Bett-Lektüre: Die Softporno-Trilogie „Fifty Shades“ verkauft sich wie nichts Gutes – Warum nur?

Lesedauer: 7 Min
Melanie Heike Schmidt

Ach, was regen sich alle auf: Rückwärtsgewandt, empören sich Feministen. Kapitalismus in Reinkultur, tönen andere. Softpornos für Hausmütterchen, unken Edelfedern. Und der „Spiegel“ ätzt genüsslich, dies sei ein Buch für jene (ungebildeten Volldeppen – Ergänzung dieser Redaktion), die „de Sade für eine teure Hautcreme“ halten.

Vielen Dank, lieber Georg Diez, Autor des großen deutschen Nachrichtenmagazins, dass sich nun Millionen Leserinnen (Leser sollen es ja weniger sein) dumm fühlen, weil sie einen Roman mögen, der ohne Wissen ums Über-Ich – Achtung, Freud! – oder Studium verständlich ist.

Man nehme: Sex, Lust, Leid, Liebe

Tatsächlich verhält es doch so: Man braucht eben gerade nicht die Hintergrundinfos über einen gewissen französischen Edelmann mit fragwürdigen Neigungen, um die Lust am Schmerz, den Genuss der Unterwerfung und eine Geschichte, die eben das thematisiert, zu verstehen.

Denn genau darum dreht es sich in der Roman-Trilogie „Fifty Shades“, deren erster Teil „Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ jetzt auf Deutsch erschienen ist (Goldmann-Verlag, 12,99 Euro): um Sex, Lust, Schmerz, Kontrolle. Um die Möglichkeit, Entscheidungen anderen zu überlassen. Es geht auch darum, diese Selbstaufgabe zu lieben und zugleich darunter zu leiden wie ein Hund. Oder wie ein Hündchen. Und es geht, natürlich, auch um die Liebe.

Das Rezept für diesen Bestseller, der auf dem Mist einer schottischen Fernsehproduzentin gewachsen ist, die die blutarme „Twilight“-Saga mit Sex, dafür ohne Vampire, weiterschreiben wollte, ist einfach: Eine reichliche Prise Naivität (aparte US-Studentin, mit 21 noch Jungfrau, stolpert mit großen Augen durch die noch größere Welt), eine Handvoll Klischees (naives Dummchen trifft schönen, reichen, zum Sadismus neigenden Kerl und verfällt ihm), dazu eine schlichte, klare Sprache im SMS-Stil und einige mehr oder minder heiße Sex-Spiele – fertig ist der Reißer.

Vom Fan-Forum in die Hitlisten

Zunächst veröffentlichte die Autorin Erika Leonard ihre – Verzeihung – Ergüsse in einem Internet-Forum. Dort wurde es den Lesern bald zu frivol, und Leonard, die sich auf dem Bucheinband E.L. James nennt, wechselte auf die eigene Homepage. Immer mehr wollten die Abenteuer der jungen Anastasia, genannt Ana, mit ihrem Dompteur Christian Grey lesen, erst gab es ein „Book on demand“, Buch auf Verlangen, dann wurden Verlage aufmerksam. Mehr als eine Million Mal verkaufte sich das Buch per Download, die Leserinnen, meist zwischen 25 und 45, verschlangen die Bett-Lektüre klammheimlich mit roten Wangen in der U-Bahn auf dem Kindle, dem Smartphone, dem iPad. Die Papierversion erreichte horrende Auflagen, mehr als 18 Millionen Exemplare sollen bisher weltweit gedruckt worden sein. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Und warum ärgert das alle? Na, es ist ein Buch, das von Sex handelt, von sadomasochistischen Praktiken, von Schweinkram also. Der Plot ist blöde, es wimmelt von Werbung (man fährt Mercedes, trägt Levi’s, hantiert mit dem iPhone), dazu ist es schlecht geschrieben – huch, wie schlimm, huch, wie neu. Charlotte Roche lässt grüßen, Dominique Aury zu nennen, die 1954 mit der „Geschichte der O“ im gleichen Pool tauchte, wäre unfair - Aury gegenüber.

Ein Jahrhundertwerk will „Shades“ nicht sein, doch abgründig und – im Wortsinn – fesselnd schon. Das gelingt auf den 602 sehr, sehr langen Seiten des ersten Teils, die die Autorin dieser Zeilen nur in Auszügen ertragen hat, eher schlecht. Eine Kostprobe? Hier: „Im Zeitlupentempo zieht er mir die Jogginghose herunter. Wie entwürdigend! Es ist entwürdigend, Angst einflößend und wahnsinnig erotisch zugleich. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ob es wehtun wird? Er legt seine Handfläche auf mein nacktes Hinterteil, tätschelt und streichelt es zärtlich. Dann ist seine Hand plötzlich verschwunden ... und er schlägt zu. Und wie! Au!“

Au – genau. In dem Stil, mal deutlicher, mal noch dämlicher, geht das munter weiter. Das Buch ist also nicht gut, eindeutig. Und dennoch eine empfehlenswerte Urlaubslektüre. Warum? Weil es ein Bedürfnis nach Eskapismus bedient. Ein Abtauchen aus der komplizierten Welt der Entscheidungen, in welcher der Kauf eines Joghurts bei 50 verschiedenen Sorten schon ein Problem werden kann – und hinein in die schlicht gestrickte Welt der Selbstaufgabe, nach dem Motto: Soll er doch sagen, was ich anziehen, was ich tun, was ich denken soll. So seicht, so wohltuend. Ein bisschen verrucht fühlt man sich als Leserin auch noch. Na dann...

Ach ja: Damit der böse, böse Sadist nicht allzu schlecht wegkommt, sei verraten: Der Ärmste hatte eine schwere Kindheit. Noch mal Au. Trotzdem: Viel Spaß beim Lesen.

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