Ausstellung: Bruegel in Wien

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 In der menschelnden Komik unterscheidet sich Bruegel von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch. Auf einem Bild von 1563 lässt
In der menschelnden Komik unterscheidet sich Bruegel von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch. Auf einem Bild von 1563 lässt er die „Dulle Griet“ durchs Land ziehen. (Foto: Antwerpen, Museum Mayer van den Bergh)
Christa Sigg

„Bruegel“: bis 13. Januar im Kunsthistorischen Museum Wien, täglich von 10 bis 18, Do bis 21 Uhr, Katalog (Belser) 39,95 Euro, www.bruegel2018.at

Wild wird hier gefeiert. Die Bäuerin schnappt schon nach Luft, so heftig zieht sie ihr derbgesichtiger Gatte zu den anderen Tänzern. Am Tisch lallen die Zecher, dahinter wird unbeholfen gebusselt, und auf dem Boden liegen bereits die ersten Scherben, dazu Walnussschalen im Ausmaß eines Fußballs. Alles ist überlebensgroß. Mächtig hochgezoomt wird dieser „Bauerntanz“ und damit gleich im Entree klar: Pieter Bruegel, dem Älteren, wird auf den Zahn gefühlt. Kein noch so winziges Fitzelchen ist ausgespart in dieser ersten umfassenden Ausstellung zum 450. Todestag des Künstlers im Mai 2019.

Dass dieses Riesenspektakel im Wiener Kunsthistorischen Museum stattfindet, hat einen simplen Grund. Durch die ebenso kunstsinnigen wie kunstgierigen Habsburger besitzt man mit zwölf Tafelbildern die größte Bruegel-Sammlung weltweit. Das ist bald ein Drittel der überlieferten Gemälde. Dass neben 60 Blättern nun fast 30 dieser extrem dünnen und somit hochgradig empfindlichen Tafeln zusammengekommen sind – darunter Museumsikonen wie der „Triumph des Todes“ aus dem Prado oder das kleine Pendant des „Turmbaus zu Babel“ aus Rotterdam –, ist eine Sensation.

41 Gemälde nachgewiesen

Insgesamt werden seit Kurzem 41 Gemälde gezählt. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts konnte eine Hafenansicht Neapels, die als Werkstattarbeit galt, Bruegel selbst zugeschrieben werden. Wobei die Begründung auch gleich eine Erklärung für die Faszination liefert, die vom Superstar unter den alten Meistern ausgeht: Keiner sonst konnte Mitte des 16. Jahrhunderts die Details so ungemein präzise und virtuos bis ins Mikroskopische hinein wiedergeben. Das ist gerade in den Vergrößerungen gut nachvollziehbar, zudem wird man in den Seitenkabinetten durch sämtliche handwerklich-technischen Raffinessen geführt.

Das unterstreicht die Vermutung, dass der als „Bauern-Bruegel“ abgestempelte Flame zum Miniaturmaler ausgebildet wurde. Wahrscheinlich in Antwerpen und Brüssel im Atelier von Pieter Coecke van Aelst, dessen Tochter Mayken er heiraten wird.

Künstler gibt Rätsel auf

Der um 1525/30 geborene Bruegel durchläuft aber nicht nur eine sichtbar strenge Schule, er muss sich in den ersten Jahren auch sein Geld mit Kupferstichen beim Verleger Hieronymus Cock verdienen. Und als er sich Ende der 1550er-Jahre, nach Reisen durch Frankreich und Italien, endlich ganz auf die Malerei konzentrieren kann, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. 1569, nur ein Jahr nach der Geburt seines Sohnes Jan, dem späteren Blumen-Bruegel, stirbt dieser rätselhafte Fantast, der eine sehr viel breitere Palette vorzuweisen hat, als es die millionenfach reproduzierten Dorfzünftigkeiten und Wimmelbilder nahelegen.

Denn bei all seinem umtriebigen Personal ist Pieter Bruegel immer auch ein fabelhafter Landschaftsmaler. Nicht einmal die weißen Hügel hinter den „Jägern im Schnee“ (1665) werden zum bloßen Fond einer Szene degradiert. Überhaupt könnten jedes Gebirge und jeder Wald für sich stehen, so gewissenhaft sind sie komponiert und bis in die letzte Astgabel hinein durchgearbeitet. Dabei schaut eh jeder auf den später hinzugefügten Jäger im Vordergrund, diese typische Rückenfigur, mit der Bruegel den Betrachter unmerklich ins Bild gleiten lässt, dann zur frierenden Hundemeute und schließlich auf die ausgelassenen Schlittschuhläufer weiter hinten.

Im Nebeneinander der Gemälde und besonders der Zeichnungen verliert Bruegel schnell das Image des Vervielfältigers harmlos wuseliger Szenen. Schon die herrlich lakonische Federzeichnung „Maler und Kenner“, die ein Selbstbildnis sein könnte, zeigt einen missmutigen Künstler-Zausel, der sich seiner Situation sehr wohl bewusst ist: nämlich für einen wenig geistvoll wirkenden Kunden zu werkeln, der die Hand schon am Geldbeutel hat. Der Kauflustige trägt übrigens einen Nasenzwicker; wem es sonst noch an Erkenntnis mangelt, der torkelt bei Bruegel blind durchs Leben – bis zum Absturz.

Dieser Witz ist zum Greifen, und gerade in der menschelnden Komik unterscheidet sich Bruegel von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch. Überdeutlich wird das mit der „Dulle Griet“. Mit Schwert und Bratpfanne zieht sie durch eine verwüstete Landschaft, die im Vokabular sofort an Bosch erinnert. Doch im Schlepptau hat dieses toll gewordene Weibsbild marodierende Kriegerinnen – die Geschlechterhierarchie steht auf dem Kopf. Und womöglich setzt sich die Kampf-Grete am Ende sogar durch.

Zurückhaltend bei Deutungen

Der humanistisch gebildete Maler scheint sich jedenfalls wenig um Ordnungen und Autoritäten gekümmert zu haben. Zumindest nicht um die kirchlichen. Und italienische Klarheit ist erst recht nicht seine Sache. Bruegels Heilige muss man oft genug suchen wie etwa den vom Pferd gestürzten Paulus zwischen unzähligen Söldnern. Auch Christus, der sein Kreuz schleppt, ist im Treiben des Alltagspersonals mit seinen vielen Nebenerzählungen kaum auszumachen, Pieters Sohn Jan wird das später noch steigern, aber warum eigentlich? Wie kritisch stand der Katholik Bruegel seiner Kirche gegenüber? Und wie sehr fließen die immensen Umwälzungen der frühen Neuzeit in seine Bilder ein?

Dezidierte Deutungen versagt man sich bei dieser Präsentation von immerhin 90 Werken. Mit Fakten wären sie auch schwerlich zu belegen. Stattdessen wird über Bruegels Handhaltung beim Malen philosophiert. Vor allem aber führen Infrarotreflektografien und Röntgenaufnahmen tief in die Eingeweide seiner Bilder hin zu Vorzeichnungen und Malgrund – Konzeptveränderungen sind so leicht auszumachen. Das kann auch für Laien spannend sein, am Ende aber sind es die Interpretationen, die eine Künstlerpersönlichkeit nahebringen. Doch wer will sich schon aufs Glatteis begeben, wenn exakte Messungen Sicherheit bieten? Ein bisschen ist das wie in der Medizin, aus der die ganze Technik kommt: Da geht nichts mehr ohne Laborwerte, CTs und EKG-Diagramme, auf das Erscheinungsbild des Patienten mag man sich kaum mehr verlassen.

Insofern liegt diese grandiose Schau ganz im Trend der Zeit. Und eines ist sicher: Nie mehr wird man diese Fülle echter Bruegels erleben.

„Bruegel“: bis 13. Januar im Kunsthistorischen Museum Wien, täglich von 10 bis 18, Do bis 21 Uhr, Katalog (Belser) 39,95 Euro, www.bruegel2018.at

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