Steine des Anstoßes

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Gunter Demnigs Stolpersteine sind in München stark umstritten.
(Foto: Patrik Stäbler)
Patrik Stäbler

München - Eine Woche vor seinem Tod schreibt Hans-Joachim Bretzfelder seinen Eltern. Er sei guten Mutes, berichtet der 21-Jährige am 24. August 1942. Seinen Brief schließt er mit den Worten: „Tausend Küsse immer euer Jean.“

Was der gebürtige Münchner, der sich in Frankreich Jean nennt, nicht weiß: Seine Eltern, der jüdische Textilhändler Siegfried Bretzfelder und dessen Frau Franziska, haben sich vor vier Monaten umgebracht – aus Angst vor der drohenden Deportation. Eine Woche, nachdem er den Brief abgeschickt hat, holen die Nazis Hans-Joachim Bretzfelder. Am 31.August wird der junge Deutsche ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht und ermordet.

Um die Erinnerung an diese Gräueltat aufrechtzuerhalten, gibt es einen Gedenkstein, zehn Zentimeter lang und breit, auf der Oberseite mit Messing überzogen. Darauf die Inschrift: „Hier wohnte: Hans-Joachim Bretzfelder, Jg. 1921, Flucht Frankreich, Deportiert 1942, Ermordet in Auschwitz.“

Zwischenlagerung im Keller

Hätte der 21-Jährige in Berlin gewohnt oder in Köln, dann würde dieser Stolperstein nun im Straßenpflaster vor seinem letzten frei gewählten Wohnort liegen. Doch weil Hans-Joachim Bretzfelder in München gelebt hat, liegt das Gedenkmal nicht im Boden, sondern einige Meter darunter. Genauer gesagt: Im Keller eines unscheinbaren Wohnhauses in der Münchner Innenstadt, inmitten von 270 weiteren Stolpersteinen. Eine Bürgerinitiative hat sie dort aufbewahrt, in der Hoffnung, dass die Steine irgendwann doch noch in München verlegt werden. Denn bislang ist diese Form des Gedenkens ausgerechnet in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ verboten. Auf öffentlichem Grund, so hat es der Stadtrat 2004 beschlossen, dürfen keine Stolpersteine verlegt werden.

„Dabei ist die große Mehrheit der Münchner für Stolpersteine“, glaubt Terry Swartzberg, 61, schlank, durchtrainiert, die Kippa auf dem kahlrasierten Kopf. Er ist mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt gefahren, um dem Besucher die im Keller gelagerten Stolpersteine zu zeigen. In den Abteilen nebenan türmen sich Umzugskartons und Marmeladengläser, doch hier herrscht Ordnung. Wie mit dem Lineal ausgerichtet liegen die Steine von A bis Z sortiert, so als wollten sie sagen: Wir sind bereit, sobald das Verbot aufgehoben wird.

Ginge es nach Terry Swartzberg, wäre das besser heute als morgen. Der US-Amerikaner lebt seit 1985 in München, vor vier Jahren hat er den Vorsitz der Initiative Stolpersteine für München übernommen – und ihr neuen Schwung eingehaucht. Swartzberg ist umtriebig, bestens vernetzt, im Gespräch eloquent und stets höflich, aber hart in der Sache. „Achtzehn Opfergruppen haben sich für Stolpersteine ausgesprochen und trotzdem sind sie immer noch verboten“, sagt Swartzberg. „Mich empört diese anti-demokratische Willkür.“ Diese Aussage freilich ist gewagt. Denn es war der demokratisch legitimierte Münchner Stadtrat, der sich am 16. Juni 2004 mit großer Mehrheit gegen Stolpersteine aussprach. Sieben Wochen zuvor hatte der Künstler Gunter Demnig die ersten zwei Steine in der Landeshauptstadt verlegt – für Siegfried und Paula Jordan, 1941 in Kaunas ermordet. Noch am Abend nach dem Stadtratsbeschluss wurden die beide Erinnerungsmale aus dem Gehsteig herausgebrochen und auf den jüdischen Friedhof gebracht. Peter Jordan, der Sohn, der extra für die Verlegung aus England angereist war, soll damals gesagt haben: „Es war, als wären meine Eltern ein zweites Mal deportiert worden.“ Es sind vor allem zwei prominente Figuren, die sich in München gegen Stolpersteine aussprechen. Erstens der langjährige Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Er stellte damals in einem offenen Brief infrage, „ob eine Inflationierung der Gedenkstätten tatsächlich zu einer Ausweitung oder Intensivierung der Erinnerungsarbeit führt“. Vor allem aber begründete Ude seine Ablehnung mit der Skepsis gegenüber Denkmälern im Boden. Diesem Argument schließt sich auch die zweite, noch gewichtigere Stimme an: Charlotte Knobloch, seit 30 Jahren Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, von 2006 bis 2010 an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Knobloch ist eine Institution in der Stadt; ihr Lebenswerk ist das 2006 eröffnete Jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz. Dort sind in einem „Gang der Erinnerung“ die 4500 Namen der Münchner Juden verewigt, die von den Nazis ermordet wurden. „Wir haben sie hier bei uns“, hat die 82-Jährige in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ gesagt. „Hier sind sie geschützt.“ Ungeschützt wären sie hingegen als Stolpersteine auf der Straße, glaubt Knobloch. „Diese Steine, die eingravierten Namen und somit die Opfer selbst werden zwangsläufig wieder mit Füßen getreten – sei es aus Achtlosigkeit oder ganz bewusst.“

Charlotte Knobloch hat den Holocaust selbst miterlebt: An der Hand des Vaters stolperte die Fünfjährige am 9. November 1938 durch die Straßen von München, als in Deutschland die Synagogen brannten; ihre geliebte Großmutter wurde im KZ Theresienstadt ermordet. „Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Menschen, auf die man schon auf dem Boden liegend immer weiter eintrat und die mit schweren, ledernen, stahlbekappten Stiefeln in die Transporter getreten wurden“, sagt Knobloch. „Diese Erinnerung begründet meine unbeirrbare Abwehrhaltung gegenüber jeder Gedenkform auf dem Boden – speziell gegenüber den Stolpersteinen.“

Kompromiss in Sicht

Charlotte Knobloch hat Alternativen vorgeschlagen, etwa Metalltafeln an den Wänden. Das fände auch Terry Swartzberg gut – allerdings nicht anstelle, sondern zusätzlich zu Stolpersteinen. „Es kann nicht genug Erinnerung geben“, findet er. „Die Menschen lieben und schätzen Stolpersteine.“ 6000 von ihnen gibt es in Berlin, knapp 5000 in Hamburg. In München sind es 27 – allesamt auf Privatgrund.

Bald jedoch könnten es mehr werden. Nach einem Antrag der Grünen-Fraktion im Stadtrat ist neue Bewegung in das Thema gekommen; dazu hat die Initiative mehr als 76000 Unterschriften für eine Aufhebung des Verbots gesammelt. Im Dezember kamen Befürworter und Kritiker bei einem Stadtrats-Hearing zu Wort, nun arbeitet das Kulturreferat an einem Kompromissvorschlag. Dem Vernehmen nach sollen Stolpersteine erlaubt werden, aber nur unter strikten Auflagen. Schon im Mai könnte der Stadtrat über den Vorschlag abstimmen. „Ich habe keine Ahnung, wie es ausgehen wird“, sagt Terry Swartzberg. „Aber ich weiß eines: Wir werden weiterkämpfen – so lange, bis es auch in München Stolpersteine gibt.“

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