Wie im Südwesten die Touristen-Ströme gezielt gelenkt werden sollen

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Unterhalb des Schlosses Neuschwanstein. Deutschland ist als Reiseland beliebt.
Mit digitalen Daten solle Touristenströme gelenkt werden. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa)
Deutsche Presse-Agentur
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Stundenlang vor dem Europapark Schlange stehen, vor einem überfüllten Center Parcs Allgäu stehen oder vor der Therme Bad Wörrishofen warten, bis endlich Besucher das Bad verlassen, um selbst hineingehen zu können.

Diese für Touristen und heimische Gäste ärgerlichen Situationen sollen seltener werden. So stellen die Bundesländer Anbietern bereits eine Plattform zur Verfügung, in die sie Echtzeit-Daten hochladen und miteinander teilen können.

In Baden-Württemberg gibt es so ein Plattform-Projekt seit Mai dieses Jahres, es heißt Daten-Pool BW. "Beispielsweise eine Therme kann hier ihre Öffnungszeiten und Besucherzahlen einspeichern - auf die Daten erhalten Hotels und Tourismus-Büros Zugriff und können Sie an Kunden weitergeben", erklärt ein Sprecher des Justizministeriums in Baden-Württemberg auf Nachfrage von Schwäbische.de.

Besucher in eine andere Richtung lenken

Gerade zu Corona-Zeiten sind viele Orte zwar wirtschaftlich auf Tagesgäste angewiesen. Gleichzeitig mehren sich Beschwerden über zugeparkte Straßen, Wildcamper und Staus am Wochenende. 

Ein bayerisches Forschungsprojekt will die Daten über eine Cloud-Lösung ausweiten und Tagestouristen zu Stoßzeiten schon vor der Abfahrt sanft in Richtung anderer Ziele im Freistaat umlenken. 

„Nudging“ nennt Guido Sommer diesen Prozess. Er ist als Professor für Betriebswirtschaftslehre und Marketing im Tourismus an der Entwicklung der Bayern Cloud Tourismus beteiligt, einem vom Freistaat mit 700.000 Euro geförderten Projekt. 

Keine App, sondern Informationsplattformen

Die Cloud wendet sich nicht an die Touristen direkt, sondern vernetzt die Akteure der Branche untereinander, sagt eine Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums.

Wenn zum Beispiel Daten zu überfüllten Parkplätzen dort eingestellt werden, können andere Plattformen darauf zugreifen und die Informationen veröffentlichen. Die Touristen können dann einen anderen Parkplatz ansteuern.

Der Datentausch innerhalb der Tourismus-Branche soll damit sehr viel einfacher werden. Öffnungszeiten, Veranstaltungen, gesperrte Wanderwege - All diese Informationen sollen aus allen Teilen Bayerns automatisch in die Bayern Cloud und von dort zu verschiedenen Anbietern und Online-Plattformen fließen.

„Damit könnten Suchwege und Frustrationen vermieden werden“, sagt Sommer. Möglich sei auch die Empfehlung alternativer Ziele. „Das funktioniert aber nur, wenn ich die Gäste auch erreiche.“ Eine eigene Besucherlenkungs-App für jede einzelne Region werde daher „niemals funktionieren“.

Das Projekt steht vor Herausforderungen

Doch das bayernweite Projekt mit der Modellregion Allgäu muss zwei große Hürden überwinden. Da ist einerseits ein Daten-Salat, der vereinheitlicht werden muss: Hotels, Gemeinden, Tourismus-Büros und Seilbahn-Betreiber speichern Informationen über ihre Auslastung und Öffnungszeiten derzeit oft an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Formaten.

Damit die Cloud funktioniert, sind einheitliche Strukturen und Lizenzen nötig. „Die größte Herausforderung wird es sein, die Bayern Cloud mit Daten zu füllen“, heißt es auch vom bayerischen Wirtschaftsministerium.

Zum anderen sind manche Tourismusverantwortliche und Kommunalpolitiker vom Mehrwert des Projekts nicht überzeugt. „Ich muss die Menschen vor Ort motivieren, diese Daten zur Verfügung zu stellen“, sagt Tourismus-Professor Bauer. „Viele verstehen es aber mittlerweile.“

Ende des Jahres soll die Cloud an den Start gehen

Von Oberstdorfs Tourismusdirektor Jost und seinem Füssener Kollegen Stefan Fredlmeier kommen positive Signale. „Dass Datenpflege immer einen Aufwand darstellt, ist bekannt“, sagt Fredlmeier. An anderer Stelle könnten so aber Zeit gespart und eine höhere Qualität der Daten gesichert werden.

Betreiben soll die Daten-Drehscheibe ab Ende des Jahres eine vom Wirtschaftsministerium eingerichtete „Kompetenzstelle Digitalisierung“ in Waldkirchen im Bayerischen Wald. „So eine neutrale Stelle ist wichtig“, sagt Martin Soutschek, Forschungsleiter der Outdooractive GmbH. Der Freizeit-App-Entwickler aus Immenstadt im Allgäu könnte von den freien Datenströmen im Tourismus profitieren und ist an der Entwicklung der Cloud beteiligt. 

„Welche Anwendung damit am meisten Erfolg hat, entscheidet letztendlich aber der Nutzer“, sagt Soutschek. Und ein freier Zugang für verschiedene Entwickler durch die Bayern Cloud sei in jedem Fall besser als die aktuelle Situation: „Bisher hat zum Beispiel nur Google umfangreiche Daten über aktuelle oder zu erwartende Besucherzahlen - und gibt sie natürlich nicht heraus.“

Mit dem "Ausflugs-Ticker Bayern" informieren

Um kurzfristig Abhilfe zu schaffen, hat das Ministerium den „Ausflugs-Ticker Bayern“ vorgestellt. Mit der Resonanz sei man zufrieden, sagt eine Sprecherin. Trotz eines schwerwiegenden Makels: Touristen-Informationensstellen müssen Hinweise zu Staus und überfüllten Parkplätzen derzeit selbst in den Ticker eingeben.

„Dadurch kann es vorkommen, dass die Informationen nicht stündlich aktuell sind“, sagt eine Sprecherin des Vereins Tourismus Oberbayern München. Das zu automatisieren sei „das große Ziel“ für künftige Versionen des Tickers.

Nachgefragt werden die Informationen dennoch: In knapp zwei Monaten verzeichneten die zwölf oberbayerischen Ausflugs-Ticker insgesamt rund 970.000 Zugriffe. „Diesen Weg zu gehen ist unabdingbar“, sagt Sommer. „Aber die Bayern Cloud ist nichts, was übermorgen ausgerollt werden kann.“

Und auch dann müssten die Touristen aus den digitalen Tipps noch die richtigen Schlüsse ziehen. Denn dass es an schönen Wochenenden in Oberstdorf voll wird, ist schon heute ohne die entsprechenden Daten eigentlich ein logischer Schluss.

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