Bitte einen Friedenstrollinger!

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Das Geschäft mit dem Tod hat viele Gesichter – in der Stuttgarter Inszenierung der „Feuerschlange“ sind deshalb auch Kinder mit
Das Geschäft mit dem Tod hat viele Gesichter – in der Stuttgarter Inszenierung der „Feuerschlange“ sind deshalb auch Kinder mit dabei. (Foto: Conny Mirbach)
Jürgen Berger

Philipp Löhles „Feuerschlange“ in Stuttgart uraufgeführt – Das Stück zu Waffen aus deutschen Landen.

Der Rüstungsexportbericht zur ersten Jahreshälfte 2016 weist aus, dass die Bundesregierung Waffenexporte im Wert von 4,03 Milliarden Euro genehmigt hat. Das sind so viele wie nie zuvor. Philipp Löhle, Deutschlands erfolgreichster Theaterautor der mittleren Generation, hat das Stück zum Thema geschrieben und sich auf den schwäbischen Waffenhersteller Heckler & Koch konzentriert. Die Uraufführung war am Samstag.

Doch Vorsicht. Wer denkt, Löhle habe ein Stück zum Thema „Schwerter zu Pflugscharen“ geliefert, der irrt. „Feuerschlange“ trägt wie ein Puzzle vieles und auch historische Hintergründe rund um das Geschäft mit dem Tod zusammen. Eine Kampfschrift ist das nicht. Wenn überhaupt, dann lehrt uns der bislang neueste Text des gebürtigen Ravensburgers, dass eine Schnellfeuerwaffe wie das G36 aus dem Hause Heckler & Koch zwar im schwäbischen Oberndorf hergestellt wird und als eines der meist verkauften Sturmgewehre der Welt gilt, letztlich aber auch nur ein „Gerät“ ist (so der Sprachgebrauch des Herstellers), vergleichbar einer Stihl-Kettensäge.

Kammerspiel zum Waffendeal

Was dieses für ein schnelles Töten optimal ausgelegte Gewehr gefährlich macht, sind die Hände, in denen es landet. Auftragskiller und korrupte Polizisten in Mexiko zum Beispiel. Dafür, dass das G36 trotz strenger gesetzlicher Regelungen abgefeuert wird, wo es gar nicht sein dürfte, sorgen „Master of war“ (Bob Dylan) und die sitzen im Bundeswirtschafts- und Bundesverteidigungsministerium, im Auswärtigen Amt und in den Botschaften der jeweiligen Länder. Wie das funktioniert, wenn Gesetze umgangen werden, zeigen journalistische Dokumentationen oder dokufiktionale Filme wie Daniel Harrichs „Meister des Todes“. Philipp Löhle hat die Hintergründe solcher Waffendeals wie in einem Kammerspiel mit genau diesen „Meistern des Krieges“ nachgestellt. Es ist die längste Szene des Stücks und zeigt, wie getrickst und betrogen wird, bis am Ende alles passt.

In der von Dominic Friedel inszenierten Uraufführung spielt Horst Kotterba in einer atemlosen Solo-Performance alle Rollen auf einmal. Er ist der mexikanische „Endverbraucher“, eine ganzen Schar ministerieller Sachbearbeiter, ein Vertreter der Waffenfirma und einer der Bosse von „Lecker & Loch“, wie Löhle den Global Player aus Oberndorf nennt. Man hört sattsam bekannte Argumente wie „Glauben Sie es gäbe einen Toten weniger auf der Welt, wenn wir die Produktion einstellen würden?“. Vor allem aber wird klar: An Waffendeals sind so viele Profiteure und Gesetzesverbieger beteiligt, dass die Anklagebank im Falle eines Gerichtsverfahrens wegen unerlaubter Ausfuhr des G36 ziemlich bevölkert wäre.

Militärfachleute haben berechnet, dass die Produkte aus dem Hause Heckler & Koch mehr Menschen getötet haben als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Löhle könnte solche Erkenntnisse einfließen lassen, vermeidet aber den pädagogischen Zeigefinger und zitiert lieber in bleierner Ausführlichkeit „Die politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“.

Mal Märchen, mal Krimi

Susanne Schieffer ist die Schauspielerin, die vorne an der Rampe steht und das bürokratische Schachtel-Kauderwelch so lange zum Besten gibt, bis man kapiert: Schon in der Willenserklärung der politisch Verantwortlichen steckt die Wurzel allen Übels. Sie tut so, als wolle sie alles bedenken, ist aber so formuliert, dass sie willfährigen Interpretationen Tür und Tor öffnet.

Auf der Bühne ist die Szene Teil eines Panoptikums ganz unterschiedlicher Spielformen, mit denen die Regie auf den Stilmix im Theatertext reagiert. Philipp Löhle bietet einiges auf – vom orientalischen Märchenton bis hin zur Krimiatmosphäre. Dominic Friedel reagiert unter anderem mit Puppenspielereien und Tanzperformances von Berit Jentzsch, die wie ein willkürliches „Jetzt machen wir mal Kunst jenseits von Schauspiel“ wirken. Jentschs Tanzeinlagen sind genau so wenig nachvollziehbar wie etwa Passagen, in denen eine gewisse Wikipedia-Lastigkeit des Löhle-Textes mit Inszenierungsversuchen Friedels korrespondieren. Letztere wirken, als ginge es um ein garantiert ironiefreies Brecht-Lehrstücke.

Dagegen stehen Glücksgriffe wie der, dass das Ensemble des Abends mit vierzehn Kindern aufgestockt wurde. Das hat Charme und überzeugt nicht nur, wenn drei Mädchen vorne an der Rampe erzählen, was sein könnte, wenn sie Mütter so unterschiedlicher Söhne wie Matthias, Devid und Rashid wären. In dieser Szene ist Löhle ein globaler Märchenerzähler und führt vor, was wäre, wenn der Devid aus Oberndorf sich plötzlich „radikalidingst“, im ziemlich Nahen Osten einen auf Islamist macht und auf Matthias aus Oberndorf trifft, der dort als Bundeswehrsoldat unterwegs ist. Es könnte sein, dass die beiden sich gegenseitig mit einem der G36 töten, an dessen Herstellung Rashid beteiligt gewesen ist, der nach seiner Flucht aus dem Nahen Osten in der schwäbischen Provinz gelandet und froh war, eine Arbeitsstelle zu finden: bei „Lecker und Loch“ in Oberndorf am Neckar. Dort, wo die Welt immer noch in Ordnung zu sein scheint, obwohl zwei Söhne der Stadt definitiv keinen Friedenstrollinger mehr miteinander trinken könnten.

Weitere Termine am 3., 13. und 28. November sowie am 27. Dezember. Karten im Internet unter www.staatstheater-stuttgart.de oder per Telefon unter

0711/20 20 90.

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