AC/DC in München: Rock in Reinform

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Ungebremst: Gitarrist Angus Young in der typischen Schuluniform und Sänger Brian Johnson (auf der Leinwand im Hintergrund) zeige
Ungebremst: Gitarrist Angus Young in der typischen Schuluniform und Sänger Brian Johnson (auf der Leinwand im Hintergrund) zeige (Foto: Roland Rasemann)
Daniel Drescher

Die Australier geben im ausverkauften Olympiastadion in München ein überragendes Konzert. Unser Redakteur Daniel Drescher hat mitgerockt.

Als die australische Rockband AC/DC 1979 ihr bis dato erfolgreichstes Album „Highway To Hell“ veröffentlicht, markiert dieses Album das Ende einer Ära – in doppelter Hinsicht. Ein rockmusikalisch aufregendes Jahrzehnt hat der Welt prägende Alben von Gitarren-Schwergewichten wie Led Zeppelin, The Who und Black Sabbath beschert. Sieben Monate nach Veröffentlichung der Platte, die AC/DC den kommerziellen Durchbruch bringt, stirbt Sänger Bon Scott nach einem Alkoholexzess. Eine Zeile des von ihm getexteten Titelsongs beschreibt 36 Jahre später noch immer die Dynamik der Band: „No stop signs/Speed limit/Nobody’s gonna slow me down“, heißt es da in „Highway to Hell“. Keine Stoppschilder, kein Tempolimit, nichts wird mich bremsen.

Anno 2015 gibt es neue Bremsklötze, die den zerbeulten Straßenkreuzer der Rockmusik zum Stillstand hätten bringen können. Gründungsmitglied Malcolm Young, gemeinsam mit seinem Bruder Angus Young für die Gitarren zuständig, hat wegen fortschreitender Demenz aufgehört. Schlagzeuger Phil Rudd schoss sich mit Morddrohungen, Drogengeschäften und damit verbundenem Gerichtsverfahren ins Abseits.

Aber trotzdem erleben an diesem verregneten Abend rund 67000 Menschen im ausverkauften Münchner Olympiastadion eine Band, die sich von Nackenschlägen kaum beeindrucken lässt. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Sänger Brian Johnson zählt 68 Lenze, der Jüngste in der Band ist der 58-jährige Stevie Young, der für seinen Onkel Malcolm übernommen hat. Im Schnitt sind die fünf Bandmitglieder 63,6 Jahre alt – das hindert sie allerdings nicht daran, in einem mitreißenden Konzert zu zeigen, warum sie als eine der erfolgreichsten und wichtigsten Bands der Rockgeschichte gelten.

Den Anfang macht das Titelstück des letztjährigen Albums „Rock Or Bust“, dessen Name man ebenfalls symbolisch verstehen kann: Rocken oder kaputtgehen – AC/DC haben sich klar für Ersteres entschieden. Mit diesem Eröffnungslied und „Play Ball“ schleichen sich nur zwei neue Songs des 15. AC/DC-Studiowerks ins Set, und die bleiben auch eher unauffällig. Weitaus euphorischere Reaktionen provozieren Klassiker wie „You Shook Me All Night Long“, „T.N.T.“ und „Thunderstruck“, bei denen der Refrain aus Zehntausenden Kehlen Richtung Bühne schallt.

Die Stärke der Band liegt darin, aus konzentrierten Zutaten hochprozentige Rocksongs zu brauen. Die Gitarrenriffs waren von Anfang an das Klangzentrum der Band aus der australischen Arbeiterschicht. Böse Zungen sagen, sie schrieben ein ums andere Mal den gleichen Song.

Aber es ist diese Reduktion aufs Wesentliche, die AC/DC so gut macht: Da stehen alte Männer auf der Bühne, spielen harten, bluesinfizierten Rock’n’Roll, hinter ihnen eine Wand von Verstärkerboxen – und sonst lenkt kaum etwas ab. Für die Zuschauer auf den hinteren Rängen hat man Videoleinwände neben der Bühne angebracht, mal zeigen sie Nahaufnahmen der Musiker, mal zucken Blitze darüber. Mit Spezialeffekten hält sich die Band zurück. Bei „Hells Bells“ taucht die Glocke auf, deren Geläut den Song einläutet. Bei „Whole Lotta Rosie“, dieser Ode an ein korpulentes Groupie, liegt die obligatorische Riesenaufblaspuppe, nun ja, lasziv auf der Bühne. Zu „Highway to Hell“ lodern Video-Flammen mit echtem Feuer um die Wette. Beim abschließenden „For Those About To Rock“ dürfen die donnernden Kanonenschläge nicht fehlen. Verglichen mit Bombast-Produktionen von Bands wie den deutschen Feuerfetischisten Rammstein ist das geradezu minimalistisch.

Ehrliche Arbeiter-Truppe

Der gelungene Spagat zwischen Stadionatmosphäre auf der einen und roher Gitarren-Kraft auf der anderen Seite lässt AC/DC auch im Jahr 42 nach ihrer Gründung wie eine ehrliche Arbeiter-Truppe wirken. Mit Rhythmus-Gitarrist Stevie Young, der bereits 1988 eine Tour mitmachte, und dem Rückkehrer Chris Slade am Schlagzeug wirken AC/DC nicht untypischer als vor den Personalquerelen.

Schlimmer wäre der Verlust der Frontfraktion: Brian Johnson – wie immer in Schwarz und mit grauem Käppi – ist zwar kein so ausdrucksstarker Sänger wie Bon Scott. Das zeigt sich etwa, wenn er Scott-Nummern wie „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ bringt. Aber das fällt nicht ins Gewicht, die Fans haben ihn von Anfang an akzeptiert. Angus Young dürfte als vermutlich ältester Schuluniformträger der Welt durchgehen. Der Gitarrist, der gern mit seinem charakteristischen „Duckwalk“ über die Bühne hüpft, beendet das Konzert mit einem minutenlangen Solo, das ihn erst auf einen Laufsteg und dann auf eine Empore führt. Es wirkt, als wolle er zeigen: Hallo Leute, ich kann mehr als diese kompakten Riffs, die ihr an unseren Songs so liebt. Am Ende windet sich der 60-Jährige auf dem Boden, steht wieder auf, es gibt zwei Zugaben („Highway to Hell“ und „For Those About To Rock“).

Dann ist nach nicht ganz zwei Stunden Schluss. Vielleicht der einzige Kritikpunkt: ein bisschen kurz – zumal der Band die Hits auch nach einer weiteren Stunde noch nicht ausgegangen wären.

Heute gastieren AC/DC erneut im Münchner Olympiastadion. Ein paar Karten gibt es noch.

Eine Bildergalerie gibt es unter:

www.schwaebische.de/ACDC

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