Azteken-Schilde beim Karneval

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Aztekische Federschilde (rechts) ließ der württembergische Herzog Friedrich I. bei einem Karnevalsumzug 1599 in Stuttgart mittra
Aztekische Federschilde (rechts) ließ der württembergische Herzog Friedrich I. bei einem Karnevalsumzug 1599 in Stuttgart mittragen. (Foto: Stiftung Weimarer Klassik/Hannes Bertram)
Reinhold Mann

Stuttgart - 150 Objekte zeigt das Lindenmuseum. Sie kommen aus den großen Museen der Weltkulturen in Europa und Mexiko-City. Drei Objekte erreichten das Lindenmuseum im Stadtverkehr. Sie wurden vom Landesmuseum angeliefert. Wie sie dorthin gekommen sind, ist weniger klar als die Frage, wie sie überhaupt nach Europa gekommen sind. Jedenfalls gehörten die drei Objekte 1911 bei der Gründung des Lindenmuseums zum Kernbestand seiner Sammlung. In der Azteken-Ausstellung werden sie zum ersten Mal in ihrem kulturhistorischen Zusammenhang gezeigt. Es handelt sich um eine 20-Zentimeter hohe Götterstatue, die unter den Funden der Aztekenzeit einzigartig ist. Sie ist aus grünem Stein, der für die Azteken wertvoller war als das Gold, hinter dem die Spanier her waren. Die Figur hat einen inneren Kanal, so dass ihr Getränke als Opfergaben zugeführt werden konnten.

Die anderen beiden Objekte sind zwei Federschilde. Bei Fotos der Schilde fällt zunächst die grafische Gestaltung auf, man sieht gar nicht, dass die flächig wirkende Farbe exakt aufgetragene Vogelfedern sind. Federschmuck war das Zeichen des Adels in einer Gesellschaft, die kaum soziale Durchlässigkeit hatte.

Inés de Castro, die Direktorin des Lindenmuseums, liefert in ihren Katalogbeiträgen Beispiele für solche sozialen Zusammenhänge. Für die Vogelfeder-Kunst waren bei den Azteken bestimmte Handwerker einer Stadt zuständig. Die Produktion setzte verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein, in der Zeit Moctezumas II., der sich an seinem Hof jene Paradiesvogelarten hielt, deren Federn verarbeitet wurden. Die Arbeit mit Vogelfedern ging in Mexiko nach dem Ende der Azteken weiter. Mit veränderten Motiven: Jetzt wurden Andachtsbilder und liturgische Gewänder daraus gemacht. Sie wurden auch exportiert. „Die farbenprächtigen Objekte verkörperten in der europäischen Vorstellung das indigene Amerika“, schreibt Inés de Castro.

In dieser Rolle tauchen diese beiden Federschilde 1599 (auf der Abbildung rechts zu sehen) in Stuttgart auf. Und zwar bei einem Karnevalsumzug, bei dem sich Herzog Friedrich I. von Württemberg, Genderthemen geschickt vorwegnehmend, mit langem Zopf als „Königin Amerika“ inszenierte. Die beiden Schilde werden ihm von stämmigen Landeskindern in schmuckem Lendenschurz hinterher- getragen.

Nach diesen Recherchen müssen die Schilde auch nach Oberschwaben gelangt sein: ins Kloster Weingarten. Bei der Auflösung der Klöster sind sie dann nach Stuttgart gekommen. (man)

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