3000 Jahre chinesische Schriftkunst in einer wohl bestückten Schau im Museum Rietberg in Zürich

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Schwäbische Zeitung

Kann Schrift auch Kunst sein? In China ist sie das. Dort hat sich die Schriftkunst, Kalligrafie genannt, schon vor 3000 Jahren als die edelste aller Künste etabliert und spielt auch heute noch eine wichtige Rolle. Entscheidend war nicht der Inhalt, sondern die Form. Das Rietberg Museum in Zürich widmet der chinesischen Schriftkunst eine Ausstellung. Es ist die erste in Europa, welche die alten Werke mit modernen in Beziehung setzt. Ein Besuch lohnt auch für Schriftunkundige.

Wohl kaum ein Tattoo-Studio, das nicht eine breite Palette an chinesischen Schriftzeichen im Programm hätte. Dabei wäre es für unseren Kulturkreis naheliegender, sich eine von Meister Goethe in kühnen Schwüngen dahingeworfene Originalzeile auf den Oberarm zu brennen. Doch die deutlich größere Anziehungskraft geht von den chinesischen Schriftzeichen aus.

5000 verschiedene Zeichen

Schrift war nicht von Anfang an Kunst. Zunächst stand der Nutzen im Vordergrund. Wenn Herrscher der Shangdynastie (16. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) Kontakt zu ihren Vorfahren aufnehmen wollten, schrieben sie winzige Zeichen auf Tierknochen oder Schildkrötenpanzer. Betrachtet man heute diese Orakelknochen, ist man erstaunt ob des teilweise banalen Inhalts. Zwar haben Herrscher auch um Zuspruch ihrer Ahnen in militärischen Angelegenheiten gebeten. Doch oft ging es schlicht um Dinge wie das Wetter, die Erziehung der Kinder oder die nächste Jagd. Frappierend auch die Entdeckung, dass bereits 5000 verschiedene Schriftzeichen auf diesen Knochen ausgemacht wurden.

In sechs Themenbereiche haben die Kuratorinnen Alexandra von Przychowski und Kim Karlsson die Ausstellung gegliedert. Chronologisch sind sie dabei nicht vorgegangen, stellen aber immer wieder den Bezug zur Geschichte Chinas her. In jedem Raum wird eine andere Facette der chinesischen Schriftkultur beleuchtet, wobei das alte und das moderne China nebeneinander stehen.

Zum Beispiel der Raum „Kunst und Mythos“. Der ist dem Ahnherrn der Kalligrafie gewidmet: Wang Xizhi (307 bis 365 nach Chr.), ein Beamter am Hofe des Kaisers. Seine Schriften gelten bis heute wegen des perfekten Pinselschwungs als das Nonplusultra, vor allem sein „Vorwort vom Orchideen-Pavillon“, einer Gedichtsammlung, die er und seine Freunde unter reichlich Alkoholeinfluss verfasst haben. Tausendfach wurde das Vorwort von Kalligrafen kopiert, schon in frühen Zeiten. Das sollte sich als hilfreich erweisen, denn die Originale hat ein Fan des Künstlers, Kaiser Taizong, im 7. Jahrhundert mit ins Grab genommen. Aber Wang Xizhi hat heute noch Anhänger. Erst 2010 wurde die x-te Kopie dieses Vorworts, datiert auf das 7. Jahrhundert, in China für 46 Millionen Dollar versteigert. Die Kopie in Zürich stammt ebenfalls aus dieser Zeit und ist eine Leihgabe des Palastmuseums in Peking.

A propos Kopien: Gilt es bei uns als anrüchig, die Kunst eines anderen zu imitieren, ist dies in China Teil des Kunstverständnisses. Besonders deutlich wird dies bei den buddhistischen Schriftrollen. Sie üben auf die Anhänger dieselbe Anziehung aus wie Heiligenbilder in christlichen Religionen. Zunächst wurden die Lehren Buddhas nach dessen Tod (etwa 400 vor Chr.) nur mündlich überliefert und erst später aufgezeichnet. Mit dem Abschreiben eines Sutras, einer Lehrschrift des Meisters, sammelt der Schreiber Pluspunkte für das nächste Leben. Zudem galt und gilt dieser Akt des Abschreibens als eine Art der Meditation. Allein in den Höhlentempeln von Dunhuang an der alten Seidenstraße wurden vor gut hundert Jahren 50 000 Schriftrollen entdeckt, auf denen Leben und Lehre Buddhas gepriesen wird.

Spannend sind in der Ausstellung die Sutra-Auslegungen moderner Künstler. So schreibt der Pekinger Song Dong seine Gedanken regelmäßig mit Pinsel und klarem Wasser auf einen Stein. Durch das schnelle Verdunsten des Wassers verschwindet auch der Text - ein Zeichen der Vergänglichkeit menschlichen Handelns.

Optisch spektakulärer ist die Fotoserie „Family Tree“ des 50-jährigen Zhang Huan, heute ein Star in der internationalen Kunstszene. Einen Tag lang ließ sich Zhang von drei berühmten Kalligrafen Schriftzeichen ins Gesicht pinseln, bis aus der schwarzen Fratze nur noch die weißen Augäpfel herausstechen. Beeindruckend ist auch die Arbeit der New Yorker Künstlerin Cui Fei, die sie extra für die Ausstellung geschaffen hat. Mit getrockneten Weinranken hat sie eine klassische Schriftrolle nachgebaut – mit dem Unterschied, dass ihre natürlichen Schriftzeichen nur aus der Ferne Sinn ergeben und sich aus der Nähe als reine Phantasiegebilde entpuppen.

Für endgültige Verwirrung sorgt ein Werk des 1955 geborenen Kalligrafen Xu Bing: Chinesen stehen ebenso ratlos vor seiner Schriftrolle wie Nichtchinesen. Zunächst, denn bei näherem Hinsehen entpuppen sich die scheinbaren Schriftzeichen als geschickt in Quadrate angeordnete lateinische Buchstaben. Und wer sich länger auf das Kunstwerk einlässt, kann tatsächlich Friedrich Nietzsches Gedicht „Das Wort“, das in China hoch geschätzt wird, auf Deutsch lesen – ein Schulterschluss zwischen chinesischer Schriftkunst und deutscher Philosophie.

Mao Zedong war ein begeisterter Kalligraf – und selbst sein größter Anhänger. Noch heute ziert sein Schriftzug die staatliche Volkszeitung, „Renmin Ribao“. Seine bevorzugte Zigarettenmarke beglückte er ebenfalls mit seinem Pinselschwung. Kunst kann auch missbraucht werden. Auch das zeigt diese abwechslungsreiche Ausstellung.

„Magie der Zeichen“ bis 20. März im Museum Rietberg Zürich, geöffnet: Di. - So. 10 bis 17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr.

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