1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – Die unsichtbare Mauer

Claus Wolber

Heimat und Hölle“ – der Titel, den Barbara Beuys für ihr Buch über die Juden in Europa gewählt hat, charakterisiert deren Schicksal treffend. Seit 1700 Jahren leben Juden in Deutschland. Sie hatten eine Zuflucht gefunden, sie wurden hier heimisch, aber am nächsten Tag konnten sie ausgeraubt, gequält oder gar ermordet werden. Alles war möglich zwischen Reichtum und schlimmster Armut, zwischen Lebensfreude und qualvollem Tod. Aber immer waren sie Außenseiter, von der Gesellschaft getrennt durch „die unsichtbare Mauer“, die Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des Jüdischen Museum in Berlin, als Titel seiner Familienbiografie wählte.

Die Juden sind nicht freiwillig nach Europa gekommen. Als im Jahr 135 n. Chr. ihr Aufstand gegen die römische Herrschaft scheiterte, wurden fast alle aus der Provinz Judäa vertrieben. Um alle Erinnerungen an sie zu tilgen, wurde die Provinz in Palästina umbenannt. Für andere Völker wäre so eine Katastrophe das Ende ihrer Geschichte, aber die Juden bewahrten auch in der Diaspora ihre Lebensweise, vor allem aber ihren Glauben. Spätestens seit dem Jahr 321 lebten einige von ihnen im Gebiet des heutigen Deutschland, damals in Köln. Was aus ihnen geworden ist, weiß man nicht. Erst im 10. und 11. Jahrhundert sind weitere Gemeinden in Städten an Rhein und Mosel nachgewiesen.

Juden durften keine christlichen Berufe ergreifen, weder Handwerker noch Bauern werden. Ihnen blieben nur der Handel und das Geldgeschäft. Im Unterschied zu den Christen durften sie Zinsen nehmen. Sie hielten auch über weite Entfernungen Kontakt mit ihren Glaubensgenossen und bildeten so ein weit verzweigtes Handelsnetz, brachten die Wirtschaft in Schwung. „Da ich aus dem Flecken Speyer eine Stadt machen wollte, habe ich Juden aufgenommen“, schrieb Bischof Rüdiger von Speyer 1084.

Aber als Gläubige einer anderen Religion brauchten sie den Schutz der Obrigkeit. Den bekamen sie, aber nur gegen Schutzgeld und hohe Steuern und nur solange sie ihren Herrschern nützlich waren, deren Reichtum vermehrten, ihnen Kredit gewährten. Auch Handwerker und Bauern, die Kredit brauchten, waren auf die Juden angewiesen. Heute würde man sagen, das Ausfallrisiko war enorm, entsprechend war oft der Zinssatz. Nicht selten tilgten die Schuldner ihre Schulden, indem sie die Juden vertrieben oder umbrachten. Juden waren nie sicher. Sie mussten in abgeschlossenen Wohnbezirken leben, die sie in der Nacht oder an Sonn- und den vielen christlichen Feiertagen nicht verlassen durften. Mit einem besonderen Kennzeichen, einem gelben Punkt oder einem spitzen Hut, mussten sie sich als Juden kenntlich machen.

Beim Volk wurden die Juden dadurch noch mehr zu verdächtigen Außenseitern, denen alle möglichen Schandtaten zugeschrieben wurden. Immer wieder wurden sie Opfer von Pogromen, ihre Häuser und ihre Habe wurden zerstört und sie selbst gequält und ermordet oder unter absurden Beschuldigungen zum Tode verurteilt. Urheber waren mal verarmte Ritter, mal das aufgehetzte Volk, das während der Pestpandemie 1348/49 den Juden Brunnenvergiftung nachsagte und jüdisches Leben in Westeuropa weitgehend auslöschte. Viele flohen nach Polen, dessen König sie gerne aufnahm, weil er davon eine wirtschaftliche Belebung seines noch wenig entwickelten Staates erwartete.

Fast noch verhasster waren jene ganz wenigen Juden, die zu Einfluss und Reichtum gekommen waren, etwa die sogenannten Hofjuden wie Joseph Süß Oppenheimer. Württembergs Herzog Karl Alexander hatte ihn zum Kammerknecht, seinem Finanzminister gemacht, der den aufwendigen Lebensstil des Herrschers und seiner Mätresse zu finanzieren hatte. Entsprechend wurde das Volk ausgepresst. Als Karl Alexander 1738 starb, wurde die Mätresse verjagt, Oppenheimer aber in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und gehenkt. Die vom Herzog geschaffene Kreatur wurde zum Symbol des „jüdischen Blutsaugers“, dabei waren die allermeisten Juden arme Schlucker, die sich mit Kleinhandel und Hausiererei mühselig ernährten.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts zeichnete sich eine Besserung ab. Der Reformkaiser Joseph II., Sohn Maria Theresias, verfügte 1782 das „Toleranzpatent“. Aber nur Juden, die sich als „nützlich und brauchbar“ zeigten, wurden bessergestellt. Die Französische Revolution befreite die Juden in Frankreich von allen Diskriminierungen, Napoleon verfügte 1808 die allgemeine Gleichstellung in den eroberten Gebieten links des Rheins. Die deutschen Fürsten folgten dem mehr oder weniger widerwillig. Preußen erklärte 1812 die Gleichstellung, allerdings mit Einschränkungen, die in den Folgejahren wieder mehr wurden.

Die Frankfurter Nationalversammlung verkündete zwar 1848 die völlige Gleichstellung der Juden, die aber nie verwirklicht wurde. Erst 1869 unterschrieb Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck das Gesetz zur Aufhebung aller „bürgerlichen und staatsbürgerlichen“ Beschränkungen. Ab 1. Januar 1871 galt dies auch in allen deutschen Bundesstaaten. Nun durften Juden auch überall Land erwerben, Bauer oder Handwerker werden. Doch die industrielle und wissenschaftliche Revolution hatte ausgerechnet jetzt diese einst so angesehenen Berufe uninteressant und materiell prekär gemacht. Gebraucht wurden stattdessen Juristen und Ärzte, Ingenieure und Unternehmer. Juden, die schon immer bildungshungrig gewesen waren, ergriffen diese Chance, hatten Erfolg und überflügelten ihre christlichen Landsleute, die am Althergebrachten hingen. Aber auch im Geistesleben, in den Medien, im Theater und dem später aufkommenden Film, erlangten sie Spitzenpositionen.

Bei Michael Blumenthal ist zu lesen, dass der Anteil der jüdischen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Deutschen Reich nur bei einem Prozent lag, dass aber jeder zehnte Jurastudent ein Jude war. Zehn Prozent der Ärzte waren Juden, und in Berlin, das beste Karrierechancen bot, war jeder dritte Arzt Jude. Wagemutige Kaufleute erkannten den Trend der Zeit, Warenhäuser in jüdischem Besitz entstanden. Juden konnten reich werden. 27 Prozent der jüdischen Steuerzahler in Hamburg gehörten damals zur obersten Steuerklasse, und in Berlin hatten elf der 25 reichsten Bürger jüdische Wurzeln.

Doch das war der äußere Schein. Die Gesellschaft, allen voran der Adel, hielt auf Distanz. Ehen zwischen Landjunkern und Jüdinnen waren gesellschaftlich nur geduldet, wenn die Braut genug Geld mitbrachte, um das heruntergekommene Gut zu retten. Karriere im öffentlichen Dienst, etwa in der Verwaltung oder als Richter, war ihnen bis 1918 fast unmöglich gemacht. Und viele Deutsche neideten den Juden den materiellen Erfolg, verdächtigten ihn als unehrlich erworben, als ergaunert gar. Nur wenig wahrgenommen wurde, dass weiterhin die meisten Juden, vor allem die zugewanderten, die in Deutschland ihr Glück suchten, bitterarm waren.

Die furchtbaren Folgen des Hasses auf die Juden sind bekannt. Millionen wurden ermordet, Hunderttausende vertrieben. Der Verlust für die deutsche Gesellschaft, sei es an geistiger, technischer, an wissenschaftlicher Potenz, war ungeheuer. Dass in Deutschland trotz allem wieder jüdisches Leben existiert, ist eine Chance, die leider von viel zu vielen nicht erkannt wird. Wir sollten sie dankbar ergreifen.

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