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Serie „Baustelle Deutschland“

Mangelwirtschaft in deutschen Klassenzimmern

Politik / Lesedauer: 5 min

Es brauchte am Ende eine Pandemie, um den Zustand des deutschen Bildungswesens anschaulich zu präsentieren. Hat das so noch eine Zukunft?
Veröffentlicht:10.10.2023, 17:46

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Es brauchte am Ende eine Pandemie, um auch dem letzten (Bildungs-)Politiker den Zustand des deutschen Bildungswesens anschaulich zu präsentieren. Während in anderen Ländern über den Digitalunterricht nicht nur in salbungsvollen Sonntagsreden schwadroniert wird, sondern das Lernen tagtäglich durch moderne Technik mit Leben gefüllt ist, regierten in Deutschland während der Corona-Pandemie vielerorts noch Faxgeräte, Drucker und Kopierer.

Die deutschen Schüler sind im 21. Jahrhundert abhängig von ihrer jeweiligen Schule, ihrem jeweiligen Lehrer und ihrem jeweils zur Verfügung stehenden WLAN. Wer das Glück hatte, einen online-affinen Lehrer zu haben, durfte sich zumindest in den Monaten der Schulschließungen über rudimentären Digitalunterricht freuen. Schüler und Lehrer trafen sich wenigstens einmal am Tag für ein Stündchen im virtuellen Klassenzimmer und genossen so etwas wie Schulunterricht.

Wer aber einen Klassenlehrer hatte, der von Digitalunterricht so viel wusste, wie ein Eskimo von der Sahara, hatte schlicht und einfach Pech. Kein digitaler Unterricht ‐ mit Glück gab es ein paar kopierte Seiten mit Mathematik- und Deutschaufgaben, die von Briefkasten zu Briefkasten verteilt wurden.

Riesige Lernrückstände in Zeiten der Pandemie

Fazit: Unterrichtsstoff wurde gänzlich verpasst oder nur zum Teil abgearbeitet, komplette Klassen häuften riesige Lernrückstände an, die sie wohl in ihrer weiteren Schullaufbahn kaum aufholen können. Ein Armutszeugnis für Deutschland!

Ralf Wintergerst, Präsident des Internetverbandes Bitkom, übersetzte dieses Armutszeugnis hinsichtlich der mangelhaften Digitalisierung in den Schulen in ein anschauliches Beispiel: „Deutschland hinkt mittlerweile 20 Jahre hinter Dänemark hinterher.“ Von den maroden Schulen, der mangelhaften Chancengerechtigkeit und den massiven Unterrichtsausfällen in Deutschland ganz zu schweigen.

Dass die Corona-Pandemie die Schwachpunkte des Bildungssystems gnadenlos aufgedeckt hat, weiß auch Katharina Günther-Wünsch, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie.

„Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig digitale Instrumente für den Bildungsprozess sind. Wir müssen sicherstellen, dass Schulen perspektivisch mit modernster Technologie ausgestattet sind, und Lehrkräfte die notwendigen Fähigkeiten erhalten, um digitale Medien sinnvoll im Unterricht einzusetzen“, macht die CDU-Politikerin deutlich.

Gleichzeitig müsse laut der ehemaligen Lehrerin und Schulleiterin aber auch sichergestellt werden, dass der technologische Fortschritt nicht zu einer Kluft in der Bildung führe, sondern alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen davon profitieren könnten.

Laut Günther-Wünsch vollzieht sich im Rahmen der Globalisierung und Digitalisierung ein durchgreifender und rasanter Wandel von der Industrie- in die Wissens- und Datengesellschaft, „in der es unsere Verantwortung ist, die bestmögliche Bildung für unsere Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten“. Dazu gehöre, das lebenslange Lernen flexibel zu gestalten, die Überarbeitung der Bildungsstandards mit zeitgemäßen Lehrplänen für zukünftige Anforderungen, die Erneuerung der Schulgebäude anzugehen und dafür auch ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Lehrkräfte fehlen überall

Doch nicht nur die Digitalisierung sei eine Herausforderung, auch der Lehrermangel sei ein drängendes Thema. „Um die Qualität der Bildung aufrechtzuerhalten, müssen wir verstärkt in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften investieren und attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Nur so können wir sicherstellen, dass jede Schülerin und jeder Schüler die individuelle Unterstützung erhält, die nötig ist, um das volle Potenzial zu entfalten“, mahnt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Um die genannten Baustellen zu bewältigen, fordert die Berliner Schulsenatorin eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern, Kommunen, Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern. „Wir, die Länder, setzen uns dafür ein, die notwendigen Maßnahmen in der Kultusministerkonferenz zu koordinieren und Impulse für eine nachhaltige Verbesserung des Bildungssystems zu geben.“ Im Übrigen, so Günther-Wünsch, gehörten zur Gestaltung der Zukunft der Schüler auch noch andere Fähigkeiten, immer wichtiger würden: Kreativität, Kommunikation, Flexibilität und Innovativität.

Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern

Doch die von Günther-Wünsch geforderte „gemeinsame Anstrengung“ ist in Deutschland gar nicht so leicht in die Praxis umzusetzen. Dass trotz der eklatanten Bildungskrise das Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern Mitte März in einem geplatzten Bildungsgipfel mündete, löste ohnmächtiges Kopfschütteln aus.

14 der 16 Bildungsminister aus den Ländern blieben dem Gipfel fern ‐ ein Affront, aber gleichzeitig auch ein Indiz, wie offenbar wenig lösungsorientiert die Bildungspolitiker untereinander agieren.

„Hintergrund für diese Querelen ist die 2006 beschlossene Föderalismusreform, die unter anderem vorsieht, dass die Bildungspolitik weitgehend zur Ländersache wird und der Bund sich aus der direkten Finanzierung von Schulen heraushält“, schreibt Bildungsexperte Werner Klein in einem Beitrag für das Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung.

Auch wenn vor allem auf Länderseite stets betont werde, dass rasches Handeln nicht auf strukturelle Reformen warten könne, werde es höchste Zeit, zu einer neuen, realistischen Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern für den Schulbereich zu kommen, betont Klein, der unter anderem beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik geleitet hat.

Die Zukunft der Gesellschaft hängt von Bildung ab

In dem Zusammenhang macht der Bildungsexperte klar: „Entgegen der postulierten Zielsetzung der Föderalismusreform hat sich in den vergangenen Jahren im Bildungsbereich gezeigt, dass die Herausnahme des Bundes aus dem Schulbereich allein aus finanziellen Gründen nicht praktikabel ist.“ Bestes Beispiel: Der im Jahr 2019 gestartete Digitalpakt kam nur zustande, weil der Bund bereit war, 6,5 Milliarden Euro in das Paket zu stecken.

Dass das Geld aber in den Ländern nur zögerlich abfließt und der Pakt 2024 ausläuft, zeigt ebenfalls das Spannungsverhältnis zwischen Bund und Ländern. Mittlerweile hat es den Anschein, als schalte der Bund auf Stur ‐ bei der Fortführung des Digitalpaktes über das Jahr 2024 hinaus hält sich die Bundesregierung bei der Bereitstellung finanzieller Mittel noch sehr zurück.

Werner Klein versucht gleichzeitig, noch ein wenig größer und weiterzudenken. „Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt sicherlich nicht nur von ihrer Verteidigungsfähigkeit ab, sondern vor allem von einem leistungsfähigen und gerechten Bildungssystem, das die Grundlagen für den sozialen Zusammenhalt in einer immer heterogeneren Gesellschaft schafft“, sagt der Bildungsexperte in seinem Beitrag ‐ und fragt: „Was spricht eigentlich gegen ein, Sondervermögen für Bildung’ mindestens in vergleichbarer Höhe der für den Verteidigungshaushalt zur Verfügung gestellten 100 Milliarden Euro, um der Bildungskrise wirkungsvoll zu begegnen?“