Anregende Lektüre: „Überlingen literarisch“

Der Bodensee – für die einen lähmende Idylle, für die anderen Quelle der Inspiration: Martin Walser in seinem Garten.
Der Bodensee – für die einen lähmende Idylle, für die anderen Quelle der Inspiration: Martin Walser in seinem Garten. (Foto: Roland Rasemann)
Redakteurin

Es hätte ein großes Jahr werden sollen für Überlingen mit 1250-Jahr-Feier und Landesgartenschau. Letztere wird verschoben, und das Jubiläum muss in kleinerem Rahmen begangen werden. Der publizistischen Orchestrierung solcher Ereignisse freilich kann Corona nichts anhaben. Und so ist die ansprechend gestaltete Anthologie „Überlingen literarisch“, erschienen im Gmeiner Verlag Meßkirch, völlig gefahrlos zu goutieren.

Waltraut Liebl und ihr Gatte Siegmund Kopitzki, beide Germanisten, beide ausgewiesene Kenner der Kultur am Bodensee, haben Texte aus sieben Jahrhunderten ausgewählt, die einen Bezug zu Überlingen haben. Das Spektrum ist weit, reicht vom Minnesänger Burkhart von Hohenfels bis zu Lukas Holliger und seinem Theaterstück über den Flugzeugabsturz bei Überlingen im Jahre 2002. Es sind bekannte Namen dabei – die Droste, Kerner, Schwab, Uhland, Hesse, Stadler. Und selbstverständlich die Walsers – Martin, Johanna, Alissa, Theresia. Der Patron ist mit Auszügen aus seinem berühmten „Heimatlob“ vertreten: „Unsere Hügel sind harmlos. Der See ist ein Freund. Der Himmel glänzt vor Gunst. Wir sind in tausend Jahren keinmal kühn.“ Johanna hat es der Wind angetan, ihren Schwestern das den See besiedelnde Geflügel – Ente, Möwe, Schwalbe, Schwan.

Ein absolutes Hochlicht ist „Gegenbö auf dem Narrenschiff“ von Hermann Burger. Herrlich ironisch schildert der Schweizer Schriftsteller die nicht ganz geglückte erste „Litera-Tour“ im Jahre 1987.

Nicht alle Texte haben das gleiche Gewicht. Manches hat offenbar nur wegen der Prominenz seiner Verfasser Eingang in die Sammlung gefunden wie die Einträge von Christa Wolf und Siegfried Unseld ins Gästebuch der „Abnehmklinik“ Buchinger. Versammelt sind auch viele Namen, die man heute nicht mehr kennt. Aber das Buch kann fast schon als kleines Handbuch durchgehen. Denn jedem Text haben die Herausgeber ein kenntnisreiches Autorenporträt vorangestellt. Den Mittelteil des 374 Seiten umfassenden Buches zieren Zeichnungen von Andrea Zaumseil, gebürtige Überlingerin, die dieses Jahr den Kulturpreis des Bodenseekreises erhalten hat.

Der Bodensee gilt als Idylle pur. Doch gerade diejenigen, die in dieser Region aufgewachsen sind oder länger gelebt haben wie Manfred Bosch, Peter Hamm oder Peter Renz sehen, entlarven und benennen auch die Schattenseiten. Zum Beispiel der 2008 in Neufra verstorbene Werner Dürrson. In seinem Gedicht „Schwanengesang“ heißt es: „Ein Landstrich geschaffen für solche/ mit denen noch Staat zu machen ist/ Kommt nur ihr ausgedienten Verdiener/ ihr abgeschlafften Denker Dichter Anarchen/ Freut Euch des Abends/ hier dämmert Deutschland am schönsten.“

In der NS-Zeit kamen Schutz suchend Intellektuelle und Künstler an den See. Auch der Journalist Erich Kuby verbrachte einige Zeit hier und diagnostizierte „materielles und, noch schlimmer, geistiges Elend hinter märchenhaft schönen Kulissen“.

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