Ballett aus den Niederlanden: Introdans in Friedrichshafen

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In den Choreografien von Altmeister Hans van Manen verschmelzen die Tänzer nahezu symbiotisch.
In den Choreografien von Altmeister Hans van Manen verschmelzen die Tänzer nahezu symbiotisch. (Foto: Roland Rasemann)
Katharina von Glasenapp

Die Niederlande punkten seit vielen Jahren mit ihren hochwertigen Tanzkompagnien und viel Fantasie im Modernen Tanz. Auch beim Bodenseefestival mit seinem Benelux-Schwerpunkt durfte ein interessanter Ballettabend nicht fehlen.

Mit drei außergewöhnlichen Choreographien von Hans van Manen, Lucinda Childs und Regina van Berkel war das von Roel Voorintholt geleitete Ensemble Introdans aus Arnhem an zwei Abenden zu Gast im Graf-Zeppelin-Haus. Es begeisterte mit seiner außerordentlichen Ästhetik in den ersten beiden Stücken und der rätselhaften Bildsprache nach der Pause. Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Yannis Pouspourikas und die Pianistin Magdalena Müllerperth beeindruckten mit rhythmischer Präsenz und Intensität in den Werken von Henryk-Mikolaj Górecki (Polish Pieces), Ludovico Einaudi (mit der Musik zu „Ziemlich beste Freunde“) und Theo Verbey („Frozen Echo“). Sie lieferten den Beweis, dass Livemusik auch im Ballett ein großes Plus bietet.

Einfarbige Ganzkörpertrikots aus glänzenden Stoffen sind ein Markenzeichen von Altmeister Hans van Manen und seinem Kostümbildner Keso Dekker. In den Polish Pieces nach pulsierender Musik von Henryk Górecki ergibt sich mit den Kostümen der Frauen in Blau- und Lila-Tönen und der Männer in Gelb- und Rottönen eine faszinierende Farbpalette. Sowohl, wenn die Tänzerinnen und Tänzer als Gruppe auftreten, als auch, wenn einzelne Paare in symbiotischer Zugewandtheit auf der Bühne sind. Van Manens Bewegungssprache ist abstrakt, mit weiten Dehnungen und Hebungen, schnellen kleinen Schritten aus gebeugten Knien heraus, konzentriert, fast ein bisschen maschinell und doch höchst variantenreich. Man wird hineingezogen in eine ausgeprägte Ästhetik.

Ähnlich verdichtet in der Farbwirkung, doch weicher und verspielter durch die fliegenden Chiffon-Tellerröcke der Tänzerinnen erschafft Lucinda Childs in „Petricor“ ein Tanzspiel für sechs Paare: Auf einer weißen Fläche im Bühnenhintergrund ergeben Projektionen eine Art Tanzschrift, die die Tanzfiguren nachzeichnet und in einer geometrischen Form festhält. Einaudis träumerisch sich aufschwingende, fließende Musik entwickelt einen meditativen Sog.

Schließlich „Frozen Echo“ von Regina van Berkel mit seiner so besonderen Bild- und Körpersprache. Die Bühne wird beherrscht von einer doppelreihigen Konstruktion von Computerbildschirmen, die sich wie die Wirbelsäule eines Dinosauriers biegen. Aus einem eng verschlungenen Menschenknäuel lösen sich Einzelne heraus, auftauchend aus Erstarrung tasten sie sich in Zeitlupe in die Bewegung, schlangenhaft, geheimnisvoll. Eine Frau mit Blütenkranz, eine andere mit schwarzem Kopfputz und langem Brautschleier, eine dritte mit wild toupierter Perücke scheinen in einer engen Beziehung zu stehen. Die Musik des Niederländers Theo Verbey wirkt sehnsuchtsvoll, manchmal voll dunkler Energie, manchmal schicksalhaft eindringlich. Was für eine Geschichte Regina van Berkel da erzählen will, ist vieldeutig. Mit leidenschaftlicher Energie wirft sich das Ensemble von Introdans in diese Aufgabe.

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