„Lokal einkaufen ist das Gebot der Stunde“

Trotz der Lockerungen müssen ein Viertel der Einzelhändler mehr als 25 Prozent Umsatzrückgang hinnehmen. FOTO:VIBE
Seit Ende April hat der Einzelhandel wieder geöffnet. Am 11. Mai durften auch der Großhandel, Geschäfte in Einkaufszentren sowie Dienstleistungsbetriebe nachziehen. Wie zufrieden die Kaufleute nach den ersten Wochen sind, darüber haben wir mit IHK-Geschäftsführer Markus Anselment gesprochen. 

Welche Stimmung herrscht aktuell bei den Kaufleuten nach den ersten Lockerungen ? 

Die Stimmung unter den Händlern ist gedämpft: Die Frequenz in den Innenstädten und den Geschäften ist deutlich niedriger als in den Zeiten vor Corona. Der Großteil der Kunden nimmt die Hygienevorschriften gut an. Aber unbeschwerte Einkaufsbummel in Kauflaune finden nicht statt. Die Bedrohung durch das Virus ist durch die Hygienemaßnahmen wie z.B. Nase-Mund-Bedeckung immer präsent. Die Gastronomie ist noch geschlossen bzw. nur eingeschränkt offen. Das schwächt den Anreiz, in die Stadt zu fahren und dort zu verweilen. Auch Veranstaltungen fallen als Besuchermagneten aus. In der noch laufenden Konjunkturumfrage der IHK Schwaben zeichnet sich ab, dass mehr als zwei Drittel der Einzelhändler in den ersten vier Monaten 2020, abhängig vom Sortiment, deutlich weniger Umsatz gemacht haben als im Vorjahr.

„Es ist zu befürchten, dass im Laufe des Jahres die Zahl der Insolvenzen unter den Einzelhändlern ansteigen wird“

Wie ist das Feedback der Händler? Wie zufrieden sind sie mit Nachfrage, Umsatz etc.?

Die Händler berichten, dass vor allem bedarfsorientiert eingekauft wird. Bestimmte Sortimente werden sehr gut nachgefragt. Dazu gehören z.B. Garten- und Heimwerkerbedarf, Fahrräder, aber auch Dessous und Sport- und Wanderausrüstungen. In diesen Bereichen berichten viele Händler von höheren Ausgaben je Einkauf.

Andere Sortimente wie z.B. der Modehandel sind mit Nachfrage und Umsatz weniger zufrieden. Da Feste, Veranstaltungen und andere Feierlichkeiten abgesagt sind, fallen die Anlässe aus, um neue Abendmode, Anzüge und Kleider zu kaufen. Die Frühjahrsmode hängt seit Wochen in den Geschäften. Sie konnte während der Betriebsschließungen nicht angeboten werden und wird nun vermutlich mit hohen Abschlägen verkauft werden müssen. Die Lager und Regale sind gefüllt und müssen für die schon bestellte Sommermode geleert werden. Das wirkt sich auf den Umsatz aus. Es zeichnet sich ab, dass ein Viertel der Einzelhändler in Bayerisch-Schwaben von Januar bis April mehr als 25 % Umsatzrückgang hinnehmen muss. Welchen Herausforderungen müssen sich die Händler trotz der Einschränkungslockerungen stellen?

Die Läden dürfen nur unter strengen Hygiene- und Schutzmaßnahmen öffnen. Spritzschutz an den Kassen, Desinfektionsmittel, Mundschutz für Personal und Kunden, verstärkte Putzroutinen und teilweise mehr Personal verursachen zusätzliche Kosten. Gleichzeitig dürfen weniger Kunden ins Geschäft. Während der Umsatz also schwächelt, steigen die Kosten an. Außerdem ist das Verkaufspersonal durch die zusätzlichen Hygieneauflagen belastet. Es verlangt, den Mitarbeiter*innen im Handel viel ab, acht Stunden mit der Nasen-Mund-Bedeckung Verkaufsgespräche zu führen oder an der Kasse zu stehen.
         
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Wie hoch schätzt man die Umsatzeinbußen, die im Handel während des Lockdowns gemacht wurden?

Wir gehen davon aus, dass die Umsatzeinbußen in Lindau höher liegen als im Durchschnitt. Es fehlten und fehlen nicht nur die Einkäufe der hiesigen Bürger, sondern auch die der Tagestouristen, Übernachtungsgäste und Kongressteilnehmer, von denen die Stadt in besonderem Maße lebt. Hier wirken sich auch die Einschränkungen im Grenzverkehr aus. Aus Vorarlberg kommen in normalen Zeiten zahlreiche Kunden nach Lindau zum Einkaufen. Auch Einkaufstouristen aus der Schweiz nutzten vor der Corona-Krise gerne die Währungsvorteile des Lindauer Handels.

Wie bewerten Sie die vom Staat gebotenen Hilfspakete und wie sind Sie und die Händler mit der Umsetzung zufrieden?

Der Freistaat Bayern hat sehr schnell und in nie dagewesener Höhe diverse Fördermaßnahmen auf den Weg gebracht. Für viele Händler waren und sind diese Maßnahmen existenziell notwendig. Die Umsetzung der Maßnahmen lief leider nicht immer reibungslos. Nun richten sich die Erwartungen der Betroffenen darauf, dass die Soforthilfe, wie von der Politik in Aussicht gestellt, bis Ende Monats ausbezahlt wird.

Was können die Kunden tun, um den Handel zu unterstützen?

Am besten unterstützen Kunden den Handel vor Ort, in dem sie dort einkaufen. Das ist wichtig, um die lebendige und attraktive Innenstadt zu erhalten. Denn viele Geschäfte kämpfen in diesen Wochen um ihr Überleben. Lokal einzukaufen ist das Gebot der Stunde für heimische Kunden. Viele Geschäfte haben während der Betriebsschließungen damit begonnen auch online zu verkaufen, so dass man auch lokal einkaufen kann ohne ins Geschäft zu gehen.

Wie wird der Wirtschaftsstandort nach der Krise aussehen?

Es ist zu befürchten, dass im Laufe des Jahres die Zahl der Insolvenzen unter den Einzelhändlern ansteigen wird, vor allem falls die Umsätze auf dem bisherigen – vergleichsweise – niedrigen Niveau bleiben sollten. Dies würde die Innenstädte verändern: Viele Händler könnten für ihre Geschäfte keine Nachfolger finden. Leerstände würden zunehmen und nur schwer durch neue Ladengeschäfte belebt werden. Hier sind gemeinsame Initiativen von Kommunen, Werbegemeinschaften und Gewerbetreibenden notwendig, um die lebendige Vielfalt und das Aussehen unserer Innenstädte zu erhalten.

Stadt Lindau und IHK Schwaben werden in zwei Veranstaltungen mit Einzelhändlern sowie Hotelliers und Gastronomen konkrete Lösungen erarbeiten, mit welchen Ideen und Best-Practice-Beispielen gemeinsam mit den Unternehmen der Neustart besser gelingen kann.

Über den Handel hinaus hängt die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandortes in hohem Maße davon ab, dass zum einen die Lieferketten, auch international, wieder funktionieren und zum anderen die Nachfrage auf den in- und ausländischen Märkten schnell wieder auf das Niveau vor der Corona-Krise steigen.

Die Wiederherstellung der Reisefreiheit in Europa ist Grundvoraussetzung dafür, dass auch der Tourismus wieder anlaufen kann. Deshalb setzt sich die IHK Schwaben zusammen mit den anderen Bodenseeanrainer-Kammern für schnelle Grenzöffnungen ein.

Wie ist Ihre Einschätzung bezüglich des regionalen Marktgeschehens (Produktion & Handel) – wird sich dieses aufgrund der Corona-Krise in Zukunft verändern?

Die Politik hat schnell und entschieden reagiert. Die Wirtschaft zeigt ihre Innovationskraft und ihre Fähigkeit zu kreativen Ideen. Und die Gesellschaft beweist ihre Disziplin in Krisenzeiten. Das sind alles Stärken, die wir für die Zukunft bewahren sollten. Um Missstände zu beseitigen können wir eben doch rasch handeln und unkonventionelle Lösungen finden. Auch die Digitalisierung der Kommunikationswege hat einen Schub erfahren, die uns künftig positive Effekte bringen wird. Zunächst gilt es jedoch, gemeinsam Schritt für Schritt den Weg aus der Krise zu finden. Die bisher gezeigte Eigenverantwortung aller Beteiligten stimmt uns optimistisch, dass wir diesen tiefen Einschnitt überwinden können. Von Viktoria Benz