150 Jahre Bodensee-Geschichtsverein

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Vom Pfänder aus hat man den Bodensee im Blick. Natur und Geschichte der Region zu erforschen, ist das Ziel des internationalen B
Vom Pfänder aus hat man den Bodensee im Blick. Natur und Geschichte der Region zu erforschen, ist das Ziel des internationalen Bodensee-Geschichtsvereines. Vor 150 Jahren wurde er gegründet. (Foto: Vorarlberg Tourismus)
Schwäbische Zeitung
Harald Derschka und Jürgen Klöckler

Harald Derschka/Jürgen Klöckler (Hg.): Der Bodensee. Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven, Verlag Jan Thorbecke 2018, 320 Seiten mit rund 230 meist farbigen Abbildungen, 25 Euro. (Erscheint im Oktober)

Er ist einer der ältesten Vereine, der über Grenzen hinweg die Geschichte einer Region erforscht: der Bodensee-Geschichtsverein. Vor 150 Jahren, am 19. Oktober 1868, wurde er in Friedrichshafen gegründet. Seine Mitglieder kamen und kommen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Zum Jubiläum erscheinen zwei Publikationen. Der Historiker Harald Derschka, Privatdozent an der Universität Konstanz, blickt in der Jahresschrift auf die Geschichte des Vereins zurück. Das Heft erscheint im September. Zum Festakt, der am 19. Oktober in Friedrichshafen gefeiert wird, erscheint ein eigener Band, herausgegeben von Harald Derschka und Professor Jürgen Klöckler, Leiter des Stadtarchivs Konstanz. Aus 150 Perspektiven werden Natur und Geschichte des Bodensees vorgestellt. In einer Serie wird die „Schwäbische Zeitung“ elf Artikel aus diesem Sammelband vorstellen. Die Themen reichen vom mittelalterlichen Konstanzer Pfennig bis zur Neuvermessung des Sees im Jahr 2013.

Zum Auftakt der Serie geben die Herausgeber Harald Derschka und Jürgen Klöckler einen Überblick über die Geschichte des Vereins:

Der Bodensee-Geschichtsverein ist etwas Besonderes: Der internationale Verein ist in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein aktiv und nimmt keine Rücksicht auf Staats- und Verwaltungsgrenzen. In seinem Vereinsleben hielt und hält er konsequent Verbindungen über die Grenzen aufrecht – gerade auch in den schwierigen Jahren während und unmittelbar nach den beiden Weltkriegen.

Ein Lateinlehrer aus Lindau und ein Arzt aus Tettnang

Am Pfingstmontag 1868 wanderte der junge Lateinlehrer und spätere Stadtpfarrer Gustav Reinwald von Lindau zusammen mit einigen Schülern zum ehemaligen Deutschordensschloss Achberg. Dort traf er den Amtsarzt Albert Moll aus Tettnang. Beide Männer waren sich vorher nie begegnet; sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie beide „mit historischen Nerven fühlten“, eine Leidenschaft für die Geschichte des Bodenseeraums besaßen – und dass es einen Verein von Gleichgesinnten geben müsse, der sich eben dieser Geschichte widmen solle. Sie zogen weitere Geschichtsfreunde ins Vertrauen, darunter Hans Freiherr von und zu Aufseß, den Schöpfer des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Zur Gründungsversammlung fanden sich am 19. Oktober 1868 über 70 Männer und zwei Frauen im Gasthaus „Zur Krone“ in Friedrichshafen ein. Zum Jahresende hatte der Verein bereits 200 Mitglieder, bald waren es über 700. Die Gründer bewegte insbesondere die Sorge um Denkmäler der Vergangenheit, die der Fortschritt im Zuge der Industrialisierung auch am Bodensee zu zerstören drohte.

Freilich waren die Vereinsgründer keine weltfremden Nostalgiker. Sie bauten nützliche politische Verbindungen auf – zum Hof des Königreichs Württemberg und des Großherzogtums Baden.

Während der beiden Weltkriege und der unmittelbaren Nachkriegsjahre erlaubten die Grenzsperren kein Vereinsleben. Einzig 1941 traf man sich zur Hauptversammlung in Meersburg. Der Vorstand bemühte sich nach den Kriegen jeweils sofort darum, wieder zu den gewohnten Rhythmen zurückzukehren.

Der Verein und seine Publikationen sind unpolitisch. Das wurde bereits in seinen Anfangsjahren so festgelegt, als der Kulturkampf den Vereinsfrieden gefährdete. Die Jahresschriften enthalten kaum je politische Stellungnahmen. Es gab freilich dezidiert deutschnationale Haltungen. Verwerfungen im Verein lösten sie nicht aus, da die öffentliche Meinung in Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz den Krieg übereinstimmend als notwendige Verteidigung des Deutschtums betrachtete.

Der Gleichschaltung durch dieNazis widerstanden

Dagegen gefährdete die nationalsozialistische „Machtergreifung“ von 1933 den Verein in seinem Bestand. Allen deutschen Geschichts- und Heimatvereinen wurde aus Berlin mitgeteilt, dass sie ihre Eigenständigkeit verlieren und einer politischen Befehlshierarchie unterstellt werden sollten. Der Vorstand lehnte die Gleichschaltung mit Rücksicht auf den österreichischen und schweizerischen Teil des Vereins ab; die Mitgliederversammlung bekräftigte den internationalen, unpolitischen und religiös neutralen Charakter des Vereins. In den Folgejahren wandte der Vorstand, zumeist vertreten durch den Vizepräsidenten Bruno Leiner aus Konstanz, Eingriffe der Partei ab. Gegenüber den deutschen Behörden stellte Leiner die Arbeit des Bodensee-Geschichtsvereins als bedeutenden Beitrag zum deutsch-schweizerischen Kulturkontakt dar. Auf diese Weise gelang es, noch während des Krieges in Deutschland Jahresschriften zu drucken und im Reich und der Schweiz ausliefern zu lassen, obwohl sie während der ganzen NS-Zeit wiederholt Beiträge enthielten, in denen nationalsozialistische Standpunkte ignoriert oder bestritten wurden.

In den beiden Nachkriegsjahrzehnten durchlitt der Verein eine zähe Stagnationsphase. Erst in den 1960er Jahren gelang eine nachhaltige Wiederbelebung des Vereins.

Und heute, nach 150 Jahren? Das Museum und das Vereinsarchiv sind im März 1944 bei einem Luftangriff untergegangen, die Bodensee-Bibliothek besteht in Trägerschaft der Stadt Friedrichshafen bis heute fort. Rund um den See hat der Verein über 1000 Mitglieder. Seine Arbeit wird von den Bundesländern, Kantonen, Städten und Gemeinden am See unterstützt. Beispiellos ist seine seit 150 Jahren praktizierte Internationalität jenseits nationaler Egoismen.

Harald Derschka/Jürgen Klöckler (Hg.): Der Bodensee. Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven, Verlag Jan Thorbecke 2018, 320 Seiten mit rund 230 meist farbigen Abbildungen, 25 Euro. (Erscheint im Oktober)

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