Bilder von Miriam Cahn in Bregenz

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 Wut treibt sie an: die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn im Kunsthaus Bregenz.
Wut treibt sie an: die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn im Kunsthaus Bregenz. (Foto: Roland Rasemann)

Sie ist streitbar, ihre Bilder sind drastisch, direkt und verstörend. Mit fast 70 ist Miriam Cahn eine der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten ihrer Generation. Ihre Themen sind Flucht, Gewalt, Sex und das Verhältnis der Geschlechter. Unter dem Titel „Das genaue Hinschauen“ zeigt das Kunsthaus Bregenz (KUB) jetzt ihre erste große Einzelausstellung in Österreich.

Die Figuren leuchten in fluoreszierendem Licht, eingetaucht in mattes Blau. Blass ist das Stück Stoff, nach dem die linke Figur greift. Es zeigt ein verschleiertes Gesicht. Die düstere Stimmung berührt. „Mare nostrum“, so der Titel des Gemäldes, ist die lateinische Bezeichnung für das Mittelmeer, aber auch der Name der Marineoperation zur Seenotrettung von Flüchtlingen vor Lampedusa im Jahr 2013/14. Das Bild ist ein schonungsloses Dokument der Krisen der Gegenwart. Es zeigt die ertrunkenen Flüchtlinge, die namenlos auf den Meeresboden sinken.

Auf Augenhöhe

Miriam Cahn hat nicht nur dieses, sondern auch alle anderen Bilder im KUB so gehängt, dass ihre Figuren dem Publikum ins Gesicht schauen können. Diese „Gleichwertigkeit“ sei essentiell für sie, sagt die Schweizer Künstlerin. Und dieses Prinzip gilt auch für ihre Arbeiten: edle Leinwände, große Aquarelle, riesige Zeichnungen und kleine Digitaldrucke aus verschiedenen Schaffensphasen sind alle von gleichem Wert. Auf Augenhöhe.

Im Erdgeschoss wird der Besucher mit einer „Sexwand“ (so Cahn) konfrontiert. Neben offenen Mündern, Vulven, riesigen Brüsten und erigierten Penissen sind auch Tulpen und ein hämisch grinsender Porträtkopf zu sehen. Cahn, die die Ausstellung selbst gehängt hat, weil das für sie ebenso wichtig ist, wie die Arbeit im Atelier, hat hier ein kleines Format an das andere gehängt, weil sie „dem sakralen Entrée im Kunsthaus etwas Profanes entgegensetzen“ wollte. Im ersten Stock reihen sich Serien aus schwarzen Kreidezeichnungen aneinander. Im Zentrum steht die Schöpfung mit Mensch, Tier und Pflanze. Die Blätter liegen auf dem Boden. Völlig ungeschützt. Der Grund ist einfach: Am liebsten tackert die gebürtige Baslerin ihre Zeichnungen an die Wand, aber bei Beton ist das nicht möglich.

In der nächsten Etage bilden monumentale Zeichnungen einen Raum im Raum. Die Künstlerin nennt sie „federleichte Papiertiger“. Aus ihrer Sicht der perfekte Kontrast zu dem Betonbau. Nur das Dargestellte ist alles andere als leicht. Es geht um Aufrüstung, Krieg und Kapitalismus, um Männer- und Frauenwelten. Miriam Cahns Schaffen ist geprägt von der Friedens- und Frauenbewegung der 1980er-Jahre. Hier rückt sie das Schlachtfeld in den Blick, etwa in Form von Raketen und Kriegsschiffen, an anderer Stelle den menschlichen Körper. Friedlich ist das nicht, der Zorn treibt sie an.

Cahns Kunst besteht darin, das Destruktive trotzdem nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Die Folgen der Migrations- und Flüchtlingspolitik, die Pracht von Atombombenexplosionen, gewalttätige Sexszenen, Schönheit und Vehemenz, Lust und Zerstörung stehen bei ihr nebeneinander. Die Künstlerin wirkt in diesem Umfeld glaubwürdig, denn sie nennt die Dinge beim Namen. Zugleich reflektiert sie ihr Schaffen. Ihre jüngsten Texte tragen den Titel „Das zornige Schreiben“.

Miriam Cahn erschafft Bildwelten, die im Gedächtnis bleiben. Auch weil die Figuren in ihren Arbeiten den Betrachter fixieren. Wegsehen geht nicht. Distanziert beobachten auch nicht. Vor allem ihre Darstellungen entblößter weiblicher und männlicher Körper provozieren. Man kann sie als Reaktion auf die #MeToo-Debatte aber auch als Antwort auf die Kunstgeschichte verstehen. Bereits 1866 malte Gustave Courbet in „Der Ursprung der Welt“ unverhüllt das weibliche Genital. Anders als bei Courbet haben Cahns Frauen aber immer ein Gesicht.

In ihren neuen Arbeiten, die unterm Dach zu sehen sind, malt die Künstlerin oft eine Boxerhand, die auf ein Gesicht knallt. Manchmal boxt eine Frau, manchmal ein Mann. Was diese dramatische Gestik bedeutet, kann die Künstlerin nicht sagen. Noch nicht.

Nachgefragt

Der Zorn treibt sie an, sagt die Schweizer Künstlerin im Gespräch mit Antje Merke.

Frau Cahn, sind Sie weniger zornig, wenn ein Werk vollbracht ist?

Das ist keine Katharsis. Ich bin zornig, weil die Verhältnisse schlecht sind. Es hat nichts damit zu tun, dass ich mich wohlfühle, weil ich etwas emotional im Bild verarbeitet habe. Im Gegenteil. Das ist Arbeit – und da fühle ich mich immer wohl.

Was macht Sie aktuell wütend?

#MeeToo hat mich sehr zornig gemacht und macht es mich immer noch. Mir war nicht bewusst, wie schlecht es nach wie vor um die Gleichberechtigung steht. Hollywood ist ein Machtsystem und gleichzeitig auch ein Bildgebungssystem – und dort wurde Macht auf eine unglaubliche Weise gegen Frauen ausgeübt. Auch die Flüchtlingskatastrophe macht mich zornig.

Warum tragen manche ihrer nackten Frauen Burkas?

Überall in unseren Demokratien gibt es diese sinnlose, lächerliche Burka-Diskussion. Das macht mich auch sehr wütend. Denn man fragt diese Frauen nicht, warum sie das tragen. Sondern es wird einfach behauptet: Alle die, die Burka tragen, sind unterdrückt. Das wissen wir doch nicht. Wenn muslimische Feministinnen darüber diskutieren, ist das für mich o.k. Aber was haben wir damit zu tun? Aus meiner Sicht gar nichts. Wenn sich unsere Gesellschaft vom Islam bedroht fühlt, dann sollen sie die Imame, die Islamismus predigen, angreifen und nicht wieder die Körper der Frauen.

Immer wieder taucht bei Ihnen der entblößte menschliche Körper auf. Warum arbeiten Sie sich so an diesem Thema ab?

Das sind wir alle. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

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