Ausstellung: Roh.Stoff.Papier in Ravensburg

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Die Technik des Papiermachens - hier das Leimen - kam aus dem Süden Europas in den Südwesten Deutschlands. Der Stich stammt aus
Die Technik des Papiermachens - hier das Leimen - kam aus dem Süden Europas in den Südwesten Deutschlands. Der Stich stammt aus der Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert. (Foto: Museum Humpis-Quartier)

Wir stecken mittendrin in einer medialen Revolution. Die Digitalisierung hat unser Leben schon gründlich verändert. Die Abkehr vom Papier schreitet unweigerlich fort. Das Museum Humpis-Quartier widmet diesem Urstoff der Kommunikation seine neue Ausstellung. Mit gutem Grund, schließlich stand in Ravensburg eine der ersten Papiermühlen in Deutschland. Die Ausstellung wird am Freitag, 12. April, eröffnet.

Jeder technische Fortschritt stellt die Menschen vor neue Herausforderungen. Das ist heute nicht anders als vor 600 Jahren. Die Erfindung der beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg machte hohe Auflagen im Buchdruck möglich und stand damit am Anfang der Publizistik. Doch ohne eine andere Errungenschaft wäre das nicht denkbar gewesen: die Abkehr vom teuren Pergament und die Produktion von preiswerterem Papier.

Wer hat’s erfunden?

Die Chinesen sollen es im ersten Jahrhundert erfunden haben. Über Arabien gelangte die Technik nach Spanien (11. Jahrhundert), Italien (12. Jahrhundert) und schließlich auch nach Deutschland. Es waren Handelsstädte, die nicht nur das neue Produkt in Umlauf brachten, sondern auch die Kenntnis, wie es hergestellt wurde. Ulman Stromer gründete 1390 in Nürnberg die erste Papiermühle in Deutschland. 1393 ist eine in Ravensburg nachweisbar, 1407 in Augsburg, 1465 in Söflingen bei Ulm, 1468 in Kempten und 1478 in Memmingen. An die 200 Papiermühlen soll es in Deutschland bis Ende des 16. Jahrhunderts gegeben haben.

Die Ausstellung findet in der ehemaligen Residenz der Familie Humpis statt. Also jenes Geschlechts, das mit der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft fast zwei Jahrhunderte lang eine bedeutende Rolle im Fernhandel gespielt hat. Kaufleute brachten das Wissen um das neue Produkt nach Ravensburg. Und sie waren es, die das Schreibpapier aus den sechs Mühlen auf den Markt brachten. Mit den Wasserzeichen von Horn, Ochsenkopf, Doppelturm und Turm wurde Ravensburger Papier zu einer geschätzten Marke bis weit hinauf in den Norden, nach Talinn. Sandra Schultz, die die Ausstellung unter der Projektleitung des früheren Humpis-Direktors Andreas Schmauder kuratiert hat, ist eine Expertin in Sachen Geschichte der Papierherstellung im Südwesten. Sie hat ihre Doktorarbeit darüber geschrieben.

Die junge Historikerin, die inzwischen als wissenschaftliche Referentin im „Technoseum“ in Mannheim arbeitet, hat die Ausstellung auf mehrere Stationen verteilt. Dort können die Besucherinnen und Besucher erfahren, was zum Papiermachen nötig ist; wer es herstellt und unter welchen Bedingungen die Menschen gearbeitet, pardon: geschuftet haben. Illustriert werden die Abschnitte durch vergrößerte Stiche aus Diderots Enzyklopädie, die das Papiermachen zeigen – vom Lumpensammeln bis zum Glätten des Endprodukts.

Der neue Beruf des Papiermachers war in der Gesellschaft so geschätzt, dass er wohl nach nicht allzu langer Zeit für würdig befunden wurde, in eine der städtischen Zünfte aufgenommen zu werden. Sandra Schultz kann das anhand einer Zunftscheibe aus dem späten 18. Jahrhundert zeigen, auf der sich fünfmal das Emblem der Papiermacher findet.

Der Meister stand an der Spitze eines Betriebes, seine Gesellen arbeiteten ihm zu. Es muss ein Knochenjob gewesen sein, das Schöpfen, Gautschen, Legen, und alles im Akkord. Vier bis fünf Jahre dauerte eine solche Lehre. 3000 Bogen Schreibpapier seien an einem Tag hergestellt worden, erklärt Schultz. Als Mitte des 16. Jahrhunderts der Glätthammer erfunden wurde und die Rohmasse nicht mehr von Hand geglättet werden musste, gab es Proteste – zuerst vonseiten der Müller. In Ravensburg gelang es ihnen tatsächlich, den Rat dazu zu bringen, die neuen Hämmer für ein paar Jahre zu verbieten. Sie wollten sich die billigere Konkurrenz vom Hals halten. Denn mit Glätthammer erhöhte sich der Ausstoß auf 40 000 Blatt am Tag. Auch die Lehrlinge wehrten sich gegen die Innovation. Ihre Lehrzeit verlängerte sich dadurch, und sie mussten noch mehr Lehrgeld bezahlen. Denn nur wer beide Techniken beherrschte, konnte Geselle werden.

Doch waren dies nicht die prekärsten Jobs bei der Papierherstellung: Am Anfang der Kette standen die Lumpensammler. Oft waren es Frauen, die von Haus zu Haus zogen und alte Kleider und jede Art von Stoffresten einsammelten. Helle, weiße Leinwand war besonders begehrt, denn daraus ließ sich am Ende das schönste Papier herstellen. Es gab festgesetzte Preise. Wer mehr für die Ware gab, verstieß gegen die „Lumpenordnung“ und wurde bestraft. Sandra Schultz hat ein Ratsprotokoll gefunden, in dem sich ein Mühlenbesitzer über einen anderen beschwert.

Die Lumpen mussten zunächst zerrissen werden. Meist eine Arbeit für Kinder. Sie litten unter Husten und anderen Krankheiten. Die alten, dreckigen Lumpen waren wahre Keimschleudern. Papiermühlen galten als Seuchenherde. 1626 ging in Ravensburg eine tödliche Seuche von einer Mühle aus. Zuerst traf es den Papiermacher und seine Familie. Am Ende waren 300 Tote zu beklagen.

Wegen dieser Gefahr, aber auch wegen des Gestanks bei der Wässerung und dem anschließenden Fäulnisprozess, befanden sich die Papiermühlen außerhalb der Stadt, in Ravensburg entlang des Flappach und des Roßbach. Im Begleitprogramm zur Ausstellung wird dazu ein anderthalbstündiger Papiermühlenweg angeboten.

Industrie verdrängt Manufaktur

Wer eine Papiermühle gründen wollte, brauchte viel Kapital. Bau und Unterhalt von Mühlrad und Stampfhammer waren sehr teuer. Viele Papiermacher konnten ihre Betriebe besonders in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg nicht mehr finanzieren. Es fehlte am Rohstoff Lumpen, der Konkurrenzdruck wurde immer größer. Und so stiegen im Laufe der Zeit oft Kaufleute ins Geschäft ein, erklärt Sandra Schultz. Doch als Anfang des 19. Jahrhunderts die Papiermaschine erfunden wurde, bedeutete dies das Ende für den Manufakturbetrieb. Er war nicht mehr rentabel. 1876 schloss die letzte Papiermühle in Ravensburg.

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