Ausstellung: Frank Stella in Tuttlingen

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Dieter Kleibauer
Südfinder

„Frank Stella – Abstract Narration“ bis zum 25. November Di.-So. 11 bis 18 Uhr in der Galerie der Stadt Tuttlingen, Rathausstraße 7. Der kenntnisreiche Katalog

kostet 20 Euro.

Sein Name steht in einer Reihe der großen amerikanischen Künstler wie Warhol, Rothko, Johns oder Rauschenberg: Frank Stella stellt von heute an Werke in der Galerie der Stadt Tuttlingen aus. Ein Weltstar in einer deutschen Kleinstadt.

Der Künstler ist noch draußen, eine rauchen. Dann kommt er – Basecap, Karohemd, staubige Schuhe – unscheinbar, klein, mit müden Augen, der Jetlag, das Alter. Erst gestern ist er mit Frau und Assistentin in Zürich gelandet und mit dem Zug nach Tuttlingen gefahren, hat vom IC aus den Rheinfall in Schaffhausen bewundert. Und nun steht Frank Stella hier: 82 Jahre alt, Maler, Bildhauer, Objektkünstler. Und eine Legende der Moderne. Einer, dessen Karriere um 1960 begonnen hat und der noch immer, wenngleich reduziert, tätig ist. Er steht da gebeugt, ein leichtes Zittern in den Händen, wenn er seine Coca-Cola trinkt.

Bereits zum zweiten Mal stellt er Werke in der Donaustadt aus. Wie verschlägt es einen aus New York in die schwäbische Provinz? Galerieleiterin Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck kennt ihn privat aus Berufsjahren in den Staaten und aus ihrer Zeit als Kuratorin der Jenoptik-Stiftung in Jena. Vor sieben Jahren zeigte sie Plastiken von Stella, großformatige, wilde Werke in Tuttlingen, wo sie fast die Galerie sprengten.

Im Dialog mit anderen

Jetzt geht es konventioneller zu: Großformatige Bilder hängen in schlichten Rahmen an den Wänden. „Abstract Narration“ lautet der Titel, ein scheinbarer Gegensatz. Es handelt sich um Serien, Auseinandersetzungen mit dem Werk anderer Künstler, mit Hermann Melvilles Roman „Moby Dick“ etwa, mit Italo Calvinos Sammlung italienischer Märchen, Darstellungen imaginärer Orte.

Im Mittelpunkt steht eine Serie, mit der sich Stella mit dem russischen Wegbereiter der Moderne, dem Konstruktivisten El Lissitzkij, auseinandergesetzt hat. Stella hat vor Jahren eine Edition der Graphikserie Lissitzkijs über das jüdische Pessach-Lied „Had Gadya“ erworben, eine Art „Der Herr, der schickt den Jockel aus“ mit religiösem Überbau. Stella hat diesen Korpus anfangs der 80er-Jahre geschaffen. Die Bilder jetzt an den Wänden in der Tuttlinger Stadtgalerie zu sehen, ist für ihn wie ein „Blick in den Spiegel“, sagt er mit einem Zwinkern. Und er findet sie „nicht so schlecht.“

Wenn er sein Schaffen heute eingeschränkt hat, dann liegt das daran, dass es harte Arbeit für einen alten Mann ist. Hinter jedem Werk steckt ein langer Prozess; auf den ersten Blick offenbaren die Bilder die vielen Arbeitsschritte nicht. Zum Beispiel „Juam“: 112 (!) Druckvorgänge, 144 verwendete Farben, zwei Jahre Entstehungszeit, unterschiedliche Techniken wie Druckelemente aus Aluminium, dazu gegossenes Metall, Lithografie, Siebdruck, Metallstich, Aquatinta, Radierung, Prägedruck. Etwas vergessen? Ach ja: Holzschnitt, alles auf 202 mal 156 Zentimetern.

Stella arbeitet wie ein Staubsauger, er nimmt alles auf, Literatur (unter anderem verehrt er Heinrich von Kleist und die deutsche Romantik), bildende Kunst, Komponisten, kunsthandwerkliche Traditionen, Zeitgeschichte, sogar Sport. Als er 1991 an der „Moby-Dick“-Serie arbeitet, fällt ihm zufällig ein Buch mit chinesischen Gittermustern in die Hände – und fügt solche Muster gleich in sein Oeuvre ein. Dass Tuttlingen am europäischen Fluss Donau liegt, der Rhein aber auch nicht weit weg liegt, interessiert ihn auch. In welche Richtung fließt die Donau, will er wissen; er wohnt in einem soliden Hotel zwischen Fluss und Galerie, „nothing fancy“, mehr fordert er nicht, sagt die Galerieleiterin.

Für die Stadt Tuttlingen und Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck ist eine Ausstellung mit Frank Stella – sie ist exklusiv zu sehen – ein großer Wurf. Die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich; vor allem durch die hohen Versicherungssummen und die Transportkosten für die Werke, die eigens für diese Ausstellung aus den USA eingeflogen sind. Ein paar spendable Sponsoren aus der Tuttlinger und auswärtigen Wirtschaft haben die Werkschau möglich gemacht, unterstreicht die in der Szene gut vernetzte Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck – allein aus dem 50 000-Euro-Etat der Galerie könnte sie solche Veranstaltungen nicht finanzieren.

Die Stella-Ausstellung 2011 haben seinerzeit etwa 3500 Besucherinnen und Besucher gesehen. Und wie damals gilt auch diesmal das Prinzip wie bei allen Ausstellungen in der Stadtgalerie: Eintritt frei.

„Frank Stella – Abstract Narration“ bis zum 25. November Di.-So. 11 bis 18 Uhr in der Galerie der Stadt Tuttlingen, Rathausstraße 7. Der kenntnisreiche Katalog

kostet 20 Euro.

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