Stadtmuseum findet NS-Raubkunst in der eigenen Sammlung

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Inventarbuch liegt auf einem Tisch
Inventarbuch des Würzburger Museums im Kulturspeicher auf Tisch. (Foto: Museum im Kulturspeicher / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Wie viel Raubkunst steckt in der eigenen Sammlung? Diese Frage stellten sich seit dem Schwabinger Kunstfund viele Museen. Das Würzburger Museum im Kulturspeicher hat auf der Suche nach Antworten eine Expertin für Herkunftsforschung an ihre Bestände gelassen.

Die hat nun in der Städtischen Sammlung mehrere Bilder gefunden, die als Nazi-Raubkunst gelten. Von insgesamt 227 untersuchten Gemälden, die zwischen 1941 und 1945 gekauft wurden, gelten demzufolge mindestens drei Werke als belastet. In diesen Fällen sollen nun die Erben kontaktiert beziehungsweise gesucht werden, sagte Henrike Holsing, die stellvertretende Museumsleiterin, in Würzburg. Dabei gehe es nicht automatisch um den Kauf der Bilder; möglich seien auch die Dauerleihgabe oder die Rückgabe der Bilder.

Holsing ist für die Städtische Sammlung des Museums zuständig. Seit 2015 hat Historikerin Beatrix Piezonka intensiv nach der Geschichte hinter den verdächtigen Bildern gesucht. Ziel dieser sogenannten Provenienzforschung ist es, von jedem Objekt jeden Besitzerwechsel und dessen Bedingungen lückenlos zu dokumentieren. Ist das während des Krieges gekaufte Bild zuvor von den Nazis enteignet worden? Wurde der ursprüngliche Besitzer von den Nazis zur Versteigerung gezwungen?

Um Antworten zu finden, nimmt die Expertin für Herkunftsforschung die Bilder und Rahmen genau unter die Lupe und recherchiert analog und digital in alten Museumskatalogen, Inventarbüchern von Museen und Tagebüchern von Künstlern und Museumsleitern. „Es ist ein unglaubliches Puzzlespiel, das eine sehr gute Vernetzung erfordert und gelegentlich auch die Hilfe des Kollegen Zufall“, so Museumsleiterin Marlene Lauter.

Nun hat die mühevolle Detektivarbeit Ergebnisse gebracht: In 62 Fällen konnte Piezonka die Herkunft der zunächst unter Generalverdacht stehenden Gemälde lückenlos klären. Abgesehen von den drei belasteten Werken konnten alle anderen deshalb als unbedenklich eingestuft werden.

Bei mehr als 70 Prozent der untersuchten Bilder war es jedoch nicht möglich, die Wissenslücken rund um den Erwerb zu schließen. „Wir betrachten diese Gemälde erst einmal weiter als unseren Besitz und arbeiten mit ihnen“, sagte Projektleiterin Holsing weiter. Ein Teil davon wurde in die Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums für Kulturverluste eingestellt, das das Projekt in Würzburg auch gefördert hat.

Im September soll die geplante Sonderausstellung „Herkunft und Verdacht“ einen Teil der verdächtigen Bilder zeigen und die Geschichten dahinter erzählen. Denn dank der Provenienzforschung kamen viele Details zu den Bildern zu Tage, die vorher nicht bekannt waren. „Es ist fast, als wäre ein Schleicher gelüftet worden. Wir haben jetzt eine tiefere Kenntnis über unsere Sammlung“, sagte Holsing.

Abgeschlossen ist die Suche nach Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialmus indes noch lange nicht. „Das ist nie ganz abgeschlossen. Es kann immer wieder etwas auftauchen“, sagte Lauter dazu. Derzeit lässt das Museum die nach Kriegsende gekauften Werke der Sammlung auf ihre genaue Herkunft prüfen.

Infos zur kommenden Ausstellung über verdächtige Gemälde

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