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Hochdeutsch? Nein danke.

Waldseer Mundartkünstler über die Liebe zum Dialekt

Bad Waldsee / Lesedauer: 5 min

Oft bewirken kleinste Details bei der Aussprache einen riesigen Bedeutungsunterschied. Hinhören lohnt sich, weiß Mundartkünstler Barny Bitterwolf.
Veröffentlicht:22.12.2023, 19:00

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Der Schwabe und die Schwäbin sind vielleicht manchmal etwas wortkarg. Auch an Lob wird lieber gespart. Auf der anderen Seite geht es im Schwabenland aber umso herzlicher zu. Und dabei klingt der hiesige Dialekt doch für fremde Ohren so niedlich: Spätzle, Häusle, Mäusle.

Wer sich mit dem Schwabensprech aber näher auseinandersetzt, merkt schnell: So viel Feinheit und Liebe steckt im hiesigen Dialekt. Das weiß auch der Waldseer Mundartkünstler Bernhard „Barny“ Bitterwolf.

„Es ist eben nicht nur die Landschaft, sondern vor allem die Menschen“, sagt Bitterwolf. Und ein waschechter Schwabe muss auch schwäbeln können. Ob er will oder nicht. „Wer aus der Region kommt, ist natürlich mundartlich geprägt. So ganz verbergen kann man den Dialekt nie“, so Bitterwolf, der aus der Waldseer Ortschaft Haisterkirch stammt.

Bitterwolf hält die schwäbische Fahne hoch

Schon seit Jahrzehnten hat sich Bitterwolf der Mundart verschrieben und so bezeichnet sich der Vollblutmusiker selbst als oberschwäbischer Barde.

Sein Auftrag: alte, fast schon vergessene Lieder, Instrumente und Tänze aus Oberschwaben in die Gegenwart zu hieven. Ein Schwabe wirft grundsätzlich nichts weg, was er später noch einmal gebrauchen kann.

Mir schwätzed ganz anders als die Leute, die eben ‚bloß‛ Hochdeutsch können.

Barny Bitterwolf

Mit alter schwäbischer Sackpfeife oder dem Carnyx (einem keltischen Blasinstrument) ist der studierte Lehrer in der Region und darüber hinaus mit seinem musikalischen Programm unterwegs. Bitterwolf hält die schwäbische Fahne hoch und betont gleichzeitig, wie identitätsstiftend der Dialekt auch heute noch ist.

Der Dialekt ist eine Herzenssache

„Mundart erzeugt Nähe, Harmonie und einen schnelleren Zugang zueinander. Der Schwabe hat eine ganz andere Satzmelodie als der Einheitsdeutsch-Sprechende“, so Bitterwolf. „Schwäbisch geht direkt ins Herz und stellt Nähe her.“

Hochdeutsch hingegen ist laut Bitterwolf hingegen lediglich dafür da, Informationen zu übermitteln. „Die Mundarten sind aber die Basis, das Fundament.“ Nur so konnte sich die Standardsprache entwickeln – und sich die Deutschen mit ihren etlichen Dialekten untereinander verständigen. Auch für den größten Dialektverfechter hat die Standardsprache also ihre Daseinsberechtigung.

Hochdeutsch nur im Ausnahmefall

Der Schwabe allerdings greift nur in den allergrößten Notfällen auf sie zurück. Denn alles, was mit der schwäbischen Gefühlswelt zu tun habe, „alles, was schön ist, angenehm, wohltuend, harmonisch ist“, das drückt der Schwabe in seinem Dialekt aus, so der 65-Jährige.

Schwäbisch hat sein ganz eigenes Vokabular, seine eigene Grammatik und Satzmelodie. „Mir schwätzed ganz anders als die Leute, die eben ‚bloß‛ Hochdeutsch können“, betont er augenzwinkernd.

Steht Schwäbisch vor dem Aus?

Hin und wieder ist in der Vergangenheit die Angst aufgekommen, dass es die schwäbische Mundart früher oder später nicht mehr geben werde. Denn immer mehr Menschen im Südwesten – vor allem Kinder – sprechen laut aktueller Untersuchungen zu Hause keinen Dialekt mehr.

Grund genug für Ministerpräsident Winfried Kretschmann, schon vor einigen Jahren eine Dialektinitiative ins Leben zu rufen, an dessen „Runden Tisch“ auch Barny Bitterwolf sitzt.

Auch das Projekt „Mundart in der Schule“ soll dabei helfen, den Dialekt künftig zu erhalten. Wenn er im Rahmen der Initiative regelmäßig Schulklassen besucht, muss aber auch er feststellen: „Es ist nicht mehr die Mehrheit, die sagt: ‚Mir schwätzed Schwäbisch dahoim‛.“

Auf der anderen Seite, so Bitterwolfs Beobachtung, werde inzwischen aber auch häufig auch die Jugendsprache eingeschwäbelt. „Ich bin also überhaupt nicht pessimistisch, dass unsere Mundart aussterben wird.“ Sie muss nur gesprochen werden. (phe)

Feinheiten machen große Unterschiede

Und bei den Schwaben macht der Ton die Musik – um manche Laute erzeugen zu können, muss sich das ein Lernender erst mühsam erarbeiten. „Man kann allein am Klang des Wortes unglaublich viel erkennen“, erklärt Bitterwolf.

Ein Beispiel: Das schwäbische Wort „nakeia“ – für Nichtschwaben so womöglich erstmal nicht identifizierbar. Eine kleine Hilfe: „Keia“ („ei“ wird wie im Englischen „hey“ gesprochen) könnte man – ganz standarddeutsch - mit „werfen“ übersetzen.

Das können zweieinhalb Meter Unterschied sein!

Barny Bitterwolf

Interessant wird’s aber bei der Vorsilbe „na“: Ausgesprochen mit einem starken, klaren A (wie es der hochdeutsche Sprecher wohl am ehesten aussprechen würde) oder mit einem eher nasalen A. Ersteres lässt sich mit „etwas hinunterwerfen“, zweiteres mit „etwas hinwerfen“ übersetzen.

Hinunter oder hin? „Das können zweieinhalb Meter Unterschied sein“, hebt Bitterwolf hervor. „Gerade diese Nuancen machen die Sprache doch lebendig.“ Stichwort Nuancen: Schwäbisch ist nicht gleich Schwäbisch. „In Waldsee sprechen wir auch ganz anders als die Bergatreuter.“ Und die leben nur ein paar Kilometer entfernt.

Großes Vokabular – aber nicht für jeden Bereich

Noch eine Besonderheit: „Der schwäbische Wortschatz ist nachweisbar größer als jeder Wortschatz eines Einheitsdeutsch- Sprechenden“, erklärt Bitterwolf. Oft schon gebe es etliche Begrifflichkeiten, um eine Sache zu beschreiben.

Laufa, wetza, roifla, fuaßla, saua - das macht den Bewegungsablauf doch so richtig deutlich.

Barny Bitterwolf

Wer sich zu Fuß fortbewegt, weiß das: „Laufa, wetza, roifla, fuaßla, saua - das macht den Bewegungsablauf doch so richtig deutlich“, erklärt Bitterwolf. Bei den Bezeichnungen für die eigenen Körperteile ist der Schwabe aber wiederum sehr sparsam.

Von der Zehenspitze bis zum Oberschenkel – für den Schwaben ist das alles der „Fuaß“. Bricht er sich also besagten „Fuaß“, ist zunächst nicht klar: Schienbein, Wadenbein oder doch wirklich der Fuß?

Soviel nur: „S’duad weh.“ Doch egal, wie man es dreht und wendet:  Rechtschreibung gibt es nicht. „Jeder darf so schreiben, wie er will“, betont er. „Schwäbisch ist eine gesprochene Sprache.“ Das geschriebene Wort werde ihr also niemals vollends gerecht.

Vom Französischen inspiriert

Auf ein Lieblingswort möchte sich Bittwerwolf nicht festlegen – dafür gebe es zu viele schöne Begriffe. Die Bezeichnung für den guten alten Nachttopf möchte er aber nicht ungesagt lassen.

Potschamberle - So ein schönes schwäbisches Wort.

Barny Bitterwolf

„Denn da wird deutlich, dass wir in unserer Mundart viele französische Lehnwörter haben“. Auf Schwäbisch: „Potschamberle“, angelehnt an „pot de chambre“. „So ein schönes schwäbisches Wort“, sagt Bitterwolf. „Schade, wenn man das nicht mehr sagt.“

Schwäbisch ist eine lebendige Sprache, sagt Bitterwolf. Sie entwickle sich weiter, gleiche sich an und verliere auch mal Begriffe, wenn sie im Alltag nicht mehr gebraucht werden – wie etwa das „Potschamberle“.