Es warten große Aufgaben

Tuttlingens OB und Kreisrat Michael Beck (l.), der die Kreistagssitzung geleitet hatte, gratulierte Stefan Bär zu dessen erneuter Wahl. Dessen Ehefrau Rosana freut sich mit ihm über die breite Bestätigung im Gremium. FOTO: ADALBERT BRUETSCH

Der amtierende Landrat Stefan Bär ist im Rahmen einer öffentlichen Kreistagssitzung im ersten Wahlgang wiederholt zum Landrat des Landkreises Tuttlingen gewählt worden. 35 von 46 stimmberechtigten Kreisräten stimmten für den heute 56-Jährigen, der bereits in den vergangenen acht Jahren die Geschicke des Landkreises lenkte.  

LANDKREIS TUTTLINGEN - Gemeinsam mit Kreistag und Kreisverwaltung möchte der wiedergewählte Landrat die Herausforderungen der Zukunft angehen. In seiner Rede betonte Bär, dass er sich einen Landkreis wünsche, der auf alle wichtigen gesellschaftlichen Fragen die richtigen Antworten findet.

Wirtschaftliches Wachstum und ein vielfältiges Bildungsangebot bilden dabei die zentralen Säulen gesellschaftlichen Wohlstands. Die Gemeinden leisten mit ihrer Arbeit vor Ort einen wesentlichen Beitrag, wenn es um die Sicherung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum, soziale und kulturelle Angebote geht.

Für alle Bürgerinnen und Bürger wünscht sich Bär, dass diese sich auch weiterhin ihrem Landkreis heimatlich verbunden fühlen und dass durch Arbeitsplätze und ein solidarisches Miteinander auch Neubürger von der Attraktivität der Stadt und des Landkreises Tuttlingen überzeugt werden können.

Kreisrat Dr. Clemens Maier (FW) lobte die Arbeit Bärs und bedankt sich für acht Jahre gute Zusammenarbeit. Eine wichtige Stärke Bärs sei es gewesen, dass er immer wieder Kontroversen aufgelöst habe, um eine gemeinsame, parteiübergreifende Basis zu schaffen. „Das gemeinsame Miteinander war geprägt von großem Vertrauen“, so Maier. Das bestätigte auch Kreisrat Hans- Martin Schwarz (OGL). „Das Klima war gut, es gab keine Spaltungen, und wichtige Entscheidungen wurden am Ende gemeinschaftlich getragen.“  


Der Werder-Bremen-Fan bangt um seinen Verein  

Blick nach vorn: Zur zweiten Amtsperiode ein Gespräch mit Landrat Stefan Bär.  

Der Kreistag applaudiert dem wiedergewählten Landrat.
Der Kreistag applaudiert dem wiedergewählten Landrat.
Südfinder: Herr Bär, gab es in Ihrer ersten Amtszeit einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Warum tue ich mir das an?

Stefan Bär: Nein, aber es gab Momente und Situationen, die ich als besonders herausfordernd empfunden habe. Dazu gehörten beispielsweise die Diskussionen um den Klinikstandort Spaichingen oder, wenn ich an den Beginn meiner Amtszeit denke, den „Fall Maya“. Gerade die Diskussionen um die Klinik im letzten Jahr waren zu Beginn nicht selten mit persönlichen Anfeindungen verbunden, das muss man wegstecken und verarbeiten können.

Haben Sie es geschafft, alle Gemeinden des Landkreises einmal zu besuchen?

Zumindest habe ich alle besucht, die mich eingeladen haben. In den zurückliegenden Jahren habe ich zahlreiche Gemeindebesuche absolviert und ebenso viele Einzeltermine in Gemeinden wahrgenommen. Dazu gehören auch die Firmenbesuche. In der ein oder anderen Gemeinde war ich mehrfach. Diesen Kontakt und die Nähe zu den Gemeinden gehören für mich einfach dazu..

Welches sind die drei wichtigsten Aufgaben, die in den kommenden Jahren auf den Landkreis zukommen?

Zu den vornehmsten Aufgaben gehören die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, vor allem im ambulanten Bereich. Die Weiterentwicklung unseres ÖPNV-Angebotes sowie die Themenkomplexe Wirtschaftsförderung und Bildung.

Im Bereich der Schulen des Landkreises haben wir eine Menge zu tun. Die Frage der neuen Werkstätten im Berufschulzentrum Tuttlingen wird uns ebenso beschäftigen wie die Erweiterung des Sprachheilkindergartens in Balgheim und die, bedingt durch steigende Schülerzahlen, bestehende Raumnot der Johann-Peter-Hebel-Schule. Weiter vorantreiben werden wir auch den Breitbandausbau und damit einhergehend den Ausbau unseres Mobilfunknetzes.

Viele Kommunal- und Regionalpolitiker beklagen, dass der Ton rauer wird, dass Hass und Hetze zunehmen. Spüren Sie das auch?

Ja, da ist was dran. Nicht nur ich persönlich nehme das wahr, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamtes berichten davon. Und leider tragen mediale Errungenschaften wie E-Mail und die sozialen Netzwerke nicht dazu bei, dass sich der Tonfall auf absehbare Zeit verbessern wird. Heute werden Dinge auf eine Art kommuniziert – so würde man niemals persönlich miteinander sprechen. Aber neben veränderten Kommunikationsformen sind auch die Erwartungen an den Staat und was dieser zu leisten hat enorm gestiegen.

Was können Kreistag und Landratsamt tun, um den Wirtschaftsstandort Landkreis Tuttlingen zukunftsfit zu machen?

Wir arbeiten daran, ideale Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und unsere Bürgerinnen und Bürger zu schaffen. So kümmern wir uns zum Beispiel um eine gute Infrastruktur, darunter eine gute Glasfaserversorgung und ein gutes Straßen- und Verkehrswegenetz. Außerdem möchten wir unsere Betriebe bei der Gewinnung ihrer Fachkräfte unterstützen. Dazu gehört auch, dass wir uns in den Bereichen Kultur, Tourismus, Freizeit und Bildung engagieren.

Wir haben viel zu bieten, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass unser vielfältiges Angebot auch wahrgenommen wird. Konkret bedeutet das, dass wir unser Standortmarketing verbessern und unseren Außenauftritt erneuern wollen. Auch Verwaltungsabläufe müssen schneller werden und trotzdem muss die gebotene Rechtssicherheit gewahrt werden.

Zu den schwierigsten Themen der vergangenen Jahre gehört das Klinikum, nicht nur wegen der Verlagerung von Spaichinger Abteilungen. Haben die Protestwelle und der Widerstand Sie überrascht?

Nicht wirklich. Im Vergleich mit anderen Landkreisen, die diese Entscheidung bereits hinter sich haben, erging es uns ähnlich. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gehören Gesundheitsversorgung und Pflege zu den emotionalsten Themen, die es gibt.

Wie positionieren Sie sich beim Thema Windkraft?

Wer die Erneuerbaren Energien möchte, wird schlussendlich an der Windkraft nicht vorbeikommen. Derzeit haben wir 11 Windräder in Betrieb oder genehmigt, 7 weitere befinden sich im Genehmigungsverfahren. Dass es fast um jeden Standort kontroverse Diskussionen gibt ist in einer Demokratie so. Persönlich bin ich der Ansicht, dass man Standorte, die sich als geeignet und verträglich erweisen, auch nutzen sollte.

Haben Sie Verständnis für die Sorgen der Tuttlinger um Ihr Stadtbild, wenn es um den Donau-Stau geht? Kann der Landkreis da helfen?

In Teilen kann ich die Sorgen der Tuttlinger Bürger natürlich verstehen. Dennoch fände ich es gut, wenn mögliche Alternativen planerisch untersucht würden. Und sei es nur, um sich für die anhaltenden Diskussionen neue Anregungen zu holen. Nur auf den Rechtsweg und weitere Instanzen zu setzen, wird nach meiner Einschätzung in Kenntnis der gerichtlichen Entscheidungen nicht viel bringen, Zeit kosten und vor allem am jetzigen Zustand, auf nicht absehbare Zeit, nichts ändern.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

In der Regel lese ich meistens zwei Bücher parallel. Derzeit lese ich mit großer Begeisterung das Buch „Diese Wahrheiten – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ der amerikanischen Historikerin Jill Lepore. Historisch ausgezeichnet recherchiert und aktueller denn je. Zur Entspannung lese ich gern Kriminalromane und Thriller, derzeit Gary Disher „Kaltes Licht“. Den Autor kann ich nur empfehlen.

Wie oft schauen Sie auf Ihr Smartphone? Schalten Sie es nachts ab? Wen oder was haben Sie in Ihrer Twitter-Timeline? Was haben Sie zuletzt gegoogelt?

Im Grunde viel zu oft. Nachts hängt mein Handy am Ladekabel, und ich habe es in Reichweite. Mit Twitter kann ich leider nicht dienen, diesen Kanal nutze ich nicht. Und zuletzt gegoogled habe ich das „Elbsandsteingebirge“. Dort möchte ich in diesem Frühjahr wandern gehen.

Zum Schluss, unvermeidlich: Schafft Werder Bremen den Klassenerhalt (Anmerkung der Redaktion: Stefan Bär ist seit vielen Jahren Fan des norddeutschen Bundesligisten)?

In der Tat mache ich mir dieses Jahr ernsthafte Sorgen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich hoffe doch, dass sie das Ruder noch einmal herumreißen werden. (sf)