„100 Songs“ am Staatstheater Stuttgart

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 Stühle, Bühnennebel, Kleidungsstücke und im Vordergrund Sebastian Röhrle als junger Mann in Roland Schimmelpfennigs Figuren-Wec
Stühle, Bühnennebel, Kleidungsstücke und im Vordergrund Sebastian Röhrle als junger Mann in Roland Schimmelpfennigs Figuren-Wechsle-dich-Spiel. (Foto: Björn Klein)
Jürgen Berger

Die Stuttgarter erinnern sich gerne an ihn, schließlich wurde 2001 am Staatstheater ein Stück uraufgeführt, mit dem der inzwischen meist gespielte deutschsprachige Dramatiker durchstartete. In „Die arabische Nacht“ führte Roland Schimmelpfennig damals die Bewohner eines Wohnblocks in der Hitze einer Sommernacht zusammen. Nach achtzehn Jahren ist er nun mit seinem neuesten Stück „100 Songs“ zurückgekehrt und bringt uns eine Schar von Menschen näher, denen es weitaus schlechter geht als denen damals.

Die Wohnblock-Menschen in der exotisch warmen Nacht mussten damals plötzlich ohne Wasser auskommen, kamen sich aber genau deswegen näher. Heute steigen die Menschen in einen Zug, kommen aber nie am Ziel an, sondern werden Opfer eines blutigen Bombenanschlags. Sie sind jetzt etwas älter und auch einsamer, obwohl sie in der deutschen Erstaufführung am Stuttgarter Staatsschauspiel so optimistisch wirken, als würden noch hundert Liebesabenteuer vor ihnen liegen.

Inszeniert hat der Autor, der auch für die Bühne zuständig ist. Schimmelpfennig liefert ein Rundum-Sorglos-Paket – und er macht das sorgfältig perfekt, obwohl er als Bühnenbildner so viel Arbeit nicht hatte: sehr viele Stühle und noch mehr Kleidungsstücke, mehr braucht es nicht für das permanente Figur-Wechsle-dich-Spiel der deutschen Erstaufführung von „100 Songs“. Wir wissen nicht, wie das bei der Uraufführung in Schweden war. In Stuttgart sind da ansonsten nur noch die Lichtregie, immer wieder wallender Bühnennebel und vor allem: die Stuttgarter Ensemblemitglieder, die Schimmelpfennig schnörkellos und mit einem genauen Blick für die tragikomischen Färbungen des Lebens inszeniert.

So kennt man ihn. Schimmelpfennig ist einem Theater der emotionsgeladenen, märchenhaft überzeichneten Figuren verpflichtet. Im aktuellen Fall sind es sehr viele. Sie wissen in der Regel nichts voneinander, wenn sie morgens um 8:52 in einen Zug einsteigen, in dem kurz nach 8:55 wohl eine Bombe explodiert.

Unter ihnen eine müde Stripperin (Alexandra von Schwerin), die ausgerechnet neben dem jungen Mann (Robert Rožić) einen Sitzplatz findet, der am Abend zuvor in der Bar war, in der sie sich ganz langsam ihrer Kleidungstücke entledigt hatte. Oder die Landvermesserin (Anne-Marie Lux), die überaus enthusiastisch wirkt, obwohl die Vermessung der Welt eigentlich keinen Sinn mehr macht. Eine junge Studentin (Anne-Marie Lux) erklärt ihrem Freund (Robert Rožić), wie das mit der romantischen Komödie funktioniert, während eine andere Frau (Katharina Hauter) ihren Geliebten (Sebastian Röhrle) trifft, obwohl er der beste Freund des Gatten ist. Und draußen auf dem Bahnsteig? Da verpasst eine Frau (Alexandra von Schwerin) den Zug, wird aber von einem Polizisten (Reinhard Mahlberg) gesehen, der nun ein ganz großes Thema hat: „Vielleicht wäre das die Frau meines Lebens gewesen, denkt er. Vielleicht wäre diese Frau das Ende der Einsamkeit gewesen.“

Dumm nur, dass das Leben des Polizisten so schnell enden wird wie das all der Menschen, die an diesem Morgen aus ihrem Leben erzählen, als seien sie Meister der Verknappung und Pointierung all der Zufälle, die so etwas wie eine Biografie ergeben. Das Genre der mit knappen Schnitten erzählten Lebensdramen und -komödien beherrscht Schimmelpfennig wie kein zweiter.

Das Hoffen auf Liebe

Jetzt, da er in Stuttgart sein eigener Regisseur ist, jongliert er mit Erzählfragmenten und dem schnellen Wechsel von biografischen Schnipseln. Anne-Marie Lux etwa wechselt in Sekundenschnelle von der Landvermesserin zur romantischen Studentin, um eine Sekunde später ein schwarz gekleidetes und ebenso geschminktes Mädchen zu sein, das vorzugsweise Punk, Heavy Metal und Grunge hört. Plötzlich singt einer aber „We’re on the road to nowhere“ und erinnert daran, dass das mit der Straße ins Nirgendwo nur eines der Lieder ist, die Roland Schimmelpfennig für „100 Songs“ zusammenstellte.

„Bette Davis Eyes“ gehört auch dazu. Kim Carnes Welthit ist das Lieblingslied der Kellnerin Sally, der im Moment der Katastrophe eine Tasse aus der Hand rutscht und am Boden zerschellt – immer und immer wieder. Das mit Sally und der Tasse nutzt Schimmelpfennig, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Leben auch eine Anhäufung von Wiederholungen ist, die am Ende dann doch einen großen Roman ergeben können.

Im Fall von Sally könnte die Story so lauten: Sie gehört genau so wenig zu den Opfern des Bombenanschlags wie der junge Mann, dessen Blick sie so elektrisierte und der vielleicht der eigentliche Auslöser des Tassensturzes war. Schließlich ist das mit den „100 Songs“ nicht nur ein hohes Lied auf die Einsamkeit. Es ist auch eine Beschwörung, selbst in größter Verlassenheit immer weiter zu machen und zu hoffen, die große Liebe werde sich doch noch einstellen.

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