Abwechslungsreich: Die 58. Biennale in Venedig ist eröffnet

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 Barca nostra – unser Boot. Es ist ein Wrack eines im April 2015 gesunkenen Schiffs mit Flüchtlingen, aus dem Hunderte Leichen g
Barca nostra – unser Boot. Es ist ein Wrack eines im April 2015 gesunkenen Schiffs mit Flüchtlingen, aus dem Hunderte Leichen geborgen wurden. (Foto: Imago-images / Manfred Segerer)
Christa Sigg

Zwei Bärchen busseln auf rosigem Grund. Daneben steht „Hey Relax“ in milchigem Minzgrün. In zartem Gelb ist plötzlich „tutto va bene“ zu lesen. Alles läuft prima, wenn man Antoine Catalas aufmunternden Parolen folgt. Der Franzose eröffnet mit seiner riesigen Infowand den Hauptpavillon der 54. Biennale – so freundlich ist man in Venedigs Giardini schon lange nicht mehr begrüßt worden.

Doch Catalas Marshmallow-farbige Kurznachrichten verschwinden, wie sie aufgepoppt sind, und man darf sie so doppeldeutig verstehen wie das Motto dieser nach wie vor wichtigsten Kunstschau der Welt: „May You Live In Interesting Times“, also „Mögest du in interessanten Zeiten leben“, hat sich Chefkurator Ralph Rugoff einfallen lassen. Auf Nachfrage setzt er dann charmant lächelnd hinzu, dass gute Zeiten eher langweilig seien. Aber so genau will sich der langjährige Direktor der Londoner Hayward Gallery nicht festlegen.

Vielschichtigkeit ist angesagt

Muss er auch nicht. Das krampfige Beharren auf Welterklärungskonzepten engt ein und hat auf Ausstellungen dieser Größenordnung nie so richtig funktioniert. Rugoff setzt auf das Vielschichtige. „Es wird zwar viel getwittert und alles auf einfache Phrasen reduziert“, sagt er, „doch die Kunst kann in die Tiefe gehen und die Komplexität des Daseins widerspiegeln“. Das hat keineswegs zu einer verquasten Schau für Spezialisten geführt. Im Gegenteil. Wer zwischendurch ein paar Effekthaschereien ausblenden kann, erlebt eine ungemein abwechslungsreiche, sinnliche und bildmächtige Biennale.

Das betrifft vor allem die Malerei und die Fotografie. Soham Guptas nächtliche Aufnahmen vom äußersten Rande der indischen Gesellschaft mögen harte Kost sein, aber sie bleiben gerade auch durch ihre poetischen Anklänge haften. Und die Selbstinszenierungen der südafrikanischen Lesben-Aktivistin Zanele Muholi sind so imposant wie die Bildnisse venezianischer Renaissance-Dogen. Genauso schnell ist man von den Alltäglichkeiten gefangen, die der 61-jährige Henry Taylor mit großer empathischer Geste auf die Leinwand wirft. Ob nun ein verzagter Weißer von zwei Beamten abgeführt wird oder sich der Afroamerikaner vermutlich selbstironisch als Admiral aus den Befreiungskriegen porträtiert.

In den Giardini sind Taylors Bilder mit den kalligrafischen Abstraktionen der äthiopischen Malerin Julie Mehretu und dem schräg-expressiven Personal seines Landsmanns George Condo kombiniert. Es dauert eine Weile, bis es in diesem heterogenen Trio funkt, den Rest des Tages könnte man dann aber problemlos in einer solchen Runde verbringen. Doch ausgerechnet Rugoffs Biennale ist besonders ausufernd geworden. Der Wahlbrite aus New York hatte zwar „nur“ 79 Künstler eingeladen, alle haben allerdings zwei Auftritte, um die Vielseitigkeit ihres Schaffens zu demonstrieren: im intimeren Hauptpavillon der Giardini und in den mächtigen Hallen des Arsenale.

Freilich konnten nicht alle Teilnehmer wirklich unterschiedliche Arbeiten liefern. Mit einem Mangel an Qualität hat das nichts zu tun. Hito Steyerl bleibt eben Hito Steyerl und besticht mit farbrauschenden klugen Zukunftsvisionen. Das hindert die in München geborene Videokünstlerin keineswegs daran, den vor 500 Jahren verstorbenen Superstar Leonardo da Vinci und ein paar seiner Codices zu bemühen: „Alles hängt zusammen“. Hätten wir das irgendwann begriffen – und Zeit war genug –, würden jetzt die Polkappen nicht schmelzen. Oder die Weltmeere wären nicht zugemüllt. Was bekanntlich zur Zerstörung kompletter Ökosysteme führt, wie es die australischen Zwillingsschwestern Christine und Margaret Wertheim hinter dem betörenden Glitzern ihrer kunstvoll gehäkelten Korallenriffe thematisieren.

Die Spezies Mensch schreitet lieber kraftvoll weiter, um sich letztlich doch immer nur um die eigene Achse zu drehen. So wie der Putzroboter des Pekinger Duos Sun Yuan und Peng Yu mit dem vielsagenden Titel „Can’t Help Myself“ („Ich kann mir selbst nicht helfen“). Das außer Rand und Band geratene Technikmonster wischt mit seinem Hebearm blutrote Farbe vom Boden, um sie neu zu verteilen. 32 Bewegungen hat die Maschine drauf, trotzdem kommt dieser moderne Sisyphos nicht vom Fleck.

Gar so freundlich wie es die eingangs erwähnten Wohlfühlsprüche verheißen, ist diese Biennale dann eben doch nicht. Überdeutlich wird das ganz am Ende der Arsenale-Hallen, wo draußen im Wasser ein echtes Wrack ankert. Der Platz zählt zu den schönsten des Areals, aber niemand mag vor Christoph Büchels orangeblauer „Barca nostra“ Selfies knipsen. Verständlich. Im havarierten Schiff kamen Hunderte Flüchtlinge ums Leben, als sie 2015 von Libyen nach Lampedusa übersetzen wollten. Andererseits wäre es für den Schweizer Künstler sicher ein Leichtes, selbst für dieses Mahnmal einen potenten Sammler mit passendem Yachthafen zu finden.

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