Ausstellung: Kubismus in Basel

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 Pablo Picassos „Mädchenbildnis“ aus dem Jahr 1914.
Pablo Picassos „Mädchenbildnis“ aus dem Jahr 1914. (Foto: Kunstmuseum Basel)
Reinhold Mann

Das Kunstmuseum Basel ist über die Tram-Linie 6 mit der Fondation Beyeler verbunden, die zur Zeit den Picasso der Blauen und Rosa Periode präsentiert. Die „Büste einer Frau“ aus dem Sommer 1907, die nun im ersten Raum des Kunstmuseums die Besucher begrüßt, gehört ebenfalls in die rosa Periode und könnte daher auch drüben in Riehen hängen.

Die Sonderausstellung „Kosmos Kubismus“ im Kunstmuseum Basel erzählt von der nächsten Periode in der Entwicklung Picassos und gibt der künstlerbezogenen Schau in Riehen einen historischen Rahmen. Es ist eine fixe Idee, die Bedeutung des Kubismus damit zu begründen, dass über ihn so viel geschrieben wurde wie über keinen anderen Stil. Auch das Vorwort im Katalog beginnt mit diesem Satz. Schon die Dauer des Kubismus war Gegenstand von Kontroversen. Für einige Autoren ist nach sieben Jahren Schluss. Der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 war eine plausible wie rabiate Zäsur. Er beorderte die Maler an die Front, einige eilten freiwillig dorthin. Diese enge Definition des „eigentlichen Kubismus“ konzentriert sich auf seine Erfinder Braque und Picasso.

Die Baseler Ausstellung folgt diesem Verständnis nicht, wie ihr Titel ausweist. Sie hat ebenso die Zeit bis zum Kriegsende im Blick, als der Kubismus bunt wurde.

Und sie hat ein Händchen dafür, solche theoretischen Themen sinnfällig zu inszenieren wie den „eigentlichen Kubismus“. Der vierte Raum präsentiert Picasso und Braque in einer derart geschlossenen Werkauswahl und Hängung, dass ihre Werke ununterscheidbar erscheinen.

Der Raum ist ein gutes Beispiel für das Konzept, das die Kuratorinnen Eva Reifert und Claudia Blank verfolgen. Die Kubismus-Schau ist im Wesentlichen eine Übernahme aus dem Centre Pompidou, wo sie breiter angelegt war. Die Ausrichtung auf die Möglichkeiten und für die Saalfolge im Baseler Neubau bietet zwar weniger Bilder, aber man erlebt das Ergebnis als Bereicherung. In Paris wurden die Werke vor weißen Wänden präsentiert. In Basel hängen sie nun in farbigen Räumen. Die Töne sind auf die Bildauswahl und die Raumfolge sensibel abgestimmt.

Der üppige Katalog, auch vom Centre Pompidou übernommen, bietet einen Beitrag der kenntnisreichen Pariser Kuratorin Brigitte Leal, in dem sie die Kubismus-Literatur schön sortiert. Die stellt sich als überwiegend französische Angelegenheit dar, wenngleich ihre Wirkung nicht national beschränkt ist. Leal erteilt nach ausgiebiger Detailarbeit Picasso das Schlusswort: „Einer leichteren Deutung des Kubismus wegen hat man ihn mit der Mathematik, der Trigonometrie, der Chemie, der Psychoanalyse, der Musik und was weiß ich nicht alles in Verbindung gebracht. All das ist reine Literatur, um nicht zu sagen absurd, indem es die Leute mit Theorien blendet.“

Mit dieser Pointe erscheint die überreiche Rezeptionsgeschichte nicht als Prägung unserer Wahrnehmung, sondern als überflüssige Begleitmusik. Das widerspricht nun der Ausgangsthese: Wären denn die Erfolge Picassos und der anderen Kubisten denkbar ohne die - wenn auch vielleicht wirre - literarische Begleitung?

Die Ausstellung spiegelt diese Thematik wieder auf kluge Weise: Sie widmet den Raum „Dichter und Kritiker“ dem Austausch von Wort und Bild, von Kunst und Kritik. Und sie gibt diesem Netzwerk ein Gesicht. Sie ergänzt die Bilder aus Paris um wenige, aber pointiert ausgewählte Leihgaben anderer Häuser. In diesem Fall durch Picassos Porträt von Gertrude Stein aus dem Museum of Modern Art in New York: ein berühmtes Werk, für die Ausstellung von doppeltem Wert. Gertrude Stein, mit Picasso befreundet, hat genau beschrieben, wie er sie in 80 Sitzungen porträtiert hat. Und es markiert innerhalb der Werkfolge den Übergang von der Rosa-Periode zum Kubismus.

Der ist für das Kunstmuseum Basel ein Heimspiel. Schon im Mai 1914 zeigte es eine Picasso-Ausstellung. 1963 bekam es einen bedeutenden Eigenbestand durch die 90 Bilder aus der Schenkung von Raoul La Roche, einem gebürtigen Basler, der als Bankier in Paris eine Privatsammlung zum Kubismus aufgebaut hatte. Auch der in Stuttgart aufgewachsene Daniel-Henry Kahnweiler, der als junger Galerist in Paris 1908 mit seiner Braque-Ausstellung den Kubismus erstmals vorstellte und Picassos Kunsthändler wurde, floh im Ersten Weltkrieg in die Schweiz, nachdem Frankreich seine Galerie in Paris als feindlichen Besitz konfisziert und die Bilder versteigert hatte.

Die Ausstellung macht den Erfahrungsschatz des Baseler Hauses spürbar. Sie ist chronologisch aufgebaut und beginnt damit, aufzuzeigen, wo der Kubismus an die Kunstgeschichte anknüpfte. Sie tut das geradezu greifbar: An der Kopfseite des zweiten Saals hängt ein Cézanne aus dem Eigenbestand des Museums, der Mont Sainte-Victoire von 1906. An den Seitenwänden folgen Landschaften von Braque. Deren Farbpalette von Grün, Grau und Ocker und die Rückführung von Landschaft, Pflanzen, Gebäuden auf geometrische Grundformen demonstrieren eine geradezu übergangslose Anknüpfung an Cézanne.

Solche minimalen, wunderbar erhellenden Interventionen trifft man immer wieder. Dem Kriegsjahr 1914 ist ein großer Raum am Ende der Schau gewidmet. Aus der Pariser Ausstellung ist die Arbeit von Jacques Villon „Die Werkstatt des Mechanikers“ übernommen. Das Bild zeigt eine geschäftige Produktionshalle und wird vom Verlauf der Antriebsriemen rhythmisiert. Die Baseler Kuratorinnen ergänzen es um ein weiteres Gemälde Villons. Das ist zwar im Centre Pompidou zu Hause, aber war dort nicht in der Kubismus-Schau. In Basel wird aus der Gegenüberstellung der Villons eine Pointe: Das zweite Bild heißt (und zeigt) „Marschierende Soldaten“. Ihr Auftritt wirkt ebenfalls mechanisiert. Was die Zeitgenossen am Ersten Weltkrieg wahrgenommen haben, die Industrialisierung der Kriegsmaschinerie, ist in dieser Bildzusammenstellung kongenial erfasst.

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