Ausstellung: Klaus Prior in Kisslegg

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Klaus Priors Arbeiten im Schauraum Huber in Kisslegg.
Klaus Priors Arbeiten im Schauraum Huber in Kisslegg. (Foto: HENRY M.LINDER)
Siegfried Kasseckert

Pietà nennt der Maler und Bildhauer Klaus Prior eine mächtige Skulptur aus Gusseisen, die den Besucher im Kißlegger Schauraum von Wolfgang Huber empfängt. Unter dem Eindruck der Gräueltaten in Bosnien, Ruanda, Dafur, wo Frauen misshandelt und getötet wurden, hat Klaus Prior das Motiv der Pietà einfach umgedreht: Die männliche Figur steht vor dem Torso einer Toten. Prior gelang damit eine der berührendsten Arbeiten seines Werks. Bis 30.Juni sind im Schauraum Huber 65 Arbeiten, Bilder, Zeichnungen, Skulpturen zu sehen.

Wolfgang Huber ist ein leidenschaftlicher Kunstfreund und Sammler. Seit er 2013 seinen Schauraum (Galerist will er nicht sein) im Obergeschoß eines Neubaus eröffnete, hat er sieben Kunstausstellungen gezeigt. Er stelle nur Künstler aus, die er persönlich schätze, sagt der selbstständige Flaschnermeister, der einen kleinen Familienbetrieb leitet. So zeigte Huber im Jahre 2016 eine beeindruckende Werkschau des unlängst verstorbenen Ravensburger Künstlers Raimund Wäschle.

Expression pur

Jetzt also Klaus Prior. In Kißlegg hatte er früher ein Atelier, in der Region ist er dank einiger Ausstellungen (Achberg, Galerie Hölder, Galerie Wohlhüter) wohl bekannt. 1945 in Wesel (NRW), in den Ruinen der weitgehend zerstörten Stadt, geboren, wie er schreibt, besitzt Prior seit 1989 die Schweizer Staatsbürgerschaft und seit Langem ein Atelier im Tessin. Als Künstler ist Prior weitgehend Autodidakt. Erste Versuche als Maler reichen bis ins Jahr 1966 zurück, erste Versuche als Bildhauer bis ins Jahr 1990.

Wer die Kißlegger Ausstellung besucht, weiß nicht so recht, ob er dem Maler oder dem Bildhauer den Vorzug geben soll. In beiden Genres schuf Prior eigenständige Arbeiten. Nach den Eisenskulpturen vor dem Gebäude wie der Pietà erreicht der Besucher über eine Freitreppe den Eingang des Schauraums. An den Wänden feine Bleistiftzeichnungen, mit sensiblem Strich hingehaucht, dann kräftigere Gouachen. Wer genau hinschaut, erkennt immer wieder Teile von Figuren. Das Bild des vom Leben gezeichneten Menschen zieht sich durch sein gesamtes Werk, stark abstrahiert und oft nur auf den zweiten Blick erkennbar. Im Katalog schreibt der Kunsthistoriker Andreas Gabelmann aus Radolfzell: „Als Maler und Bildhauer rückt Prior stets das Menschliche in seiner brüchigen Existenz in den Brennpunkt der künstlerischen Intentionen.“

Nach einem schmalen Gang eröffnet sich der große Schauraum. Was für ein Anblick! An den Wänden zum Teil großformatige Kompositionen in Schwarz-Weiß, in gestisch-spontaner Bildsprache. Köpfe und Körperteile drängen schemenhaft an die Oberfläche. Expression pur. Faszinierend auch die Bilder auf Rohleinwand. Im Gegensatz zum Werk früherer Jahre beschränkt sich Klaus Prior jetzt auf eine sparsame Farbigkeit.

Die eher kleinformatigen Holzskulpturen im Schauraum sind noch abstrakter geworden als früher. Ohne Vorstudien schneidet Prior mit der Kettensäge ins harte Holz, in Zeder, Mammutbaum, Eiche, ja er attackiert das Holz geradezu und schafft so Bilder des Menschen, die im wahrsten Wortsinn vom Leben gezeichnet erscheinen. Wer die Skulpturen Georg Baselitz‘ mit Priors Skulpturen vergleicht, wird erkennen, dass Prior dem Großmeister ein Stück weit voraus, dass er radikaler ist. Nochmals Andreas Gabelmann: „Priors Arbeiten verkünden eine mitfühlende und zugleich anklagende Sicht auf den Menschen.“

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