Ausstellung: „Ekstase“ in Stuttgart

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Eine Besucherin geht an einem Werk von Ferdinand Hodler aus dem Jahr 1911 mit dem Titel „Entzücktes Weib“ vorbei.
Eine Besucherin geht an einem Werk von Ferdinand Hodler aus dem Jahr 1911 mit dem Titel „Entzücktes Weib“ vorbei. (Foto: Bernd Weissbrod)
Deutsche Presse-Agentur
Roland Böhm

Bis 24. Februar im Kunstmuseum, Führungen Fr 18 Uhr und So 15 Uhr, Katalog ist im Prestel Verlag erschienen, im Buchhandel 45 Euro, im Museum 39 Euro. www.kunstmuseum-stuttgart.de

Die Sehnsucht nach ekstatischen Erlebnissen, nach dem Außer-sich-Sein, ist so alt wie die Menschheit. Es ist längst an der Zeit, diesem Phänomen aus kunsthistorischer Sicht auf den Grund zu gehen. Stuttgart macht’s mit einer Ausstellung im Kunstmuseum mit 230 Werken. Warum waren und sind es vor allem die Künste, in denen ekstatische Erlebnisse eine besonders große Rolle spielen? Die Ausstellung im Kubus am Schlossplatz gibt Einblicke in die Entwicklungsgeschichte der Ekstase von der Antike bis in die Gegenwart, von künstlerischen Darstellungen des dionysischen Kults und der christlichen Ekstase bis zum Drogenrausch oder dem frenetischen Jubel in Fußballstadien. „Ekstase“ zeigt bis zum 24. Februar Arbeiten von 71 Künstlern.

E wie Erregung: Mit dem Schwinden religiöser Moralvorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sei das Interesse an der inneren Welt des Menschen, seiner Lust, an die Bildoberfläche getreten, heißt es. Als erste filmische, nicht pornografische Darstellung eines weiblichen Orgasmus markierte das Ehedrama „Ekstase“ aus den 1930er-Jahren des tschechischen Regisseurs Gustav Machatý einen Umbruch im gesellschaftlichen Denken, wie es hieß. Andy Warhol (1928-1987) ist mit dem Stummfilm „Blow Job“ im Kunstmuseum vertreten. 61 Fotos der US-Amerikanerin Aura Rosenberg (*1949) zeigen den Gesichtsausdruck von Männern im Moment des sexuellen Höhepunkts.

K wie Künstler: Neben Warhol sind weitere große Namen in der Ausstellung versammelt. Emil Nolde (1867-1956) etwa, Otto Dix (1891-1969) oder Ernst Ludwig Kirchner (1880-1838) sind im Raum Tanzekstasen mit ihren Werken versammelt. Joseph Beuys (1921-1986) setzte eine seiner ekstatischen Erfahrungen in ein Video um. Pablo Picasso (1881-1973) ist mit einer Radierung zu sehen, Paul Klee (1879-1940) mit einer Zeichnung.

S wie Sucht: Ekstase wird unweigerlich mit dem Konsum von Drogen verbunden. Der Warnung vor Drogen steht die Meinung entgegen, dass Kokain und Co. das Denken befreien. Etliche Künstler erlagen dem Reiz, mit Drogen ihren kreativen Schaffensprozess zu beeinflussen. Der Pole Stanislaw Ignacy Witkiewicz (1885-1939) notierte auf seinen Kreideporträts, welchen Kokain-Mix er zuvor eingenommen hatte.

T wie Tanz: Die quirlige Tänzerin Anita Berber, die Otto Dix mit einem seiner Hauptwerke genial porträtierte, gilt als „gelebte Ekstase“, wie Kuratorin Anne Vieth sagt. Berber übertrug, gelegentlich splitternackt, den Drogenrausch in den Tanz –und ihre Abhängigkeit auf die Bühne. „Sowas hat zuvor niemand als getanzte Choreografien aufgeführt“, sagt Vieth.

A wie Antike: „Ekstase ist so alt wie die Menschheit“, sagt Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums. Bewusst über physische und mentale Grenzen gehen, um in einen anderen Bereich der Wahrnehmung zu kommen, beschäftige Musiker, Maler und Tänzer von jeher. Das Motiv des sogenannten Bacchantischen mit tanzenden und erotisierten Mänaden sowie dem laut musizierenden und vom Wein dauertrunkenen Gefolge des Ekstasegottes Dionysos beschäftigte die Ikonographie Jahrhunderte.

Im Rausch der Masse

S wie Sport: Der Sprung ist drastisch, aber ein Stockwerk höher empfängt den Besucher ein Riesenfoto der „Gelben Wand“ im Stadion des Fußballclubs Borussia Dortmund. Europas größte Stehplatztribüne symbolisiert einen Ort der kollektiven Ekstase des Sports. Hier kann das kontrollierte Selbst ausbrechen und sich im frenetischen Jubel der Masse gehen lassen.

E wie Ekstatisches Erleben: Die zentrale Bedeutung der Musik für das „Außer-sich-Sein“ würdigt die Ausstellung an mehreren Stellen – am Ende sogar mit einer ganzen Etage des Kunstmuseums. Die Klang- und Lichtinstallation „Dream House“ von La Monte Young und Marina Zazeela ist ein Erlebnisraum für die Besucher. Das Zusammenspiel von Licht und melodiefreien Klängen soll eine ganzheitliche Erfahrung ermöglichen, hieß es. „Fernab alltäglicher Wahrnehmung.“

Bis 24. Februar im Kunstmuseum, Führungen Fr 18 Uhr und So 15 Uhr, Katalog ist im Prestel Verlag erschienen, im Buchhandel 45 Euro, im Museum 39 Euro. www.kunstmuseum-stuttgart.de

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