Baselitz, Richter, Polke und Kiefer in der Staatsgalerie

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 Für seine Aktion „Besetzungen“ zeigte Anselm Kiefer an verschiedenen historischen Orten Europas den Hitlergruß, wie hier in „He
Für seine Aktion „Besetzungen“ zeigte Anselm Kiefer an verschiedenen historischen Orten Europas den Hitlergruß, wie hier in „Heroisches Sinnbild VII“ von 1970. (Foto: Staatsgalerie)
Hans-Dieter Fronz

Der Titel hat es in sich – und ist genau besehen ganz schön durchtrieben. Er reklamiert insgeheim Klassizität für Werke der Malerei, die zu ihrer Zeit hoch umstritten waren, die für Diskussionen sorgten oder gar Skandale verursachten. „Die jungen Jahre der Alten Meister“ – eigentlich ist der Begriff mit großem „A“ Dürer, Altdorfer, Holbein vorbehalten, um mal bei deutschen Künstlern zu bleiben. Andererseits zählen Baselitz, Richter, Polke und Kiefer, die die Staatsgalerie Stuttgart jetzt in einer fulminanten Schau präsentiert, heute zu den anerkannt Großen in der zeitgenössischen Kunst.

Dass die Schau, eine Kooperation mit den Hamburger Deichtorhallen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet wurde, zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben – und mit ihnen die Einstellung der Öffentlichkeit zur Kunst. Was früher schockierte, gilt heute als klassisch.

Die Idee zu der Schau hatte Götz Adriani. Mit allen vier Künstlern ist oder war er, der die Kunsthalle Tübingen einmal zu einer ersten Adresse in der Kunst gemacht hatte, befreundet. Für den Katalog hat Adriani ausgiebige Gespräche mit den drei lebenden Künstlern geführt, die die bewegten frühen Jahre Revue passieren lassen. Eine Zeitchronik evoziert diese Periode zudem gesamtgesellschaftlich. Auf einer Litfasssäule im Foyer des Museums lassen Werbeplakate, durchsetzt mit Sprüchen wie „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ oder „Make love not war“, den Zeitgeist wiederaufleben.

Baselitz wurde als erster bekannt

„Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“: Die Reihenfolge im Untertitel ist kein Ranking. Sie folgt schlicht der Chronologie der Ereignisse. Zwar ist der Älteste in dem Quartett Gerhard Richter, Jahrgang 1932. Doch es war Georg Baselitz, der Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre als erster mit seinen Werken bekannt wurde und für Aufsehen sorgte, 1963 mit einer Ausstellung sogar den Staatsanwalt auf den Plan rief. Wenige Jahre später traten zwei Freunde und Studenten an der Düsseldorfer Kunstakademie – Richter und Polke – mit provokanten Werken in seine Fußstapfen.

Der etwas jüngere Anselm Kiefer wurde Ende der Sechzigerjahre mit seinen Hitlergruß-Aktionen berühmt und berüchtigt. Ausgerechnet er war es dann, der mit seinem Frühwerk als erster der vier internationale Aufmerksamkeit fand: im Zuge einer Ausstellungstournee in den USA 1987-89, mit dem krönenden Abschluss im MoMA in New York. Kiefer bahnte damit zugleich den anderen den Weg. Kurze Zeit später stellten auch sie in Übersee aus.

Die Frühwerke dieser vier künstlerischen Individualisten, die wenig miteinander verbindet, stellt der Parcours mit mehr als 110 Gemälden jetzt in ganzer Stärke vor Augen. Gleich zu Beginn setzt Baselitz’ deformiertes und in Farbrinnsalen zerlaufendes Porträt „Win D.“ von 1960 ein Ausrufezeichen. In der malerischen Kühnheit von Bildern dieser Art bewegte sich der junge Künstler auf Augenhöhe mit Francis Bacon. Seine „Große Nacht im Eimer“ wurde von der Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und führte – neben anderen Obszönitäten – ein Jahr später zur Anklage.

Gegen den Mainstream der Bildkunst jener Zeit arbeitete Baselitz dezidiert figürlich. Sein malerischer Brutalismus sollte nicht über die Virtuosität und Feinheit seiner Bilder hinwegtäuschen, deren Intention freilich inhaltlicher Natur war. So erinnerte die „Helden“-Serie mitten im deutschen Wirtschaftswunder an die geistige und materielle Not der Nachkriegszeit; vor allem auch an die deutsche Schuld. Mit „Der Wald auf dem Kopf“ malte Baselitz 1969 sein erstes Umkehrbild. Ausgerechnet dem deutschen Wald, diesem urromantischen Motiv, verpasste er eine Drehung um 180 Grad – wie später dem Bundesadler.

Sich an der Vergangenheit reiben

Schien in der Saturiertheit des Wirtschaftswunders die unheilvolle deutsche Vergangenheit endgültig passé und überwunden, so nahmen Richter und Polke jetzt den Konsumismus selbst ins Visier. Ihr „Kapitalistischer Realismus“ erklärte die Warenwelt für bildwürdig. Richter malte nach der Vorlage einer Zeitungsannonce einen „Faltbaren Trockner“, Polke spöttisch schwebende „Würstchen“. Selbst die Ahnengalerie des eigenen Metiers war vor ihrer Ironie nicht sicher. Polkes Diagnose in „Moderne Kunst“ ist die einer gewissen Beliebigkeit. Sein berühmtes Bild „Höhere Wesen befahlen“ erschloss jüngst ein Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in seiner hochpolitischen Dimension: als verschlüsselte Diagnose gespenstischen Fortlebens des Nazismus in der Nachkriegszeit. Wie Richters gemalte Familienfotos hebt das Bild verdrängte Vergangenheit ins Licht.

Die Auseinandersetzung mit dieser sollte dann der Ausgangspunkt für Anselm Kiefers künstlerische Weltkarriere werden. Für seine Aktion „Besetzungen“ zeigte Kiefer an verschiedenen historischen Orten Europas den Hitlergruß – und riss damit Wunden auf, die dem Vergessen und Verdrängen längst verheilt wähnte.

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