Menschen suchen heute auch auf dem Friedhof das Wahrhaftige

Die katholische Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte weit über 6000 Menschen heilig gesprochen. Deshalb widmet sich der Feiertag am 1. November allen Heiligen. Viele Menschen nutzen den Tag, um an verstorbene Angehörige zu gedenken. FOTO: IMAGO
Am 1. November ist Allerheiligen. Ein katholischer Feiertag, der in fünf Bundesländern begangen wird. Viele Menschen nutzen diesen Tag, die heimischen Friedhöfe aufzusuchen, um an die Verstorbenen zu gedenken. Um diese Tradition weiterleben zu lassen, sollten die Orte der Beisetzung in ihrer Gestalt, ihrem Konzept und ihrer Funktion weit stärker als in der Vergangenheit die tatsächlichen Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen, indem beispielsweise Bereiche auf Friedhöfen geschaffen werden, an denen sich die Hinterbliebenen gerne aufhalten, um ihrer Trauer und ihrem Gedenken mehr Raum zu ermöglichen.

Bestehende Friedhöfe waren einst die zentralen Orte in Städten und Gemeinden, an denen sich der Umgang mit dem Tod von Angehörigen und Freunden offenbarte. Heute liegen hier Potenziale und viele freie Flächen brach. Die uneingeschränkte Akzeptanz des Friedhofs als ein von einer breiten Bevölkerungsschicht akzeptierter Beisetzungs- und Trauerort ist nicht mehr selbstverständlich. Friedhöfe erscheinen vielen Menschen zunehmend als sinnlos und völlig überflüssig.
 
Der Bergfriedhof In Lindenberg ist ein besopielhafter Ort, an dem Menschen sich gerne aufhalten, um zu trauern und zu gedenken. FOTO: THOMAS GRETLER
Der Bergfriedhof In Lindenberg ist ein besopielhafter Ort, an dem Menschen sich gerne aufhalten, um zu trauern und zu gedenken. FOTO: THOMAS GRETLER
Viele Friedhöfe haben sich in ihrem Äußeren seit Generationen kaum verändert. Eine Weiterentwicklung ist nicht erwünscht. Gedanken über die Zukunft kommen erst an zweiter Stelle. Man redet lieber über die Vergangenheit - über die Anliegen der zurückgebliebenen Menschen will sich niemand Gedanken machen.

Der Friedhof ist unter Verdacht geraten. Den Verdacht, dem Diktat der ewig gleichen Formen zu unterliegen und zur Uniformität zu verkommen. Der Friedhof versinkt in Eigenschaftslosigkeit. Verloren gegangen ist der Beisetzungsort als sinnvoller Ort, wo die Menschen Individualität und Zugehörigkeit erfahren können. Die Formen der Zeichen sind seriell und überrregional identisch. Bei Bildern von zeitgenössischen Friedhöfen gelingt es kaum, den Standort zu bestimmen. Wanne-Eickel, Kaiserslautern oder Treuchtlingten? Die Eindrücke sind austauschbar.

Tradition ist als Programm zu wenig. Wandelnde Normen und Werte sowie alternative Beisetzungsformen im Wald oder in Kirchen lassen den Friedhof als einst für viele Menschen selbstverständlichen Ort der Beisetzung heute oft überflüssig erscheinen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass bei der Vielfalt der heute angebotenen Beisetzungsmöglichkeiten und die daraus folgende Wahl und die Gestalt des Bestattungsortes das meist passiv vorausgesetzte „Ich will euch einmal nicht zur Last fallen“ oder die aktiv formulierten „Natur war mir immer schon wichtig“ Bedürfnisse der Verstorbenenen verstärkt in den Mittelpunkt treten. Friedhöfe erfüllen ihre gesellschaftlichen Aufgaben heute allerdings nur dann, wenn sie in ihrer Gestalt, ihrem Konzept und ihrer Funktion weit stärker als in der Vergangenheit die tatsächlichen Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen und ihren immateriellen Nutzen, das heißt die wirkungspezifische Funktion eines jeden Beisetzungsortes, in den Vordergrund stellen. In diesen Räumen sind Trauern und Erinnern an einem durch den Ort der Bestattung definierten, mit einem adressierten Zeichen aus „lebendigen“, die Sinne der Menschen berührenden Materialien wie Holz, Naturstein, Beton, Bronze oder Pflanzen gebunden. Diese Zeichen können retrospektive Zeugnis geben von den Verstorbenen, von ihrem Leben, ihrem Glauben, ihren Vorlieben oder ihrem Schönheitsempfinden. Sie können aber auch prospektiv auf eine nicht erklär- oder vorhersehbare Zukunft verweisen oder aber nur sich selbst als gestaltetes Zeichen genügen. Diese Zeichen sind ein wesentlicher Bestandteil dieser Räume. Sie verhelfen den neuen „Orten der Trauer“ zu einer ganz eigenen Sprache, zu einer ganz eigenen Atmosphäre und Wirkung auf Menschen. Das Grab, der Schmuck und jedes Zeichen oder Objekt am Ort der Beisetzung ist so eine Hilfe für die Aktualisierung der Nähe zu den Verstorbenen und damit für die Trauerbewältigung. Nicht der gestalterische Alleingang eines einzelnen Zeichens, sondern die Gestalt, die sich in ein Ensemble einfügt, schafft diese erkennbare Identität. Menschen suchen auf Friedhöfen keine Produkte, sondern Gefühle. Sie suchen das Authentische.

Friedhöfe brauchen diese Ideen und die damit verbundenenen Beisetzungsorte mit ihren Zeichen und ihrer Authentität, wenn sie den Charme des vergangenen Jahrhunderts ablegen wollen. Dazu braucht es Angebote, die weit stärker als in der Vergangenheit berücksichtigen, dass Menschen nur an jenen Orten der Beisetzung und des Gedenkens interessiert sind, die für sie einen erkennbaren Nutzen haben und die ihnen (wieder) positive Assoziationen zu bereits verstorbenen Mitmenschen ermöglichen. Menschen auf eine Tafel aus Stein zu reduzieren, ohne ihr Leben zu kennen, macht für viele Menschen kaum mehr Sinn. Menschen suchen auf dem Friedhof keine Produkte, sondern Gefühle. Menschen suchen heute auch auf dem Friedhof das Wahrhaftige. Nur so kann der öffentliche, für jeden Menschen zu jeder Zeit zugängliche Friedhof in Zukunft für eine pluralistische und multikulturelle Gesellschaft mit sich stetig wandelnden Normen und Werten als Ort der Beisetzung für tote Menschen nützlich und für die Trauer der lebenden Hinterbliebenen attraktiv und hilfreich bleiben. VIBE/ BUNDESVERBAND DEUTSCHER STEINMETZE