Berlinale-Eröffnung mit „The Kindness of Strangers“

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 Marc (Tahar Rahim) und Clara (Zoe Kazan) nähern sich einander behutsam an.
Marc (Tahar Rahim) und Clara (Zoe Kazan) nähern sich einander behutsam an. (Foto: Per Arnesen)

Mit der Weltpremiere von „The Kindness of Strangers“ hat am Donnerstag die 69. Berlinale begonnen. Es ist einer von 17 Filmen, die im Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrieren. Das neue Werk der dänischen Regisseurin Lone Scherfig passt perfekt zum diesjährigen Motto „Das Private ist politisch“: Der fast zweistündige Film geht der Frage nach, was wäre, wenn wir Fremde nicht einfach ignorieren oder ablehnen, sondern ihren Geschichten mit Offenheit und Mitgefühl begegnen würden. Gerade in Zeiten, in denen sich Fremde in den Kommentarspalten der sozialen Medien mit verbalem Gift überschütten und im realen Leben von ideologischen Barrieren trennen lassen, eine wichtige Erzählung.

Gestrandet in New York

Es ist mitten in der Nacht, als Clara (Zoe Kazan) mit ihren zwei Söhnen nach New York fährt. Was Anthony und Jude noch nicht ahnen: Der vermeintliche Ausflug ist eine Flucht vor dem gewalttätigen Vater und Ehemann Richard. Eine Tat der Verzweiflung, denn Clara ist finanziell von ihm abhängig. Als das Auto abgeschleppt wird, sind die Mutter und ihre Kinder obdachlos; und das mitten in der winterlich-eiskalten Millionenmetropole. Zunächst trifft sie auf Menschen, die sich an die Regeln halten, um nicht selbst in Schwierigkeiten zu geraten. Eine Hotelangestellte etwa, die die drei nicht beherbergen will. Doch dann kommt die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die Claras Notlage versteht und ihr hilft.

Diese Rollen provozieren die Frage, wie man selbst wohl reagieren würde – eher mit der „Nicht-mein-Problem“-Attitüde der Hotelangestellten oder der Selbstlosigkeit von Alice? Eine Chance auf einen Neuanfang bietet sich Clara, als sie in dem russischen Restaurant „Winter Palace“ Essen für ihre Kinder klaut und vom neuen Geschäftsführer Marc (Tahar Rahim) ertappt wird. Marcs Anwalt John Peter (Jay Baruchel) steht Clara bei, als es zum Gerichtsprozess mit ihrem brutalen Partner kommt.

„The Kindness of Strangers“ ist ein Film über Lebenswege, die sich kreuzen, vor allem aber über Mut, Zusammenhalt und Hoffnung. Zoe Kazan, die jüngst noch im Coen-Brüder-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ zu sehen war, spielt ihre Rolle als Clara mit unbändigem Willen zum Ausbruch aus den gesicherten, aber unerträglichen Verhältnissen. Auch die anderen Charaktere sind stark besetzt, der ungelenk-linkische John Peter etwa: Jay Baruchel kennt man bislang eher aus Komödien wie „Das ist das Ende“; hier nimmt man ihm den ernst dreinblickenden Juristen mit Kontaktschwierigkeiten ab. Tahar Rahim („Ein Prophet“) bringt den Zwiespalt auf den Punkt, den Marc durchlebt: Fürsorge und Sicherheit für Clara zu garantieren einerseits, sie mit seiner Zuneigung nicht zu überrumpeln andererseits. Gut gecastet auch Restaurantbesitzer Timofey: Bill Nighy („Tatsächlich… Liebe“) ist immer sehenswert, und in dieser Rolle als überforderter Gastronom ist er nonchalant wie eh und je.

Ein paar Russland-Klischees – Akzent, Wodka, Balalaikas – gibt es zwar. Scherfig lässt ihre Charaktere aber auf humorvolle Art mit ihnen spielen, anstatt sie bösartig auszuschlachten. Timofeys „Winter Palace“ wird zum Kristallisationspunkt der menschlichen Beziehungen, die so unverhofft miteinander verwachsen. Anders als etwa in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ bleibt das Setting dezent im Hintergrund. Untermalt wird der Film von den symphonischen Streicherklängen des Komponisten Andrew Lockington, die nie emotional anbiedernd, sondern eher beobachtend und zerbrechlich wirken.

Regisseurin Lone Scherfig, die auch das Drehbuch verfasst hat, wurde bei der Berlinale 2001 für ihren Film „Italienisch für Anfänger“ mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. 2011 landete die 59-Jährige mit der Bestseller-Adaption „Zwei an einem Tag“ einen Kinohit. Die dänisch-kanadische Co-Produktion „The Kindness of Strangers“ ist Scherfigs Plädoyer für ein menschlicheres Miteinander. Dass ausgerechnet ein Cop, der das Gesetz schützen soll, seine eigene Frau und seine Kinder schlägt und den älteren Sohn sogar zwingt, den jüngeren zu verprügeln, könnte man als Kommentar zu Polizeigewalt in den USA verstehen.

Viel konkreter sind allerdings die Überlebensmetaphern: Zwei Charaktere sterben beinah in der Kälte der Stadt, die niemals schläft. Sie werden durch die Aufmerksamkeit zweier Frauen gerettet. Aufeinander achtgeben, niemanden zurücklassen – das, so scheint Scherfig mit diesem Film transportieren zu wollen, ist die Quintessenz menschlichen Zusammenlebens. Krankenschwester Alice fasst es in Worte, als sie den Menschen in ihrer Selbsthilfegruppe „Vergebung“ den Spiegel vorhält: „Was gibt Euch das Recht, unfreundlich zu sein?“ – Ja, was?

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