500. Todestag: Interview mit dem Leonardo-Experten Frank Zöllner

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„Salvator Mundi“: Der Kunsthistoriker Frank Zöllner ordnet es der Werkstatt Leonardo da Vincis zu, nicht aber dem Künstler selbs
„Salvator Mundi“: Der Kunsthistoriker Frank Zöllner ordnet es der Werkstatt Leonardo da Vincis zu, nicht aber dem Künstler selbst. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Ein Da Vinci musste es sein. Um jeden Preis. Für die Rekordsumme von 450,3 Millionen Dollar kam der inzwischen legendäre „Salvator Mundi“ 2017 beim Auktionshaus Christie’s in New York unter den Hammer. Seither hört das Raunen um die Urheberschaft nicht mehr auf. Zudem soll der saudische Prinz Bdr bin Abdullah das Bild im Auftrag des Kulturministeriums von Abu Dhabi erworben haben. Christa Sigg hat mit dem Kunsthistoriker Frank Zöllner (62) gesprochen, der als einer der bedeutendsten Da-Vinci-Kenner gilt.

Herr Zöllner, wo steckt eigentlich der „Salvator Mundi“?

So genau wissen wir das nicht. Wahrscheinlich befindet sich das Gemälde in der Schweiz in einem Zollfreilager. Zumindest legt das die Auskunft der Restauratorin vom Mai letzten Jahres nahe.

Beim „Salvator“ wird ja nie wirklich Farbe bekannt.

Seit 2011 wartet die Fachwelt auf die Veröffentlichung des Restauratorenberichts. So weckt man kein Vertrauen. Auch die Provenienzforschung war bislang sehr selektiv: Für das 16. und 17. Jahrhundert wurde von Christie’s eine königliche Herkunft erfunden. Für das 20. Jahrhundert hat man sich dann gar keine Mühe mehr gemacht, dabei wären die Recherchen hier einfacher. Das haben Journalisten übernommen. Aber warum wurde zuvor nicht offengelegt, dass der „Salvator“ 2005 schon einmal in einer Auktion in Amerika aufgetaucht ist?

450 Millionen Dollar wollen ja richtig investiert sein.

Deshalb muss es ein echter Leonardo sein. Leider lenken diese unschönen Details von einem wichtigen Gemälde ab, das unsere Kenntnis über Leonardo bereichert. Dazu gehört der Blick auf die Arbeitsweise seiner Werkstatt, der wir das Gemälde verdanken. Man sollte es von seiner Funktion her betrachten. Wie ordnet sich das Bild in die Typologie der Salvator-Darstellungen ein?

Dann lassen Sie uns doch genauer hinschauen. Wie sieht es mit der Augenpartie aus? Böse Zungen sprechen von einem bekifften Blick.

Dazu gibt es auf Facebook tatsächlich ein Foto, da hat der Salvator eine Cannabistüte in der Hand. Das Auratische des Bildes hängt mit dem Sfumato zusammen, Leonardos Markenzeichen. Gerade im Gesicht, wo ich etwas Originalsubstanz vermute, ist das sehr beeindruckend. Die bislang bekannt gewordenen Fotos lassen aber vermuten, dass ein Teil dieser Aura von der Restauratorin produziert wurde. Die Augenpartien sind zudem stark beschädigt. Wenn man das neben die „Mona Lisa“ oder neben den „Johannes“ hält, schneidet der „Salvator“ ganz schlecht ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man um 1500/1510 einen so surrealistischen toten Blick gemalt oder akzeptiert hätte.

Gerade in der Glaskugel sehen manche ja den Leonardo-Beweis.

Glaskugeln sind bei Salvator-Darstellungen durchaus üblich. Die Restauratorin Dianne Dwyer Modestini behauptet allerdings, dass sie diese Kugel nach einer anderen Salvator-Darstellung komplett rekonstruiert hat. Das kann’s ja dann nicht sein.

Leonardo war vielleicht die größte Ideenschleuder der Kunstgeschichte mit einer sehr aktiven Werkstatt. Warum tun wir uns damit so schwer?

Die heutige Suche nach einem Allein- oder Maximalautor ist wie ein Fetisch. Das ist insofern erstaunlich, als wir bei modernen Künstlerunternehmern wie Damien Hirst, Jeff Koons oder Olafur Eliasson ganz selbstverständlich akzeptieren, dass sie im großen, fast industriellen Maßstab Kunst produzieren lassen. Mir scheint, hier findet eine Verschiebung im Sinne Sigmund Freunds statt: Die für unsere Zeit verdrängte Frage nach der Alleinautorschaft darf sich nur bei Altmeistergemälden austoben.

Passend dazu wurde der „Salvator“ ja auch in einer Auktion für zeitgenössische Kunst angeboten.

Da werden die Warhols rauf und runter versteigert. Aber wir sollten mit dem Begriff Kunstmarkt vorsichtiger sein. Der überwiegende Teil betrifft Auktionen im Größenbereich von 5000 bis 5 Millionen Euro. Beim „Salvator“ sprechen wir vom absoluten Hochpreis- und Trophäensegment, das spielt sich nur in New York und nur mit globalen Bietern ab.

Unter den Kunstwissenschaftlern gibt es auch prominente Befürworter einer Zuschreibung an Leonardo, den Briten Martin Kemp zum Beispiel.

Ich glaube, Martin Kemp – derzeit der beste Leonardo-Forscher weltweit – ließ sich in diesen Sog des Altmeistergemäldes hineinziehen. Er ist der Faszination des Bildes erlegen. Man darf nie vergessen: Das Auge ist fehlbar, aber es sollte unbestechlich sein. Um die „Bestechlichkeit“ des Auges (und ich meine nicht die Bestechung durch Geld) zu kontern, brauchen wir zuverlässige Fakten, die unser subjektives Urteil korrigieren. Im Grunde geht es um Objektivierung. Es wird Zeit, dass wir damit anfangen.

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