Versuch eines Befreiungsschlags

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Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und die CSU wollen die G-8-Diskussion beenden.
(Foto: David Ebener)
Ralf Müller

Mit einem Neustart in der Schulpolitik will die CSU-Fraktion im bayerischen Landtag aus der parlamentarischen Sommerpause herauskommen. Fraktionschef Thomas Kreuzer und besonders Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) zeigten sich am Rande der Herbstklausur der Fraktion im oberfränkischen Kloster Banz begeistert von ihrem Aufschlag, mit dem der Ärger um das vor zehn Jahren überhastet eingeführte achtjährige Gymnasium ein für alle Mal beendet werden soll.

Schon in den vergangenen Tagen waren Grundzüge des Papiers, das am Mittwochnachmittag von der 101-köpfigen Regierungsfraktion in Banz verabschiedet wurde, durchgesickert. Danach soll es grundsätzlich beim achtjährigen Gymnasium im Freistaat bleiben, jedoch soll es nach der siebten Jahrgangsstufe wahlweise und je nach Bedarf G-9-Züge für diejenigen Schüler geben, denen es im G8 zu schnell geht. Das bayerische Gymnasium bleibe aber „auf acht angelegt“, bekräftigte Kultusminister Spaenle.

Nicht gegen die Lehrer

„Das größte Entwicklungspaket des Gymnasiums seit mindestens einem Jahrzehnt“ (Spaenle) soll aber erklärtermaßen weit über eine Organisationsreform hinausgehen und der Lehrerfortbildung, der Lehrplanentwicklung und der pädagogischen Konzeption kräftige Impulse versetzen. Die wissenschaftlich-empirische Grundlage dafür lieferte in Banz der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer. Strukturreformen allein, so Zierer, brächten gar nichts, wenn sie nicht mit „persönlichkeitsbildenden Maßnahmen vor allem seitens der Lehrpersonen begleitet“ würden. Als das G8 in Bayern vor gut zehn Jahren durch die Regierung Stoiber handstreichartig eingeführt wurde, war genau das Gegenteil der Fall, dämmert inzwischen fast allen CSU-Bildungspolitikern. Die Christsozialen wollen daraus lernen. „Dass mir keiner schreibt, wir machen eine Reform gegen die Lehrer!“, bat Fraktionschef Kreuzer die Medienvertreter vor Ort beinahe flehentlich.

Das Thema Geld – üblicherweise ein zentraler Punkt bei allen schulpolitischen Überlegungen – spielte Kreuzer herunter. Kreuzer rechnet mit einem zusätzlichen Bedarf von maximal 600 Planstellen, wenn etwa ein Fünftel der Schüler von der Möglichkeit der Verlängerung der Lernzeit in der gymnasialen Mittelstufe Gebrauch machen sollte. Das sei ja nun vor dem Hintergrund von 90000 Lehrern im Freistaat wirklich keine Herausforderung, zumal mit einer „demografischen Rendite“ gerechnet werde.

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) Klaus Wenzel machte sich trotzdem Sorgen. Auf keinen Fall, ließ er zu den Banzer Überlegungen aus München wissen, dürfe das Aufmöbeln des G8 zulasten anderer Schularten gehen. Ansonsten aber blieben die Reaktionen zu den Reformüberlegungen der CSU zurückhaltend bis sogar wohlwollend. Günther Felbinger, Bildungspolitiker der Freien Wähler, hatte den CSU-Ansatz bereits begrüßt, auch wenn „noch viele Fragen offen“ seien.

Am skeptischsten blieb die SPD. Deren Bildungssprecher Martin Güll wies darauf hin, dass die Reform nach einer Pilotphase erst für das Schuljahr 2017/2018 voll greifen soll. Die Schüler, die bis dahin die Mittelstufe eines Gymnasiums besuchen, hätten Pech gehabt. Güll: „Nach dem G-8-Schnellschuss hat die CSU jetzt offensichtlich Ladehemmung.“ Grundsätzlich aber lehnte bislang keine Partei und kein Verband die CSU-Pläne von Banz ab – eine Seltenheit in der aufgeregten bildungspolitischen Debatte um das bayerische Gymnasium.

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