Warum die Moore nicht sterben dürfen

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Mann steht neben einem Moor
Michael Hafner, Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbands, an einem Regenrückhaltebecken im Donaumoos. (Foto: dpa)
Nadja Tausche

Das Wichtigste zuerst: Es ist durchaus möglich, Moore zu renaturieren, die Tier- und Pflanzenvielfalt auf spröde Ackerflächen zurückzubringen. Das sieht man am Hochwasserrückhaltebecken „Baierner Flecken“ im Donaumoos. Kleine Wassertümpel stauen sich am Boden zwischen den Gräsern, dazwischen sprießen lila Blumen hervor. Ein Kiebitz fliegt über die Fläche, schlägt mit den Flügeln. Es raschelt leise, wenn der Wind über Schilf und Rohrkolben streicht. Man hört Frösche quaken und Grillen zirpen.

Seit dem Jahr 2010 wird das Becken am Rande der oberbayerischen Gemeinde Ehekirchen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. „Die Natur holt sich den Flecken sehr schnell zurück“, sagt Michael Hafner, Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbands. Das Donaumoos gilt als größtes Niedermoor Süddeutschlands. Hier laufen zahlreiche Maßnahmen, um das Moor vor dem Austrocknen zu bewahren. Dabei habe man einiges erreicht, sagt Hafner: „Vor 25 Jahren war hier kein Quadratmeter Naturschutzgebiet.“

Vielen Mooren geht es schlecht

Den meisten Mooren in Bayern geht es schlecht. Weil die Menschen vor rund 200 Jahren angefangen haben, die Flächen zu entwässern, und das bis heute tun, trocknen die Moore immer weiter aus. Das geht zulasten der Tier- und Pflanzenvielfalt und befördert Überschwemmungen. Denn die Torfschicht der Moore funktioniert wie ein Schwamm – und weniger Torf speichert bei Regen weniger Wasser.

Das habe fatale Folgen, sagt Christine Margraf vom Bund Naturschutz (BN) Bayern: „Trocknet diese Torfschicht aus, verliert sie ihre Wasserspeicherfähigkeit und der organisch gebundene Kohlenstoff geht als CO2 und Methan in die Luft, Stickstoff wird als Lachgas emittiert – alle drei hochwirksame Treibhausgase.“ Man gehe davon aus, dass intensiv genutzte Moore pro Jahr 5,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente freigeben, zitiert sie aus einem Bericht des Landesumweltministeriums – genauso viel wie alle bayerischen Raffinerien zusammen.

Das Problem: Es scheint, als müsse man sich bei Mooren entscheiden – entweder landwirtschaftliche Nutzung und Wohnungsbau oder Flächen voller Tiere und Pflanzen. Bis zu zehn Meter dick kann die Torfschicht in Bayern Margraf zufolge werden. Im Dachauer Moos, einem anderen Moor, sind es meist noch 30 bis 70 Zentimeter.

Weil das Moor in der Boomregion um München liege, kämpfe man mit besonderen Herausforderungen, erklärt Robert Rossa, Geschäftsführer des Vereins Dachauer Moos. Um Schadensbegrenzung zu betreiben, setzt der Verein neben Renaturierung auf Bildung: „Es ist wichtig, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und wieder mit der Natur vertraut zu machen“, so Rossa.

Im Murnauer Moos sieht das anders aus. Unter anderem wegen der Höhenverhältnisse in dem Moor am Alpenrand sei es schwierig, es zu entwässern, erklärt Peter Strohwasser vom Landratsamt Garmisch-Partenkirchen. Landwirte nutzten ihre Flächen also gezwungenermaßen extensiv – nämlich als Wiesen, die sie nur ein- bis zweimal pro Jahr mähen. Unter anderem deshalb sei das Murnauer Moos das „am besten erhaltene Moor Mitteleuropas“, so Strohwasser.

Weil Landwirte ihre Äcker aber nicht überall in Wiesen umwandeln können, sucht man nach einem Kompromiss. Ein Ansatz ist das Projekt MOORuse. Weil nasser Moorboden für Kartoffel- oder Gemüseanbau nicht geeignet ist, bauen die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und der Zweckverband im Donaumoos sogenannte Paludikulturen an, erklärt Projektleiter Matthias Drösler. Das sind bestimmte Pflanzenarten wie Schilf oder Rohrkolben, die zu Dämmplatten verarbeitet werden können, zu Futter für Pferde oder als Torfersatz für den Garten. Oder man könne Energie gewinnen, indem man das Material verbrennt, so Drösler. „Es ist sehr spannend zu sehen, wie erträglich das sein wird.“ Die Leistung der Landwirte müsste dann entsprechend honoriert werden.

Die gesamte Verantwortung auf die Landwirte zu schieben, wäre aber zu einfach. Rossa vom Verein Dachauer Moos sieht auch den Einzelnen in der Pflicht. „Wenn die Menschen das Wort ,Wiederverwässerung‘ hören, schrillen die Alarmglocken“, sagt er. Groß sei die Angst, dass das Wasser die Keller überschwemmt und Mücken anlockt. Rossa wünscht sich mehr Offenheit. In den vergangenen Monaten, den Eindruck teilt Rossa mit Hafner, habe sich die Einstellung der Leute aber etwas geändert.

Schon jetzt gibt es Förderung von verschiedensten Stellen, um das Mooresterben zu bekämpfen. Dazu gehört der „Masterplan Moore in Bayern“ des Umweltministeriums. Rund 17 Millionen Euro seien seit 2008 in die Renaturierung von Mooren investiert worden, berichtet eine Ministeriumssprecherin. So habe man die Freisetzung von Unmengen von CO2 unterbunden. Und die Bemühungen sollen erweitert werden: Aufbauend auf dem „Klimaprogramm Bayern 2050“ wolle man die Renaturierung von Mooren verdreifachen, erklärt die Sprecherin.

Nur: Laut BN-Frau Margraf reicht das nicht aus: „Es geht zu langsam.“ Es brauche attraktivere Förderprogramme für extensive Landwirtschaft, dazu ein Verbot, Moorböden als Acker zu nutzen, und Moorschutz auch vonseiten der EU-Agrarpolitik. Rossa vom Verein Dachauer Moos fordert mehr Mitarbeiter: „Es gibt zu wenig qualifiziertes Personal, das die Fördergelder verteilt und die Landwirte überzeugt.“ Letzteren sei der „Dschungel an Fördermaßnahmen“ oft gar nicht bekannt.

Ein Lichtblick für die Moore könnte auch das Volksbegehren zur Artenvielfalt sein. Im Gesetz dazu sei mit Wirkung vom 1. August „die weitere Entwässerung von Moorböden und ein weiterer Umbruch von Wiesen verboten“, erklärt Margraf und befindet: „Ein wichtiger Schritt.“

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