einfachsten Verhältnissen als Xavier Dphrepaulezz in den USA aufgewachsen, folgt eine kleinkriminelle Episode, bis ihn ein Plattenvertrag von der Straße holt. Dann, 2000, ein schwerer, fast tödlicher Unfall, der ihn in ein Koma versetzt und seine Spielhand dauerhaft schädigt – Negrito wendet sich von der Musik ab. Es ist die Geburt seines Sohnes, die ihn inspiriert, die Gitarre wieder auszupacken. Negrito erforscht die Wurzeln der Schwarzen Musik: den Blues. Doch er kopiert ihn nicht einfach, sondern fusioniert den Blues mit Soul, Funk und Rock. Er schert sich nicht um Konventionen oder gar Genre-Grenzen. Der Lohn: 2016 räumt Negrito mit „The Last Days of Oakland“ den Grammy für das beste zeitgenössische Blues-Album ab.

Nun, zwei Jahre später , legt der Musiker und Sänger mit „Please Don't Be Dead“ nach – und wieder bewirken seine Kinder eine Art Initialzündung für dieses: „Ich habe dieses Album geschrieben, weil ich um das Leben meines schwarzen Sohnes fürchte“, erklärte Fantastic Negrito. „Weil ich um das Leben meiner Töchter fürchte. Ich bin unsicher, welche Zukunft sie vor sich haben.“ Damit spielt er nicht nur auf die politische Lage in den USA an, sondern kritisiert auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen weltweit. Mit seiner Musik fordert er von jedem einen Beitrag zu leisten, um die derzeitige verhängnisvolle Abwärtsspirale zu stoppen.

Schmerz spiegelt sich wider

Wie schon beim Longplayer zuvor, liefert auch „Please Don't Be Dead“ modernen, unangepassten Blues, der sich einfach nicht in eine Schublade stecken lassen will. Das macht die Einordnung der einzelnen Songs schwer, denn Negrito mischt in jeden scheinbar beliebig gleich mehrere unterschiedliche Genre-Elemente hinein. So findet man beispielsweise in „Plastic Hamburgers“ Module von Rock und Funk, in „A Letter to Fear“ Komponenten von Funk und Soul, während „A Boy Called Andrew“ Episoden von Folk und Weltmusik aufweist und „A Cold November Street“ sich beim Refrain gar bei den Spirituals bedient. All das geschieht zudem derart unaufgeregt und natürlich, als hätte Negrito sein Leben lang nichts anders getan. Womöglich liegt es auch daran, dass diese Melange ein Spiegelbild seines Lebens ist und er uns damit zeigen möchte, wie er die Schmerzen, Verletzugen und Tiefen seines Lebens gemeistert hat.

Weitere Anspieltipps: „Bad Guy Necessity“ und „The Suit That Won't Come off“.

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