Überraschung: Oscar geht nach Korea

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Rüdiger Suchsland

„Man ist am kreativsten, wenn man am persönlichsten ist. Das habe ich bereits auf der Filmschule gelernt.“ Also sprach der Koreaner Bong Joon-ho in einer seiner gleich vier Dankesreden in dieser denkwürdigen Oscar-Nacht. Diesen Satz sollte sich die ganze Filmindustrie zu Herzen nehmen in einer Epoche, die von zunehmender Formatierung geprägt ist, in der die CEOs und Controller die Macht über die Kreativen haben.

Danach hob Bong gleich zwei nominierte US-Regisseure heraus und bedankte sich bei ihnen: Martin Scorsese – „Auf der Filmhochschule habe ich seine Filme studiert“ und Quentin Tarantino – „Als niemand in den USA meinen Namen kannte, hatte er meine Filme immer in seinen Bestenlisten.“

Es war ein Durchmarsch für den Außenseiter: Bong Joon-ho, Jahrgang 1969, der international bekannteste Filmemacher Südkoreas, gewinnt für seinen Film „Parasite“ gleich vier Oscars und das auch noch in den wichtigsten Kategorien: „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes Drehbuch“ und „Bester internationaler Film“.

Kaum einer hätte es vorher erwartet, aber so wurde es eine historische Oscar-Nacht und eine Preisverleihung der Überraschungen. Denn die ist ein deutliches Misstrauensvotum gegen gewisse Tendenzen des Gegenwartskinos: etwa gegen die allzu wohlfeile, allzu nostalgische Flucht weiter Teile des Kinos ins Historische, oft Geschmäcklerische.

Es war schon auffallend: Nicht weniger als sechs der nominierten Filme, darunter auch die Favoriten der Buchmacher, spielen in der Vergangenheit: „Joker“ in den 1970er-Jahren, „Once upon a Time in Hollywood“ 1969, „1917“ im Ersten Weltkrieg, „The Irishman“ zwischen 1950 und 2000, „Jo Jo Rabbit“ in der NS-Zeit, „Ferrari vs Ford“ 1964, „Little Women“ gar Mitte des 19. Jahrhunderts.

„Parasite“ aber erzählt eine Geschichte aus dem Hier und Jetzt, zudem eine sehr universale, die zwischen einer reichen und einer armen Familie angesiedelt ist, ein Wechselspiel, das sich sehr leicht auf jedes Land der Welt übertragen lässt. Zudem ist dieser Film eine Satire, die Thriller mit Komödie kombiniert und viel Stoff zum Lachen bietet. Auch das ist eher rar zwischen all den Tragödien, dem Kriegsfilm „1917“ und dem düster-brutalen Rachethriller „Joker“.

Bong Joon-ho – der Korrespondent des Deutschlandfunks hatte auch an diesem Morgen noch Probleme, den Namen korrekt auszusprechen. Dabei ist dieser Regisseur seit beinahe 20 Jahren Stammgast auf internationalen Filmfestivals. Seine Filme „The Host“, „Skyscraper“ oder „Okja“ liefen auch regelmäßig in Deutschland im Kino. Bereits im vergangenen Mai hatte „Parasite“ mit der Goldenen Palme in Cannes eine der wichtigsten Auszeichnungen der Filmwelt errungen.

Trotzdem waren die Oscars, erst recht in dieser massiven Häufung, sehr überraschend. Schließlich hatte in bisher 91 Jahren noch nie ein nicht-englischsprachiger Film in der Kategorie „Bester Film“ gewonnen.

So waren diese Auszeichnungen bei aller Selbstfeier Hollywoods auch eine Anerkennung für den Rest der Welt. Und damit eine Verbeugung vor einer Filmindustrie, die eigenständig ist und der ökonomischen Übermacht Hollywoods Kreativität und Einfallsreichtum entgegensetzt, ohne das Kinospezifische, die visuelle Dynamik des Bewegungsmediums, zu verleugnen. Der Oscar für „Parasite“ war zugleich auch ein Preis gegen die Tyrannei einer übertriebenen Sensibilität, nach der Auszeichnungen zunehmend oft vor allem nach plakativ politischen Kriterien vergeben werden, oder nach äußeren Identitätsmerkmalen.

Wo alle von Diversität sprechen, hat der Oscar-Regen für „Parasite“ dieses Kriterium erfüllt und zugleich die Forderungen nach einer „Aufwertung“ von Frauen, Schwarzen und anderen Minderheiten der US-Gesellschaft ins Leere laufen lassen. „Parasite“ ist das Gegenteil eines politisch korrekten Kinos, er ist anstößig, provozierend und bewusst nicht korrekt. Gerade darin liegt seine rebellische Kraft.

Zugleich ist dies ein Preis für die Öffnung der Filmindustrie und eine Absage an das schlichte „Weiter so“ in einem Hollywood, das zunehmend von Remakes, Sequels und Prequels geprägt ist.

So standen denn auch die großen zwei Verlierer des Abends fest: Vor allem „Joker“, der in den USA umstrittene, aber durch elf Nominierungen mit viel Vorschusslorbeeren bedachte gewalttätige Rachethriller. Viele respektierten den Film, warfen ihm aber zugleich vor, einen Wutbürger zu verherrlichen. Nur zwei Oscars konnte der Film gewinnen – außer der Auszeichnung für Joacqin Phoenix blieb der für die beste Filmmusik.

Erwartet worden waren auch die anderen Preise für die Darsteller: Renée Zellweger, Brad Pitt und Laura Dern erhielten hier auch Anerkennungen für ihr Gesamtwerk.

Am Morgen vor der Oscarverleihung veröffentlichte der „Hollywood Reporter“, die einflussreichste US-Branchenzeitschrift, ein überaus interessantes Gespräch mit einem bedeutenden Produzenten, der anonym bleiben durfte und dafür „brutal ehrlich“ erklärte, wie er auf die Filme blickte: „,1917’ ist mehr ein Gimmick und nur visuell interessant. Scorsese hat weitaus bessere Filme gemacht, ,Joker’ war exzellent, aber das ist kein ,Bester Film’. Aber Bong Joon-ho ist supersmart und brillant, ein sehr talentierter Regisseur.“ Da hatte einer den richtigen Instinkt.

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