Startbahn könnte Corona-Opfer werden

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Flugzeug beim Start
Statt mehrerer Tausend Starts und Landungen am Tag gibt es am Münchner Flughafen derzeit nur vereinzelt Flugbewegungen. Nicht nur wegen Corona mehren sich Zweifel an der Notwendigkeit einer dritten Startbahn. (Foto: imago images)
Ralf Müller

Zwischen 1000- und 1200-mal am Tag donnerten noch im vergangenen Februar am Münchener Flughafen die Motoren zu Starts und Landungen. Dann wurde es still, die Vögel zwitscherten und wurden pro Stunde gerade dreimal von Flugzeugen übertönt. Inzwischen hat sich die Zahl der Flugbewegungen auf Deutschlands zweitgrößtem Flughafen nach dem radikalen Corona-Lockdown wieder leicht auf etwa 100 pro Tag gesteigert. Wer an eine dritte Start- und Landebahn glaubt, braucht derzeit trotzdem einiges an Fantasie. Die Corona-Krise verschafft den zahlreichen Ausbaugegnern kräftigen Aufwind. Sie sehen jetzt eine gute Chance, dem nach wie vor nicht aufgegebenen Vorhaben endgültig den Garaus machen zu können.

Und auch in der CSU finden die Startbahngegner immer deutlichere Worte. „Die dritte Startbahn – ein Rohrkrepierer“, formuliert es Ulrike Scharf, die CSU-Landtagsabgeordnete, Vorsitzende der CSU-Frauenunion und ehemalige bayerische Umweltministerin. Vor dem Hintergrund der Folgen der Corona-Krise müsse die Notwendigkeit des Projekts „dringend überdacht“ werden. Dringend ist eine Entscheidung darüber nicht. In dem Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern für Bayern aus dem Jahr 2018 ist ein Moratorium festgeschrieben. Auf Druck der Freien Wähler wurde der Flughafenausbau bis zum Ende der Legislaturperiode 2023 auf Eis gelegt. Die Planungen für die rund eine Milliarde Euro teure Startbahn, für die grundsätzlich Baurecht besteht, „werden daher während der aktuellen Legislaturperiode nicht weiterverfolgt“, heißt es in dem Vertrag. „Es gibt keine neue Positionierung“, bestätigte eine Sprecherin der CSU-Landtagsfraktion.

Doch die Zweifel wachsen. Die Ankündigung der Lufthansa, „auf Dauer“ einen Teil ihrer in München stationierten Flotte stillzulegen, irritiert auch überzeugte Luftfahrtförderer. „Auf Dauer“, sagt der ehemalige CSU-Vorsitzende und bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber, „heißt in der Wirtschaft allerdings nicht ewig, sondern auf absehbare Zeit. Begraben ist das Projekt Startbahn nicht.“ Aber auch Huber stellt bohrende Fragen: „Wird es überhaupt noch einmal zum Ferienflugverkehr wie vor der Corona-Zeit kommen? Werden im Wirtschaftsleben viele Meetings durch Videokonferenzen ersetzt?“ Auch das Thema CO2-Einsparung werde am Flughafen nicht vorbeigehen, sagt Huber. Ob und wann es gelinge, CO2-neutrale Flugzeuge zu betreiben, sei offen. „Abwarten heißt die unausgesprochene unmittelbar einleuchtende Parole.“

Zweifel erfassen auch den früheren Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer, als Landesvorsitzender der Mittelstandsunion bisher klarer Befürworter des Flughafenausbaus. „Grundsätzliche strukturelle Veränderungen“ erwartet der CSU-Politiker für den Urlaubs- und Geschäftsreiseverkehr: „Deshalb ist auch für mich eine Neubewertung des Themas im Nachgang zu dieser Krise unabdingbar“, sagte Pschierer auf Anfrage: Wenn man seit Monaten in der Lage sei, wichtige Besprechungen über Telefon und Video abzuhalten, werde das nachwirken. Außerdem werde sich „das Reiseverhalten der Menschen ändern, insbesondere was das Thema Fernreisen anbetrifft“.

Auf der Suche nach unbeirrten Ausbaubefürwortern in der bayerischen Landespolitik gelangt man zur FDP. Die Liberalen befürworten nach den Worten ihres verkehrspolitischen Sprechers Sebastian Körber „nach wie vor“ den Bau einer dritten Bahn am Airport. „Die Erfahrungen aus den vergangenen Krisen, beispielsweise die Ölkrise, die Anschläge des 11. September 2001, die Sars-Seuche oder auch die Finanzkrise haben gezeigt, dass sich der Luftverkehr schnell erholt hat und dynamisch weiter gewachsen ist.“

Entschiedenste Befürworter eines Flughafenausbaus bleiben die bayerischen Wirtschaftsdachverbände. Doch auch Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), rechnet nicht damit, dass der Luftverkehr bald wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird. Die Pandemie werde das Wachstum „mehr als nur kurzfristig abbremsen“, sagte Brossardt. Trotzdem werde eine dritte Startbahn deutlich zur Verbesserung der Verkehrssituation beitragen. Der Airport müsse nach der Corona-Krise „seine Position als internationales Drehkreuz behaupten“ können, so Brossardt. Daher sei die „mittelfristige Realisierung“ der dritten Start- und Landebahn nach wie vor notwendig. Die digitalen Kommunikationstechniken hätten in der Krise zwar große Fortschritte gemacht, doch könnten Videokonferenzen „niemals den persönlichen Kontakt im Wirtschaftsleben ersetzen“. Das ist auch die Position der Flughafengesellschaft FMG, die vom Freistaat, Bund und der Stadt München gebildet wird. Etliche kleinere Projekte wie ein weiteres Hotel und ein zusätzliches Parkhaus auf dem Flughafengelände wurden aber erst einmal auf Eis gelegt, „im Sinne des Liquiditätsmanagements“, wie es heißt. Am Freitag teilte die FMG mit, dass es wieder leicht aufwärtsgehe. Etwa 90 Ziele seien ab 1. Juli aus von München wieder direkt mit dem Flugzeug erreichbar, darunter auch Destinationen in den USA und Asien.

Am 17. Juni 2012 hatten sich knapp 55 Prozent der Münchener in einem Bürgerentscheid gegen den Flughafenausbau ausgesprochen. Die Bindungswirkung des Entscheids für die bayerische Landeshauptstadt als Flughafengesellschafter ist allerdings längst abgelaufen. Die nach wie vor bestehende Genehmigung für die Bahn müsse jetzt endlich rechtsverbindlich zurückgezogen werden, heißt es in einem Aufruf zur Demonstration vor der bayerischen Staatskanzlei: „Eine dritte Bahn ist unnötiger denn je und das Geld für dringendere Aufgaben und nachhaltige Zukunftsinvestitionen nötiger denn je.“

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