Viel Aufregung um Reform der Einschulung

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Kinder in Bayern können künftig flexibler eingeschult werden. Bei Kindern, die zwischen 1. Juli und 30. September sechs Jahre al
Kinder in Bayern können künftig flexibler eingeschult werden. Bei Kindern, die zwischen 1. Juli und 30. September sechs Jahre alt werden, wird zum Schuljahr 2019/2020 ein „Einschulungskorridor“ eingeführt. (Foto: dpa)
Ralf Müller

Die Aufregung, die die schwarz-orange bayerische Staatsregierung mit der Ankündigung eines „Einschulungskorridors“ ausgelöst hat, kann Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) nicht recht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht so ganz, wo die Schwierigkeiten liegen sollen“, sagte Piazolo am Freitag in München. Mit der angestrebten Neuregelung würden Eltern und Schulverwaltung lediglich entlastet.

Zum Schuljahr 2019/2020 sollen die Eltern frei entscheiden können, ob ihr Kind zum kommenden Schuljahr oder erst ein Jahr später eingeschult werden soll. Dies gilt für Kinder, die zwischen dem 1. Juli und dem 30. September sechs Jahre alt werden und somit erst relativ kurz vor Schulbeginn das Einschulungsalter erreichen. Piazolo schätzt die Zahl der vom Einschulungskorridor erfassten sogenannten „Kann-Kinder“ in Bayern auf etwa 30 000.

Schon bisher sind in Bayern längst nicht alle Kinder, die vor Schuljahresbeginn sechs Jahre alt geworden sind, eingeschult worden. Von den „Juli-Kindern“ seien im Schnitt 20 Prozent, von den „August-Kindern“ 30 und von den „September-Kindern“ sogar 50 Prozent um ein Jahr zurückgestellt worden, berichtete Piazolo. Wie eine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Simone Strohmayr aus dem Jahr 2016 ergab, wurden in den vergangenen Jahren stets über 60 Prozent der Jungen und im Schnitt etwa 36 Prozent der Mädchen zurückgestellt. Piazolo rechnet damit, dass es auch nach Einführung der neuen Regelung bei diesen Quoten bleiben wird.

Lob für Entscheidungsfreiheit

Beim Anmelde- und Einschulungsverfahren ändere sich nichts, betonte Piazolo. Nach wie vor stünden die Schulen den Eltern mit Beratung und Empfehlung zur Seite. Bis zum Mai eines Jahres müssen die Eltern von „Kann-Kindern“ entscheiden, ob sie ihr Kind schon zum Herbst desselben Jahres in die Schule schicken oder damit noch ein Jahr warten wollen. Damit stärke man die Entscheidungsfreiheit der Eltern, betonte der Minister. Bisher mussten Eltern, die ihre Kinder für noch nicht schulreif hielten, einen entsprechenden Antrag stellen und einen Härtefall geltend machen. In der Regel wurde dem Antrag entsprochen.

Die Entscheidung, dieses System schon für das Schuljahr 2019/2020 durch einen Einschulungskorridor zu ersetzen, sei richtig, betonte Kultusminister Piazolo. Alle Beteiligten seien informiert, „alles gut vorbereitet“.

Rückendeckung erhielt Piazolo von der Landtagsfraktion der Freien Wähler. Mit der Einschulungsreform werde eine Kernforderung der Freien Wähler umgesetzt, die auch im Koalitionsvertrag mit der CSU festgeschrieben sei, erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Gabi Schmidt. Schon lange plädierten die Freien Wähler dafür, die schulische Bildung stärker an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Es sei wichtig, dass nun Schulen, Kindergärten und Kommunen unterstützt würden, damit sie für die Flexibilisierung der Einschulung rechtzeitig gewappnet sind. Die Einschulungsreform muss allerdings erst noch vom Landtag gebilligt werden.

Lehrer sprechen von Aktionismus

„Aktionismus“ hatte dagegen die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, der schwarz-orangen Staatsregierung vorgeworfen. Der Ansatz sei „grundsätzlich genau der richtige Weg“, allerdings sei dessen Einführung zu hektisch. Die bereits für das kommende Schuljahr vorgesehene Umsetzung setze Eltern, Grundschulen und Kitas unnötigerweise „unter enormen Druck“, so Fleischmann.

Der Vorstoß von Kultusminister Piazolo sei überstürzt und gehe am Bedarf vorbei, kritisierte auch die stellvertretende Vorsitzende der SPD im Landtag, Simone Strohmayr. Wolle man Familien, die bei der Einschulung ihres Kindes unsicher sind, wirklich helfen, sei die flexible Grundschule der bessere Weg. Von diesem Modell profitierten in Bayern bereits mehr als 13 000 Kinder in 262 Schulen. Bei der flexiblen Grundschule können die ersten beiden Klassen in ein, zwei oder drei Jahren durchlaufen werden.

Bisher war das Einschulungsalter im Freistaat starr geregelt: Zu Beginn eines Schuljahrs waren alle Kinder, die bis zum 30. September sechs wurden, schulpflichtig.

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