StartseiteThemenMCB Tod einer ÄrztinTote Oberärztin: In diesem Schreiben äußert sich nun der MCB-Betriebsrat

Deutliche Worte

Tote Oberärztin: In diesem Schreiben äußert sich nun der MCB-Betriebsrat

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

In einem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, schildert der Betriebsrat, wie viel Druck der MCB auf die Ärztin ausgeübt haben soll. "Wir waren fassungslos", heißt es darin.
Veröffentlicht:12.12.2023, 13:21

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Mit einem Schreiben an alle Mitarbeiter des Medizin Campus Bodensee (MCB), das der "Schwäbischen Zeitung" vorliegt, hat sich jetzt der Friedrichshafener Betriebsrat erstmals zum Fall der Oberärztin geäußert, die mutmaßlich Suizid begangen hat.

Der Appell: „Eine transparente Aufarbeitung der geschilderten Fälle hat nun höchste Priorität.“

In dem Schreiben schildert die Arbeitnehmervertretung ihren Eindruck, wonach der Arbeitgeber auf die Medizinerin erheblichen Druck ausgeübt haben soll - und wie intensiv die Mitarbeitervertretung versucht habe, sich für die Oberärztin einzusetzen.

An ihrem Todestag sollte es dem Schreiben nach ein Treffen geben, um das weitere Vorgehen bezüglich eines Antrags auf fristlose Kündigung der Oberärztin zu besprechen, den der Klinikverbund gestellt hatte.

Betriebsrat: Aufklärung nicht, „wie wir es uns gewünscht hätten“

Als die Ärztin „vor einiger Zeit ihre Probleme und Erlebtes schilderte, waren wir erschüttert“, heißt es im Schreiben des Betriebsrats. Gegenüber dem Arbeitgeber habe dieser „eine schnelle Aufarbeitung dieser Vorwürfe“ gefordert. Diese habe nicht so stattgefunden, „wie wir es uns gewünscht hätten“. Bei den Vorwürfen geht es um klinikinterne Kritik der letzten Monate bis hin zum Instrument der Gefährdungsanzeige.

Zum einen soll ein Chefarzt ungeeignetes Personal eingesetzt haben, was bei der Betreuung schwer kranker Patienten zu Todesfällen geführt habe.

Zum anderen soll der Chefarzt bei medizinischen Komplikationen Nachbehandlungen durch Spezialisten erschwert haben. Im Schriftverkehr gibt es auch Äußerungen der Ärztin, sie habe sich zum Stillschweigen gedrängt gefühlt.

Oberärztin und Betriebsrat hatten Versetzung abgelehnt

Vor diesem Hintergrund, der in den vergangenen Tagen in Teilen öffentlich geworden ist, schildert der Betriebsrat die Abläufe aus seiner Sicht. Zuerst wollte der MCB als Arbeitgeber die Ärztin demnach als Leitende Oberärztin in die zentrale Notaufnahme versetzen, was sowohl sie selbst als auch der Betriebsrat abgelehnt hätten. Im Schreiben heißt es: „Ihr Leben war die Intensivmedizin, und sie wollte sich nach wie vor für diese Patienten mit vollem Engagement einsetzen.“

Wir wollten am 1.12.2023 das weitere Vorgehen mit ihr persönlich besprechen.

Der Betriebsrat

In der Folge habe der Arbeitgeber laut Betriebsrat ein sogenanntes Zustimmungsersetzungsverfahren beim Arbeitsgericht eingeleitet. Dieses Verfahren ermöglicht es Unternehmen, eine fehlende Zustimmung des Betriebsrats wie in diesem Fall rechtlich prüfen zu lassen und gegebenenfalls arbeitsgerichtlich auszuhebeln. Zum zeitlichen Rahmen schreibt der Betriebsrat: „Die Verhandlung hätte demnächst stattgefunden.“

Betriebsrat: „Wir waren fassungslos“

Am 30. November habe der Betriebsrat dann einen Antrag auf fristlose Kündigung der Oberärztin erhalten. „Wir waren fassungslos“, äußert sich die Mitarbeitervertretung. Ein solcher Antrag müsse innerhalb einer Frist von drei Tagen durch das Gremium bearbeitet werden, eine außerordentliche Sitzung sei vorbereitet worden. Auch die Oberärztin sei informiert gewesen: „Wir wollten am 1.12.2023 das weitere Vorgehen mit ihr persönlich besprechen.“

Dazu sei es nicht mehr gekommen: Die Ärztin habe „dem Druck, der gegen sie aufgebaut wurde, nicht mehr standgehalten“. In der Nacht auf Freitag, 1. Dezember, hatte sie mutmaßlich Suizid begangen.

Schreiben wirft viele Fragen auf

Der Betriebsrat wirft in seinem Schreiben an alle Mitarbeiter viele Fragen auf: „Wie ist es möglich, solche Vorwürfe nicht erst einmal intern und sauber aufzuarbeiten?

Hat man im Vorfeld die beteiligten Ärzte und Pflegekräfte gehört, um sich ein umfassendes Bild zu machen? Zudem werden berechtigte Zweifel laut, ob das Gutachten von einer unabhängigen, unbefangenen Person erstellt worden ist. Hat man richtig gehandelt?“

Das Gutachten, das der Betriebsrat anspricht, hatte der MCB in Auftrag gegeben. Der Autor sieht darin keinen Änderungsbedarf auf der betreffenden Station am Klinikum Friedrichshafen. Starke fachliche Kritik äußerte der Gutachter allerdings an der Oberärztin. Der Anwalt der verstorbenen Oberärztin indes bezeichnet das Schriftstück als „Gefälligkeitsgutachten“. In der Vergangenheit hatten der Gutachter und der von der Oberärztin kritisierte Chefarzt mehrfach gemeinsam publiziert.

Betriebsrat fordert Aufklärung

Der Betriebsrat fordert eine transparente und schonungslose Aufklärung. Mit der Oberärztin habe man einen sehr geschätzten Menschen verloren. „Es ist endgültig. Nicht mehr umkehrbar. Damit müssen nun alle leben. Wir sind unfassbar traurig, dass wir sie nicht noch mehr unterstützen konnten. Wir werden sie nicht vergessen.“