Ausstellung: Ernst Ludwig Kirchner in Ravensburg

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Ernst Ludwig Kirchner dürfte einer der produktivsten deutschen Maler gewesen sein. Unglaubliche 30 000 Werke soll er geschaffen haben. In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Schauen, die sich dem Mitbegründer der Künstlervereinigung „Brücke“ widmeten – von Biberach über Zürich bis Salzburg und Bonn. Die Kuratorin dieser soeben zu Ende gegangenen großen Kirchner-Retrospektive, Katharina Beisiegel, hat nun auch die aktuelle Ausstellung für das Ravensburger-Kunstmuseum gestaltet. Unter dem Titel „Fantastische Figuren“ werden von Samstag an bis 10. Juni 100 Arbeiten des Künstlers aus allen Perioden mit Schwerpunkt auf das Spätwerk gezeigt.

Von Dresden bis Davos

Zum Konzept des Kunstmuseums Ravensburg gehört es, bei Ausstellungen den Dialog mit der Sammlung Selinka zu suchen. Das sei bei Kirchner sehr leicht gewesen, sagt Ute Stuffer, die Direktorin des Kunstmuseums Ravensburg. Denn die Sammlung verfüge über ein großes Kirchner-Konvolut. Auch das allererste Bild, das Peter Selinka erwarb, war ein Werk des 1880 in Aschaffenburg geborenen Künstlers. Es ist die Kaltnadelradierung „Krankes Mädchen“ von 1917 und eines der Werke, die er während seiner zahlreichen Sanatoriumsaufenthalte geschaffen hat. Schwer traumatisiert vom Krieg, teilweise gelähmt, zog sich der Hochsensible zurück von der Welt. Die Holzschnitte aus jener Zeit sind Zeugnisse dieser düsteren Stimmung.

Andererseits legen Blätter aus dem Skizzenbuch noch eine andere Interpretation nahe: Kirchner habe gewusst, dass die Ärzte die Notizen der Patienten studieren würden, sagt Katharina Beisiegel. Die fahrigen Striche und wilden Kritzeleien seien durchaus absichtsvoll gewesen. Kirchner wollte nicht mehr an die Front geschickt werden.

Die Besucher empfängt ein leuchtendes Parkbild mit einer Kirchner-typischen schmalen Figur aus dem Jahr 1916. Indem die Ausstellung dem Figürlichen und seinen Veränderungen im Werk nachspürt, entfaltet sie auch die verschiedenen Lebensstationen des Künstlers von den Anfängen in Dresden, über die Ferien auf Fehmarn bis zu Kirchners Freitod 1938 in Davos. Zu sehen sind das Original des „Brücke“-Manifests und Fotografien, die einen Schimmer geben vom wilden Leben der Bohème in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Beseelt von der Lebensreform-Idee gingen die jungen Künstler mit ihren Freundinnen hinaus in die Natur, frei von Konventionen, nackt. Ohne Tabus zeichneten sie Akte. Die Modelle waren jung, sehr jung, zu jung. Der Blick auf „Fränzi und Erich Heckel, spielend“ (1910) löst Befremden aus. Ist es nicht schon Missbrauch, Kinder in solchen Posen zu malen? Die Ausstellung weicht dieser Frage ebenso wenig aus wie der nach der „Ausbeutung“ fremder Kulturen.

Viele Künstler der Moderne haben sich in den Völkerkundemuseen inspirieren lassen. Kirchner faszinierten die Benin-Bronzen (1910) in Berlin oder der Palau-Balken in Dresden. Hat er sich für die fremde Kultur interessiert oder hat er sie „nur“ abgemalt und also ausgebeutet?

Kirchner muss ein Schwieriger gewesen sein. Ehrgeizig auf seinen Erfolg bedacht schrieb der immer wieder von seiner Drogensucht eingeholte Maler unter dem Pseudonym Louis de Marsalle Kritiken über seine eigenen Ausstellungen. Und wütend wurde der „Brücke“-Gründer, wenn er als „Expressionist“ bezeichnet wurde. Sukzessive hat er sich hinbewegt zu seinem „Neuen Stil“. Dieser Phase ist der zweite Stock gewidmet. Es sind eindrucksvolle Großformate, allesamt in Davos entstanden. Aus dem dortigen Museum sind die „Drei alten Frauen“ (1925/26) nach Ravensburg gekommen. Aber auch jene wunderbar rätselhafte Balkonszene von 1935 mit Patientin und dem Arzt im Pharaonenkostüm. Einige Beispiele für diesen Spätstil wie das Porträt des Geigers Gustav Häusermann fand die Kuratorin ganz in der Nähe: Ein Bruder Kirchners lebte in Biberach und die Familie hat dem dortigen Museum bis heute wertvolle Dauerleihgaben überlassen.

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