Sudetendeutsche setzen sich neue Ziele

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Bernd Posselt ist Journalist und Sprecher der Volksgruppen und CSU-Mitglied.
(Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Der 66. Sudetendeutsche Tag am Pfingsten in Augsburg markiert einen Umbruch. Volksgruppen-Sprecher und Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bernd Posselt verteidigt im Gespräch mit Ralf Müller Satzungsänderungen und den Ausschluss des rechten Witiko-Bundes an der Festveranstaltung.

Herr Posselt, der Sudetendeutsche Tag an Pfingsten in Augsburg könnte in diesem Jahr besonders spannend werden, weil - wie zu lesen ist - durch eine Veränderung der Satzung die Landsmannschaft einer Zerreißprobe ausgesetzt wurde. Worauf stellen Sie sich am Wochenende ein?

Zerreißprobe ist maßlos übertrieben. Die Bundesversammlung, also das Parlament der Volksgruppe, hat mit über 71 Prozent der Stimmen eine Neuformulierung der Satzungsziele vorgenommen und nicht eine Zweckänderung – wie von den Gegnern behauptet wird – sowie ein Grundsatzprogramm verabschiedet. Beides wird den politischen Verhältnissen im 21. Jahrhundert gerecht. Natürlich gibt es Kritiker: Leute, die einfach eine andere Formulierung wollten, und Menschen, die aufgrund ihres Schicksals keine neue Formulierung haben wollten. Vor denen muss man Respekt haben. Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die aus Krawallmachern vom rechten Rand besteht.

Es war aber doch ein großer Einschnitt

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Wir sind uns mit der großen Masse der Landsleute einig, dass Formulierungen wie „Wiedergewinnung der Heimat“ oder „gleichwertige Entschädigung“ nichts mit der Realität im 21.Jahrhundert zu tun haben. Wir treten ein für das Recht auf die Heimat, für Heimatliebe, für Partnerschaft mit den Menschen in der Heimat, für die Erhaltung des kulturellen Erbes, für die Dokumentation der geschichtlichen Wahrheit und natürlich auch weiter für die Bekämpfung des Unrechts. Selbstverständlich fordert das Grundsatzprogramm, dass im direkten Gespräch mit dem tschechischen Volk und seinen Repräsentanten die Benesch-Dekrete beseitigt werden müssen. Unrechtsdekrete bleiben Unrechtsdekrete.

Die Sudetendeutschen haben mit diesen Veränderungen einen sehr großen Schritt getan. Wäre es an der Zeit, dass die tschechische Seite einen ebensolchen Schritt tut und die Dekrete, welche die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg rechtfertigen, für null und nichtig erklärt?

Der Führer der bedeutendsten Oppositionspartei in Tschechien und frühere Vizepremierminister Fürst Schwarzenberg hat genau dies gesagt. Er erwarte von der tschechischen Politik, dass sie Schritte und Zeichen setzt. Diese Debatte hat innerhalb der tschechischen Spitzenpolitik längst begonnen. Mich haben verschiedene Reaktionen der letzten Zeit beeindruckt. So war ich vor einigen Wochen in Brünn, deren Stadtspitze mir gesagt hat, als Reaktion darauf, dass wir uns so stark öffnen und Brücken schlagen, plane sie nach dem Sudetendeutschen Tag eine ganz große Gedenkveranstaltung für den sogenannten Brünner Todesmarsch, zu der sie die Spitzen der Sudetendeutschen als besondere Gäste einladen.

Sie müssen sich ja nun auch erst noch mit den Krawallmachern vom rechten Rand auseinandersetzen. Der Witiko-Bund, der bis vergangenes Jahr immer auf Sudetendeutschen Tagen präsent war, darf 2015 nicht mehr auftreten. Warum?

Der Witiko-Bund ist neben der sozialdemokratischen Seliger-Gemeinde und der katholischen Ackermanngemeinde ein Gesinnungsbund für die Nationalkonservativen. Es gab immer wieder einmal Spannungen mit dem Witiko-Bund, aber im Rahmen. 2014 hat der Witiko-Bund zum Sudetendeutschen Tag auf die Schnelle einen extremistischen türkischen Autor aus dem Hut gezaubert, der eine völlig inakzeptable und der sudetendeutschen Sache schädliche und in meinen Augen auch extremistische Vorlesung gehalten hat. Der Bundesvorstand hat daher beschlossen, den Witiko-Bund aufzufordern, sein Verhältnis zum Rechtsextremismus zu klären.

Etwas irritiert hat eine Meldung, wonach in Tschechien eine Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) gegründet wurde. Wie beurteilen Sie das?

Eine Landsmannschaft ist der Zusammenschluss von Menschen gemeinsamer Herkunft außerhalb der Heimat, nicht in der Heimat. In der Tschechischen Republik sind unsere Partner die beiden Verbände der dort noch lebenden Deutschen. Unsere Interessenvertretung ist das von uns eingerichtete Sudetendeutsche Büro in Prag. Mit der sogenannten SL in Böhmen wollen wir aber nichts zu tun haben. Sie wurde von 15 Tschechen, von denen sich einige am äußersten rechten Rand bewegen, gegründet. Wir bereiten derzeit juristische Schritte dagegen vor, dass sie sich Sudetendeutsche Landsmannschaft nennen.

Ist denn die Entspannung zwischen Bayern und Tschechien, zwischen den Sudetendeutschen und der tschechischen Politik auch auf die geopolitischen Spannungen zurückzuführen, sodass man in Mitteleuropa jetzt mehr zusammenrückt und gleichzeitig Altlasten beseitigt?

Die wichtigste Triebfeder für die Annäherung ist die kulturelle: Vor fünf Jahren habe ich beim Sudetendeutschen Tag ein bayerisch-tschechisches Kulturabkommen initiiert, weil das gemeinsame Erbe von Bayern und Tschechien im Wesentlichen das sudetendeutsche Kulturerbe ist. Unlängst wurde das Abkommen in Prag in der Bayerischen Vertretung unterzeichnet, wobei ich fast so etwas wie ein Trauzeuge sein konnte. Außerdem ist Europa ist von der Putinschen Politik bedroht. Da ist es logisch, dass sich die proeuropäischen Kräfte zusammenschließen. Je mehr Nachbarschaftlichkeit zwischen Bayern und Böhmen herrscht, desto besser für die Region.

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