Arcade Fire im Interview

Lesedauer: 8 Min
„Der Akt des Erschaffen ist so schön, dass es ein natürliches Gegengift zur Dunkelheit darstellt“, sagt Will Butler von Arcade F
„Der Akt des Erschaffen ist so schön, dass es ein natürliches Gegengift zur Dunkelheit darstellt“, sagt Will Butler von Arcade Fire. (Foto: Thomas Melcher)

Live: Ihren nächsten Deutschland-Auftritt haben Arcade Fire am 13. August in der Zitadelle Spandau in Berlin.

Einklappen  Ausklappen 

Mit einer Mischung aus aktuellen Stücken vom Album „Everything Now“ und älteren Songs haben Arcade Fire ihre Fans beim Southside Festival begeistert. Vor der Show hat sich Will Butler Zeit genommen, um mit Christiane Wohlhaupter und Daniel Drescher über das aktuelle Album, David Bowie und Zukunftsängste zu sprechen.

Will, welche Hilfestellung gebt ihr jemanden, der noch nie von euch gehört hat?

Unsere ursprünglichen Wurzeln liegen bei New Order und Age of Consent, Neil Young und Steve Reich. Es gibt sechs bis acht Grundzutaten und dann wird es komplizierter.

Ihr hattet die Gelegenheit mit David Bowie zusammenzuarbeiten. Wie sehr schmerzt sein Verlust?

Sehr. Bowie kam zu unseren ersten Shows in New York und empfahl uns seinen Fans weiter. Bei den ersten Konzerte in Deutschland und Großbritannien waren viele David Bowie-Fans mittleren Alters. Er ist uns immer auf Augenhöhe begegnet. Er hat in seiner Karriere viele verschiedene Masken aufgesetzt und sonderbare Wege eingeschlagen, aber er war sehr warmherzig. Er war immer mit seinen Fans, der Welt und auch seinem Tod beschäftigt.

Es war eine ganz schön abenteuerliche musikalische Reise vom Debüt „Funeral“ zum aktuellen Album „Everything Now“. Spuken schon Ideen für neue Musik im Kopf herum?

Ja, immer. Aber wir können erst schreiben, wenn wir zu Hause sind und es dort richtig anpacken.

Was ist das Besondere an Zu Hause?

Manche Musiker schreiben im Tourbus, andere in einem kleinen Zimmer in der Isolation - aber wir müssen heim. Wir erlauben der Musik, sich natürlich zu entwickeln. Anders können wir keine Musik machen. Auf „Funeral“ hatten wir vier Songs mit dem Titel „Neighborhood“ (deutsch: Nachbarschaft) – der Ort, wo auch unsere Eltern, unsere Cousins, unsere Nachbarn sind, beflügelt unsere Kreativität.

Nicht jeder eurer früheren Fans kann mit eurem eingeschlagenen musikalischen Pfad etwas anfangen. Wie geht ihr damit um? Übt dieses Wissen Druck auf euch aus?

Wir verspüren so gut wie keinen Druck von außen. Wir müssen uns ja auch untereinander bereits mit fünf, sechs, sieben anderen Menschen koordinieren – das ist schon genug Arbeit. Da hat man keine Zeit, auch noch zu berücksichtigen, was Leute von außerhalb denken. Der Künstler macht die Kunst, der Kritiker beurteilt sie und die Zuhörer machen damit, was sie wollen.

„Put Your Money on Me“ sticht von eurem aktuellen Abum „Everything Now“ sehr heraus, weil er unglaublich nach ABBA klingt. Gibt es andere Bands, die eine wichtige Rolle bei eurer künftigen Musik spielen werden?

ABBA haben uns schon vor unserem ersten Album „Funeral“ beeinflusst, genauso wie New Order, Depeche Mode und The Clash. Der Einflussmacht sich in unterschiedlichen Mischungen und eher unterbewusst bemerkbar. Letztlich ist es die Aufgabe der Kritiker, das aufzuschlüsseln. Generell denke ich, dass Künstler furchtbare Kritiker ihrer eigenen Arbeit sind.

Findet auch ihr euch als Inspiration in der Musik anderer Künstler wieder?

Elemente unserer Musik sind an anderer Stelle durchgesickert und wir hören unser Echo bei manchen Musikern. Aber das stört uns nicht.

Gibt es Fälle, bei denen es euch stört?

Wir mussten Microsoft verklagen, weil sie einen Abklatsch von „Wake Up“ benutzt haben. Und die Football-Liga NFL hat einen Song von uns ohne unsere Zustimmung genutzt. Wir haben dann dafür gesorgt, dass sie Geld an „Partners in Health“, eine Hilfsorganisation in Haiti, zahlt.

Das britische Musikmagazin NME hat konstatiert, dass ihr auf eurem Album angstvoller vor der Zukunft erscheint als je zuvor. Was schreckt euch an der Zukunft?

Wir haben das Gefühl auf die Apokalypse aber auch auf Utopia zuzusteuern. Das ist zwar inkonsequent, aber verständlich. Ich könnte sechs Geschichten aufzählen, die mich sehr hoffnungsvoll machen und dann gibt es so viele Nachrichten, die uns als dem Untergang geweiht erscheinen lassen. Das hat sich schon immer durch unsere Arbeit gezogen. Gerade „Neon Bible“ war sehr düster, wenn man beispielsweise an den Song „BlackWaves/Bad Vibrations“ denkt.

Wie viel tragen die sozialen Medien zu den düsteren Zukunftsaussichten bei?

Es gibt Aspekte bei den sozialen Medien, die sind entsetzlich und schädlich. Und es gibt definitiv mehr Rechtsextreme aufgrund der sozialen Medien. Aber im Internet wird auch schöne, verspulte Folk-Art erschaffen. Auch die Ureinwohner Nordamerikas erzählen über das Internet ihre Geschichte. Als wir in der Vorstadt von Houston, Texas aufgewachsen sind, haben wir nur mitbekommen, was im Radio lief. Heute haben die jungen Menschen Zugriff auf so viel mehr – manchmal macht sie das zu Rechtsextremen und manchmal eben zu fantastischen Künstlern. Es nähern sich also Apokalypse und Utopia.

„Neon Bible“ enthielt den Song „Black Mirror“. Inzwischen gibt es eine britische Science-Fiction-Serie gleichen Namens. Diese setzt sich ebenfalls kritisch mit technischem Fortschritt auseinander. Ist das Zufall?

Ich habe irgendwo gelesen, dass die Schöpfer der Serie Fans des Songs und unserer Band sind. Ich kann diesen Zwiespalt schon verstehen: einerseits eine große Angst vor der Entwicklung der Technologie zu haben und andererseits daraus etwas Unterhaltsames zu erstellen. Der Akt des Erschaffens ist so schön, dass es ein natürliches Gegengift zur Dunkelheit darstellt.

Live: Ihren nächsten Deutschland-Auftritt haben Arcade Fire am 13. August in der Zitadelle Spandau in Berlin.

Einklappen  Ausklappen 
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen