Bern zieht die Gurlitt-Bilanz: Ein deutscher Skandal

Eine Frau betrachtet während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Gurlitt – eine Bilanz“ im Kunstmuseum Bern Papierbögen an eine
Eine Frau betrachtet während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Gurlitt – eine Bilanz“ im Kunstmuseum Bern Papierbögen an einer Wand, auf denen Kunstwerke aus der Gurlitt-Sammlung abgebildet sind. (Foto: Anthony Anex/dpa)
Adrienne Braun

Eigentlich war es eine läppische Summe. Aber wenn einer über die Schweizer Grenze fährt und 9500 Euro im Handgepäck hat, wird der Zoll hellhörig – auch bei einem harmlosen alten Herrn. Der Rentner brauchte Geld und hatte deshalb in der Schweiz ein Kunstwerk verkauft. Als die Steuerfahnder schließlich in München seine Wohnung durchsuchten, überschlugen sich die Ereignisse plötzlich.

Die Gurlitt-Sammlung schien NS-Raubkunst zu sein

„Nazi-Schatz in Milliardenhöhe“ titelten die Zeitungen – und mancher hoffte, dass mit dem „Schwabinger Kunstfund“ endlich ein Stück Wiedergutmachung möglich würde. Denn die Gemälde von Matisse, Monet und Renoir, die Blätter von Max Beckmann, Otto Dix und Oskar Schlemmer schienen zweifelsfrei NS-Raubkunst zu sein.

Zehn Jahre sind inzwischen vergangen, in denen Wissenschaftler Quittungen, Tagebuchnotizen und Listen durchforsteten, Akten und Werkverzeichnisse wälzen und auf Rückseiten von Bildern nach Hinweisen suchten. Nun hat das Kunstmuseum Bern „Gurlitt. Eine Bilanz“ eröffnet, eine Ausstellung, aus der viel Ernüchterung und Enttäuschung spricht.

Denn bei Cornelius Gurlitt wurden damals an die 1600 Werke beschlagnahmt, aber nur neun davon wurden seither restituiert. Für das Gros lässt sich nicht nachweisen, dass es sich um NS-Raubkunst handelt.

Cornelius Gurlitt hat die Ausstellung in Bern nicht mehr erlebt

Schon damals, als die Fotos des betagten Cornelius Gurlitt durch die Presse gingen, kamen Stimmen auf, dass diesem alten Herrn übel mitgespielt werden könnte – und auch die Taskforce Schwabinger Kunstfund erklärte schon bald, dass man Cornelius Gurlitt einen Großteil seiner Sammlung zurückgegeben müsse. Wenn er sich schuldig gemacht hatte, so bestenfalls aus moralischer Sicht. Er stimmte sogar zu, Werke zurückzugeben, sollten sie sich als Raubkunst entpuppen.

Er erlebte den Ausgang der Forschungen nicht mehr, bis zu seinem Tod sah er seine Sammlung nicht mehr. Nun befindet sie sich im Kunstmuseum Bern, denn Gurlitt verfügte, dass das Berner Museum seine Sammlung erben soll.

Als man das Legat 2014 annahm, erhielt man nicht nur einen gigantischen Bilderbestand, sondern vor allem die bleischwere Pflicht, die Hintergründe zu erforschen und also das zu tun, was die deutsche Regierung jahrzehntelang versäumt hatte: dieses düstere NS-Kunstkapitel endlich aufzuarbeiten und Opfer zu entschädigen.

Nina Zimmer, die (deutsche) Museumsdirektorin und ihr Berner Team wollen mit der Ausstellung nun zeigen, wie ernst sie ihre Aufgabe genommen haben. 2017 wurde die Abteilung Provenienzforschung eingerichtet, die erste in der Schweiz überhaupt. Die Werke wurden in Kategorien einsortiert. Am häufigsten wurde das Label „Gelb/Grün“ vergeben: keine Raubkunst – nach derzeitigem Stand.

Hildebrandt Gurlitt war Chef-Kunsteinkäufer der Nazis

Riesige Schaubilder mit allerhand Namen, Daten, Pfeilen und Kreisen zeigen nun, welche Wege einzelne Werke gingen – und erzählen dabei die schäbigen Hindergründe, die mit dem Namen Gurlitt eng verknüpft sind. Denn der Vater des alten Herrn war Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956), einer von vier Kunsthändlern, die die vielen Werke ins Ausland verkauften, die die Nazis als „entartete Kunst“ bezeichnet und beschlagnahmt hatten. So verschafften sie dem Regime Devisen.

1943 wurde Hildebrand Gurlitt sogar Chefeinkäufer für das geplante „Führermuseum“ in Linz. Dazu bediente er sich großzügig an den Meisterwerken aus den Museen der von Deutschland besetzten Gebiete.

Die neun Werke, die bisher restituiert wurden, sind fast alle Gemälde von herausragender Bedeutung. Das Frauenporträt „Femme à l’eventail“ (1923) von Henri Matisse ist darunter, eine pointillistische Flussszene von Paul Signac oder auch eine Ansicht des Pariser Louvres, die Camille Pissarro 1902 malte.

Die Sammlung Gurlitt ist moralisch schwer belastet

Es konnten aber auch Nachfahren von Ismar Littmann ausfindig gemacht werden, einem Rechtsanwalt aus Breslau. Er sammelte zeitgenössische Kunst. Als seine Frau diese Bestände nach Littmanns Selbstmord verkaufen wollte, beschlagnahmte die Gestapo sie. Fast einhundert Jahre später haben Nachkommen der Littmanns zumindest die Aquarelle „Dompteuse“ und „Die Dame in der Loge“ von Otto Dix zurückbekommen und im Mai versteigern lassen.

Dass es sich beim Legat Gurlitt letztlich doch nicht um NS-Raubkunst im großen Stil handelt, hat auch damit zu tun, dass ein Großteil der Bestände aus deutschen Museen beschlagnahmt wurde – ganz legal, 1938 führte man rückwirkend das Gesetz über „Entziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ ein. Rund 20 000 Werke wurden damals aus den Häusern abgezogen – und ermöglichten Hildebrand Gurlitt nach dem Krieg eine neue, besonders infame Karriere.

Er behauptete, die meisten Stücke seiner gigantischen Sammlung von den Künstlern persönlich gekauft und sie damit ihn ihrer „schweren Not“ sogar unterstützt zu haben. Man stufte ihn als Mitläufer ein. Den Museen, die nach dem Krieg bemüht waren, die Kunst der Moderne wieder zu zeigen, stellte Gurlitt großzügig Leihgaben zur Verfügung. Schließlich besaß er das, was die Nazis vorher gestohlen hatten.

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