„Wir müssen sorgfältig und sparsam mit Flächen umgehen“

Wilfried Franke vom Regionalverband Bodensee-Oberschwaben über die Nachfrage nach Gewerberaum

In manchen Regionen gestaltet sich die Suche nach Gewerbeflächen sehr schwierig. FOTO: DPA
Die Nachfrage nach Platz für Wohnraum und Gewerbe ist ungebrochen. Häufig entstehen im Kampf um die wenigen verfügbaren Flächen Konflikte. Diese werden noch heftiger werden, prognostiziert Wilfried Franke, Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Im Interview mit Miriam Heidecker spricht er über die Nachfrage nach gewerblichen Flächen, die schwierige Suche nach geeigneten Arealen sowie über interkommunale Projekte als Lösung.

Wie ist die Nachfrage nach Gewerbeflächen im Land?

Wir haben einen der wirtschaftsstärksten und innovativsten Räume in ganz Europa. Der Bodenseekreis zum Beispiel ist bei den deutschlandweiten Rankings immer ganz vorne mit dabei. Dort haben wir mit dem Maschinen- und Fahrzeugbau eine als sehr zukunftsfähig angesehene Branche. Allerdings steht dem Fahrzeugbau mit der Entwicklung im Bereich der Elektromobilität ein gewaltiger struktureller Wandel bevor.

Was bedeutet das für die Flächen?

Wenn wir Strukturwandel betreiben, bedeutet das auch immer, dass wir Flächen brauchen. In einer großen Produktionshalle, in der man heute Getriebe für Diesel- oder Benzinmotoren herstellt, kann man morgen nicht Getriebe für Elektromotoren produzieren. Das ist völlig unrealistisch. Deshalb braucht es weitere Flächen.

Wie kann das gelingen?

Bei uns wächst alles. Die Bevölkerung wächst, die Wirtschaft wächst, die Mobilität wächst aber eines wächst nicht: die Fläche. Die Zielkonflikte um die Fläche werden also heftiger werden. Sie sind heute schon heftig, das mündet in hohen Preisen. Deshalb müssen wir sehr sorgfältig und sparsam mit unseren Flächen umgehen. Wir müssen auch alle vorhandenen Konversionsflächen, die wir in Wert setzen können, nutzen. Für den Raum Bodensee-Oberschwaben sind das vorrangig die beiden Kasernenareale in Sigmaringen und in Mengen-Hohentengen. Unser Hauptziel ist es, solche Konversionsstandorte wieder in eine gewerbliche Nutzung zu bringen.

Spüren Sie angesichts der konjunkturellen Bremsspuren einen Rückgang der Nachfrage?

Aktuell bemerken wir noch keinen Rückgang. Jedes zweite Produkt, das wir herstellen, geht in den Export. Wir hängen dermaßen vom Weltmarkt ab. Da herrscht ein mörderischer Druck. Die Unternehmer müssen täglich schauen, dass sie morgen noch da sind. Das zeigt die Labilität dieses Systems. Bei einer geringeren Nachfrage nach Produkten wird natürlich kein Unternehmer weiter investieren. Somit bräuchten wir keine weiteren Flächen. Nur ist das für mich nicht erstrebenswert. Denn sollte die Konjunktur total einbrechen, was wir nicht hoffen, ist das natürlich mit dem Abbau von Arbeitsplätzen verbunden.

Die Diskussion um Naturschutz und Flächenfraß hat stark Fahrt aufgenommen.

In unserer Region haben wir heftige Zielkonflikte. Je näher es an den Bodensee geht, desto höher ist der Siedlungsdruck. In anderen Bundesländern wie zum Beispiel Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern läuft die Diskussion völlig anders ab.

Wie ist der Konflikt zu lösen?

Mit dem Regionalplan bewegen wir uns innerhalb der Vorgaben der rechtlichen Grundlagen. Einerseits müssen wir die Flächen sichern, die wir für die gewerbliche und industrielle Entwicklung brauchen. Andererseits müssen wir sparsam und schonend mit den Flächen umgehen. Der Gesetzgeber fordert, die öffentlichen und privaten Belange gerecht gegeneinander und untereinander abzuwägen. Im Zweifel entscheidet ein Gericht, ob wir das richtig gemacht haben. Allerdings, und das möchte ich auch sagen, kommen wir mit extremen Haltungen nicht weiter. Wir können nicht sagen, wir weisen keine gewerblichen Flächen mehr aus, weil wir unsere wertvollen landwirtschaftlichen Böden schützen wollen. Damit würden wir unseren Wohlstand gefährden.

Gibt es überhaupt noch freie Flächen und wenn ja, wo?

Die freien Flächen sind rar, insbesondere die größeren Standorte ab 10 Hektar sind sehr rar. Am Bodensee ist – vereinfacht gesagt – fast alles unter Natur -und Landschaftsschutz, also für die Planung der Kommunen nicht zugänglich. Die Firmen dort können kaum erweitern. Als Lösung stoßen wir immer mehr interkommunale Projekte an. So zum Beispiel in den Gemeinden Kressbronn, Langenargen und Eriskirch. Dort gibt es keine großen Flächen. Wir müssen sie aus vorhandenen Restriktionsflächen herausschneiden (Regionaler Grünzug). An der B 31 bei Kressbronn wurde die Grube eines alten Kiesabbaugeländes wieder aufgefüllt. Inzwischen wird dort zum großen Teil Intensivobst angebaut. Auf dieser Fläche weisen wir einen regional bedeutsamen Standort aus. Die Alternative hieße keine gewerbliche Entwicklung in diesen drei Gemeinden mehr. In vielen Fällen bleibt eben nur ein gemeinsames Vorgehen. Das erfordert viel Überzeugungsarbeit vor Ort.

Was wären die Folgen, wenn es keine Flächen mehr für Unternehmen gäbe?

Manche Firmen sind so auf ihr Tagesgeschäft konzentriert, sie wissen nicht, wann genau sie mehr Platz brauchen. Aber wenn wir jetzt nichts planen, dann steht in fünf Jahren nichts zur Verfügung. Die Welt bleibt nicht stehen, sie dreht sich immer weiter. Wir sind in einem weltweiten Wettbewerb. Wir sollten es nicht riskieren, unseren Firmen keine Entwicklungsmöglichkeit zu bieten. Der eine oder andere wird vielleicht sowieso verlagern. Aber wir sollten das nicht in der Breite provozieren.

Sind Investoren auch bereit, in Randregionen zu gehen?

Manche Unternehmer erwarten, dort zu erweitern, wo sie bereits sind. Sie reagieren fast geschockt, wenn ihnen gesagt wird, dass es an dem vorhandenen Standort keine Fläche mehr gibt. Dann zeigen wir Alternativen auf und gehen Möglichkeiten in der Region durch.

Inwieweit bremst der Mangel an Gewerbeflächen die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen?

Noch haben wir überall Lösungen gefunden, teilweise mit sehr hohem Aufwand. Die Unternehmen wollen natürlich schnell produzieren und verstehen die langen Verfahren teilweise kaum. Es ist daher notwendig, dass wir rechtzeitig neue Potenziale zur Verfügung stellen. Nächstes Jahr sollte unser neuer Regionalplan rechtskräftig werden.
   

Planungsexperte

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Wilfried Franke (64, Foto: pr) ist seit 2008 Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Er plant auf Basis des Landesplanungsgesetzes Baden-Württemberg die Siedlungs- und Freiraumstruktur, Standorte und Trassen für die Region bis 2035. Aufgewachsen ist er in Ostrach-Burgweiler.