Balthus-Ausstellung in Basel

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Balthus hat mehrere voyeuristische Bilder von Thérèse gemalt. „Thérèse, träumend“ (hier im Ausschnitt abgebildet) entstand 1938
Balthus hat mehrere voyeuristische Bilder von Thérèse gemalt. „Thérèse, träumend“ (hier im Ausschnitt abgebildet) entstand 1938. (Foto: Metropolitan Museum of Art)
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Dauer: bis 1. Januar 2019, Öffnungszeiten: tägl. 10 - 18 Uhr, Mittwoch 10 - 20 Uhr, Katalog: 62,50 CHF. Begleitend zur Ausstellung bietet das Museum ein breites Informations- und Vermittlungsangebot. So ist eine Expertendiskussion zur Kunstfreiheit geplant. Ein früheres Balthus-Modell will über ihre Arbeit berichten. Infos dazu unter: www.fondationbeyeler.ch

Balthus? Ist das nicht dieser schlüpfrige Franzose, der Museumsbesuchern gern Stoff für verbotene Fantasien lieferte? Der als Maler jungen Mädchen unter den Rock schaute und, Deckmäntelchen seiner Frivolität, ihre blütenweiße Unterwäsche als Sinnbild sittlicher Reinheit ins Bild brachte? Sodass man sich weiter fragt: Darf die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel diesen Künstler ausstellen? Ist eine Ausstellung mit Werken von Balthus nicht fragwürdig und bedenklich, in sittlich-moralischer Hinsicht verwerflich? Sie ist, in der gegenwärtigen aufgeheizten Atmosphäre vor allem gewagt.

Als 2016 die Entscheidung für die jetzige Ausstellung fiel, war die Situation noch eine andere. Doch seitdem ist einiges geschehen: der Weinstein-Skandal in den USA und die daraus erwachsene MeToo-Debatte zum Beispiel. Im Geiste des Hashtags forderten Ende letzten Jahres in einer Onlinepetition mehr als 11 000 Unterzeichner, dass Balthus’ Gemälde „Thérèse, träumend“, ein Glanzstück des Metropolitan Museum of Art in New York, wegen „Voyeurismus und Sexualisierung von Kindern“ abgehängt werde.

Ohne Abstriche an den Zeitgeist

Ende Januar wurde in der Manchester Art Gallery stattdessen ein Bild des viktorianischen Malers John William Waterhouse mit barbusigen Nymphen aus der Schausammlung entfernt. Die Liste ließe sich erweitern – und alle Beispiele belegen, dass die Kunst in die Defensive geraten, ja dass ihre Freiheit, in Deutschland immerhin eines der am stärksten bewehrten Grundrechte, in Gefahr ist: Durch den Auftritt selbsternannter Kunstrichter, die ihre sehr persönlichen sittlich-moralischen Maßstäbe zu denen der Allgemeinheit machen möchten. Doch Bildersturm und Bücherverbrennung waren noch nie adäquate Mittel kultureller Auseinandersetzung.

Dass die Fondation Beyeler die Schau jetzt ohne Abstriche und Zugeständnisse an den Zeitgeist realisierte, verdient Respekt. Als „großen Meister der Kunst des 20. Jahrhunderts“ kündet das Haus Balthus an. Der glänzende Bilderreigen von 40 Gemälden, großzügig auf sieben Säle verteilt, schließt auch das vermeintliche Skandalbild „Thérèse, träumend“ ein.

Um es deutlich zu sagen: Ja, das Bild ist voyeuristisch, aber doch nur in dem Maße, wie die Kunst von Haus aus selbst voyeuristisch ist, deren Feld das Sichtbare als visuelle Gestalt innerer Welten ist. Ein junges Mädchen, das vor sich hindöst, sinniert, tagträumt: Das Gemälde fängt Kindlichkeit an der Schwelle zu erwachender Sexualität ein. Ein bedeutsames, aufregendes Sujet. Und Balthus gestaltet die Szene moralisch so untadelig wie nur möglich. Dass dem Mädchen der Rock übers Knie gerutscht ist und den Blick auf die Leibwäsche freigibt, ist nicht erotisches Stimulans für den Betrachter. Es ist Indiz größtmöglicher Unmittelbarkeit und Unbefangenheit. Im Bild garantiert es genau die Gelöstheit, die Balthus für die träumerische Bildstimmung braucht.

Schon in seiner ersten Ausstellung 1934 schieden sich die Geister. Balthus erntete gleichermaßen Begeisterung und Empörung; gleichgültig blieb niemand. Als „Freud der Malerei“ wurde er tituliert. Kühl hatte er die Schau als Skandalveranstaltung geplant – so wie er auch später dem moralisch leicht erregbaren Affen von Zeit zu Zeit Zucker gab. Die Schau bescherte ihm Prominenz und eine Schar von Auftraggebern. Als Maler ging der gebürtige Pariser einen ganz eigenen Weg fern der Ismen der Moderne. Bezüge zur Kunst seiner Zeit wie den Surrealismus sind eher peripher. Die auffällige Bewegtheit der Motive im Frühwerk beruhigt sich im reifen Werk in mitunter wie gefroren anmutenden Szenerien. Wie still gestellt erscheint noch die bewegte Straßenszene des frühen Meisterwerks „La Rue“.

Bilder voller Erotik und Verlangen

Als Gegenwelten zum Zweiten Weltkrieg, aus dem er nach kurzer Zeit traumatisiert zurückkehrte, entstehen ländliche Idyllen und Landschaften, auf denen gleichwohl die Düsternis der Zeit als dunkler Schatten liegt – so in „Landschaft von Champrovent“. Erst in den Pastelltönen des Spätwerks hellt sich die dunkeltonige, erdfarbene Melancholie seiner Bilder auf.

Die Ausstellung zeigt Figurenbilder und Straßenszenen, Interieurs und Landschaften. Bis zuletzt bilden Begehren und Erotik das heimliche Zentrum von Balthus’ Malerei, die den Betrachter emotional ins Spiel des Verlangens einbindet. „Die schönen Tage“ zeigt eine junge Frau in lasziver Stellung auf einem Kanapee. Selbstverliebt schaut sie in einen Rundspiegel, der in der Perspektive phallische Anmutung gewinnt, während ein Mann mit nacktem Oberkörper am Kamin so sinnbildlich wie buchstäblich das Feuer der Leidenschaft schürt. Exemplarisch für das Gesamtwerk ist es eine Szene wie im Traum: rätselhaft, tief menschlich und unauslotbar.

Dauer: bis 1. Januar 2019, Öffnungszeiten: tägl. 10 - 18 Uhr, Mittwoch 10 - 20 Uhr, Katalog: 62,50 CHF. Begleitend zur Ausstellung bietet das Museum ein breites Informations- und Vermittlungsangebot. So ist eine Expertendiskussion zur Kunstfreiheit geplant. Ein früheres Balthus-Modell will über ihre Arbeit berichten. Infos dazu unter: www.fondationbeyeler.ch

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