Biberacher Filmfestspiele 2019

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 Die Schwestern Mareile (links) und Annika Blendl präsentieren in Biberach ihren Spielfilm „All I Never Wanted“.
Die Schwestern Mareile (links) und Annika Blendl präsentieren in Biberach ihren Spielfilm „All I Never Wanted“. (Foto: Georg Kliebhan)
Stefan Rother

Kurz vor dem 30. Jahrestag der Maueröffnung hat ein deutsch-deutsches Liebesdrama den Preis für den besten Spielfilm bei den Biberacher Filmfestspielen gewonnen. „Im Niemandsland“ heißt der Gewinner, und Regisseur Florian Aigner darf sich gleich mehrfach freuen: Von ihm stammen auch Drehbuch und Schnitt. Neben der zeithistorischen Dimension zeichnen den Film zwei Merkmale aus, die bei vielen Einreichungen der 41. Festspiele zu finden waren: starke Frauenfiguren und tiefe Einblicke in den verwinkelten Kosmos der Familie.

Selbstbewusst ist die 16-jährige Katja aus „Im Niemandsland“ auf alle Fälle, wie ihre Darstellerin Emilie Neumeister betonte: „Sie macht eigentlich immer den ersten Schritt“. Die Dresdenerin wurde zehn Jahre nach dem Mauerfall geboren und spielt hier eine „Wessi“ aus Zehlendorf, die den Ostteil Berlins wie ein neues Land erkundet. Eine machbare Herausforderung, wie die junge Schauspielerin in Biberach erzählte, schließlich sei man mittlerweile ja ohnehin „ein Land“. Der Umstand, dass diese Aussage aber auch heute beileibe nicht immer zutrifft, schwingt beim Betrachten von „Im Niemandsland“ immer wieder mit – etwa wenn die regelmäßig eingespielten Fernseh-Archivaufnahmen von der Euphorie der Grenzöffnung über die Details der Währungsunion bis hin zu den Vorboten der Treuhand samt Übernahme oder Abwicklung vieler ostdeutscher Betriebe reichen.

Der Film behandelt ein heute im öffentlichen Bewusstsein weniger verankertes Thema: das der Enteignung von Häusern in der DDR und die Versuche, diese nach der Wiedervereinigung rückgängig zu machen. Katjas Vater musste einst sein Elternhaus in Kleinmachnow zwangsweise verlassen. Dies war ein offenkundig traumatisierendes Erlebnis, protestiert er nun doch nahezu täglich mit einem Wohnwagen vor dem Haus, um die ostdeutschen Besitzer zum Auszug zu drängen. Hier kommt nun das „Romeo und Julia“-Motiv ins Spiel, denn Katja verliebt sich in den 17-jährigen Thorsten (Ludwig Simon). und der ist just der Sohn der verfeindeten ostdeutschen Familie. Manchmal droht das Drehbuch, ein bisschen arg mit den zeitgeschichtlichen Motiven überfrachtet zu werden, doch der Kern bleibt stets überzeugend: Die junge Liebe und die damit einhergehenden Gefühlswirrungen werden hier besonders lebensecht vermittelt.

Der Film läuft kommenden Donnerstag in den Kinos an, ebenso „Lara“ von Jan-Ole Gester („Oh Boy“). Auch hier versucht ein Sohn, nach Glück zu streben, obwohl es ihm von Elternseite aus teils schwer gemacht wird. Im Mittelpunkt steht aber nicht Viktor (Tom Schilling), sondern seine von Corinna Harfouch gespielte Mutter. Diese Lara will zu Beginn des Films zwar aus dem Fenster springen, begeht dann aber doch noch ihren 60. Geburtstag, an dem Pianist Viktor erstmals eine Eigenkomposition im Konzert vorstellt. Harfouch gelingt das Kunststück, ihre Figur fast durchgehend dominant und unsympathisch wirken zu lassen, im Laufe eines langen Tages aber zumindest Verständnis für sie zu wecken.

Stark sein müssen auch die beiden Frauen, die im Mittelpunkt von „All I Never Wanted“ stehen. Der Debüt-Spielfilm ist ein recht verschachteltes Produkt: Annika Blendl und die Lindauerin Leonie Stade führten Regie, spielen aber gleichzeitig auch zwei Filmemacherinnen, die zwei Frauen auf sehr unterschiedlichen Stationen ihrer Karriere begleiten wollen. Da ist die 17-jährige Nina aus der Nähe von Stuttgart, die es als Model in Mailand schaffen will. Gespielt wird sie von Lida Freudenreich, die tatsächlich den gleichen Weg gegangen ist und der Film zeigt sie in teil-dokumentarischen Aufnahmen. Fiktiv ist dagegen die Geschichte von Mareile, auch wenn sie von der gleichnamigen Schwester von Regisseurin Blendl gespielt wird: Die erfolgreiche Fernsehkommissarin musste soeben den Serientod sterben; nun versucht die 42-jährige, am Lindauer (!) Theater Fuß zu fassen in der Titelrolle der „Jungfrau von Orléans“.

Was reichlich kompliziert klingt, entfaltet sich auf der Leinwand sehr natürlich und ist trotz einiger Karikaturen eine gelungene Abhandlung darüber, wie Frauen im Mode- und Mediengeschäft im Wortsinne ihre Haut zu Markte tragen müssen. Nach der Vorführung waren die Blendl-Schwestern dann auch von Zuschauerinnen jeden Alters umringt – „so ein unmittelbares Feedback bekommt man nur in Biberach“, resümierte Mareile.

Dass der Film trotz solcher Publikumsreaktionen leer ausging, spricht für eine recht große Konkurrenz des diesjährigen Filmjahrgangs – des ersten unter der Intendanz von Helga Reichert – wie der Umstand, dass es bei den insgesamt neun Festivalpreisen keine Doppelung gab. Unter den Preisträgern findet sich etwa der Schülerfavorit „Der Coup“ – eine unglaubliche, aber wahre Geschichte, die mit hanseatischer Trockenheit erzählt wird: In den 1988er Jahren brachte ein 22-jähriger Bankangestellter seinen ehemaligen Arbeitgeber um eine Millionensumme und setzte sich nach Australien ab. Doch auch hier spielt die zurückgebliebene Familie eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Unter den weiteren Gewinnern: „Mein Ende. Dein Anfang“ von Mariko Minoguchi als Publikumsfavorit, „Alternativen“ von Benjamin Kramme als Kurzfilm, „In Search…“ von Beryl Magoko als Dokumentarfilm und „Kopfplatzen“ von Savas Ceviz als bester Debüt-Spielfilm.

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