Ausstellung: Max Beckmann in Freiburg

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Max Beckmanns berühmtes „Selbstbildnis mit steifem Hut“ von 1921 ist in Freiburg zu sehen.
Max Beckmanns berühmtes „Selbstbildnis mit steifem Hut“ von 1921 ist in Freiburg zu sehen. (Foto: Axel Killian/VG Bild-Kunst, Bonn)
Hans-Dieter Fronz

„Ich bin weiter an der Arbeit, male auch wieder, aber die Grafik wird mich nun wohl als ein sehr guter Freund begleiten.“ So schrieb Max Beckmann 1917 an seinen Verleger Reinhard Piper. Er sollte recht behalten mit dieser Einschätzung. Zwei Jahre zuvor hatte sich Beckmann nach einem Nervenzusammenbruch und seinem Abschied als freiwilliger Sanitätshelfer im Ersten Weltkrieg in Frankfurt niedergelassen. Fürs Erste kam er bei einem befreundeten Künstlerehepaar unter. Bis 1933 lebte er in der Mainmetropole. Tatsächlich schuf Beckmann in den Frankfurter Jahren vorwiegend Grafik. Die Ausstellung „Max Beckmann. Die Sammlung Classen“ im Haus der Graphischen Sammlung in Freiburg bietet einen Querschnitt.

Die gut 50 Kaltnadelradierungen, Lithografien und Holzschnitte stammen zum größten Teil aus der Sammlung Christa und Wolfgang Classen. Das Ehepaar pflegt seit Längerem freundschaftliche Beziehungen zum Augustinermuseum der Stadt. Konzipiert und kuratiert hat die Schau Verena Faber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Freiburger Museum für Neue Kunst. Es ist die zweite Präsentation dieses Museums im noch jungen Haus der Graphischen Sammlung, das zum Augustinermuseum der Stadt gehört.

Beckmann ist als Grafiker so bedeutend wie als Maler. Nicht aus patriotischen, aus künstlerischen Gründen hatte er sich 1914 als Freiwilliger gemeldet. „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“, vermerkte er 1915 schnoddrig in einem Brief an seine Frau Minna – er, der doch angesichts der Kriegswirklichkeit erschüttert über das sinnlose Morden war. Der „unsagbare Widersinn des Lebens“ schien für ihn darin auf. Als Grafiker übersetzte er die Menschheitskatastrophe in einer Kaltnadelradierung von 1918 ins biblische Motiv der Kreuzabnahme. Im selben Jahr entstand die Radierung „Spielende Kinder“. Das große Tohuwabohu der Krieg spielenden Kleinen ist ein Sinnbild der Infantilität der Krieg führenden Erwachsenen selbst.

In der Nachkriegszeit findet die Tragödie des Völkermordens in seinen Grafiken ihre Fortsetzung als Komödie – oder als Farce. In eine solche spielt das groteske Durch-, Unter- und Übereinander clownartiger Figuren in der Lithografie „Die Straße“ hinüber; „Die Hölle“ ist der Titel des Mappenwerks von 1919, dem das Blatt zugehört. Andere Grafiken wie „Pierrot und Maske“ oder „Fastnacht“ entlarven das Welttheater als absurdes Maskenspiel einer Gesellschaft, die aus der Katastrophe nichts gelernt hat. Maskenhaft stellt sich auch der Künstler selbst dar. Das erstarrte, tief ernste Antlitz des Selbstporträts eines Holzschnitts von 1922 ist der mimische Ausdruck vollkommener Desillusioniertheit. Die schwarzen Augenschlitze, die keinen Unterschied zwischen Pupille und Augenweiß zeigen, sind ein Spiegel der sinnverfinsterten Welt.

Das „große Menschenorchester“, wie Beckmann die Gesellschaft der Großstadt apostrophiert, tritt in seinen Grafiken vor allem als großes Gedränge und Gewürge in Erscheinung. Es herrscht klaustrophobische Beengung. Freilich stimmt auch das andere Extrem nicht froher: So verursachen die Stadtlandschaften einiger Blätter geradezu Platzangst.

Zu den grafischen Glanzstücken zählen die zehn Blätter der 1922 erschienenen Mappe „Jahrmarkt“. Gleichzeitig hochexpressiv und realistisch, mit Symbolik aufgeladen und doch auch von trefflicher Abbildlichkeit zieht die Mappe eine Summe aus Beckmanns Vorstellungen über Welt und Gesellschaft jener Zeit. Dem „Ausrufer“ des einleitenden Blatts leiht er die eigenen Züge. Spielt er in dem schlechten Stück des Welttheaters doch selbst mit – wenngleich aus der Position eines scharfsichtigen Beobachters.

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