Über DDR-Trinksitten - „Blauer Würger“ und Rumtopf

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Jena/Neudietendorf (dpa) - Das kleine Bier in der Kneipe kostete 48 Pfennig. In geselliger Runde wurden gern harte Sachen gebechert - Doppelkorn etwa oder „Blauer Würger“, der Spitzname für eine Wodka-Sorte mit blauem Etikett. Beim Alkoholkonsum war die DDR Weltspitze.

1988 trank ein Durchschnittsbürger 16,1 Liter Schnaps. „Die DDR war ein Spirituosenland“, sagt Teresa Thieme vom Stadtmuseum Jena. Dort ist von Freitag an eine Ausstellung zu sehen, die sich den Trinksitten in der DDR widmet.

Die Schau, die bis zum 7. Oktober gezeigt wird, lebt vor allem von den Erinnerungen der Zeitzeugen. 140 Leihgeber haben Exponate zur Verfügung gestellt: Original-Schnaps- und Weinflaschen - einige auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR noch mit unberührtem Inhalt -, Bieretiketten, Barhocker und Getränkekarten. Zu sehen ist auch der „Promillor“, das von der Polizei verwendete Alkohol-Messgerät.

„In der DDR wurde hauptsächlich gesellig getrunken, selten allein“, sagt Thieme. Ob Familien- und Volksfeste oder Runden mit den Arbeitskollegen - Bier und Schnaps durften nie fehlen. 1989 hatte der Bierkonsum der DDR den der Bundesrepublik übertroffen: 146,5 Liter pichelte ein DDR-Bürger im Durchschnitt. Und während die Deutschen im Westen lieber zu Wein griffen, schlug die DDR alle Rekorde beim Schnapsverbrauch. 23 Flaschen pro Kopf im Jahr 1988.

Dass Spirituosen so hoch im Kurs standen, hatte mit dem Angebot in der Planwirtschaft zu tun. „Getrunken wurde das, was es gab“, erzählt Lutz Sander, heute Geschäftsführer der Aromatique Spirituosenfabrik in Neudietendorf bei Erfurt. „Und Klaren gab es eigentlich immer.“

Für Spirituosen griffen die DDR-Bürger auch etwas tiefer in die Tasche. „Bei Feiern war immer alles da“, erzählt Sander. „Und dabei war Alkohol nicht gerade billig.“ Manche Kreationen wie Apfelkorn oder Curacao-Likör - der mit Orangensaft zur „Grünen Wiese“ wurde -, gab es für viel Geld in den „Delikat“-Läden. Einige Weinbrände oder bessere Liköre aus DDR-Produktion waren gar nur gegen Devisen erhältlich. „Es ist schon erstaunlich, dass die Leute das begehrte Westgeld für Alkohol in den Intershop getragen haben“, sagt Matias Mieth, Direktor der Städtischen Museen Jena.

Eher mau sah es dagegen mit dem Wein aus, vor allem süßliche Weine aus Südosteuropa dominierten. Wem die nicht schmeckten, der braute etwa aus Obst in Glasballons selbst Wein oder setzte mit Primasprit oder „Kumpeltod“, Deputatschnaps für die Bergleute, Rumtopf oder Likör an. Die Rezepte für Selbstgebrautes gingen von Hand zu Hand.

Stadtmuseum (sz)

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