Mord im Schlosspark: „Cold-Case“-Ermittler ermöglichen Prozess nach 40 Jahren

Lesedauer: 7 Min
Prozessbeginn wegen Mordes im Jahr 1979
Ein heute 57 Jahre alter Mann soll 1979 eine 15-Jährige im Aschaffenburger Schlosspark getötet haben. (Foto: Michael Donhauser / dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Die Tat liegt vier Jahrzehnte zurück, mancher Zeuge ist längst gestorben — im Unterschied zum Opfer eines natürlichen Todes.

Die Leiche der 15-Jährigen war 1979 im Aschaffenburger Schlosspark gefunden worden. Der mutmaßliche Täter wurde erst jetzt ermittelt. Für den 57-Jährigen gilt in dem Fall das Jugendstrafrecht, weil er zum Tatzeitpunkt erst 17 war. Mögliche Höchststrafe: Zehn Jahre Haft.

Es war der Gang zum abendlichen Stenografie-Kurs, der einer 15 Jahre alten Bürohelferin in Aschaffenburg zum Verhängnis wurde. Allein das Ziel des Opfers deutet schon darauf hin, wie lange der Fall zurückliegen muss.

Die Kurzschrift spielt im Siegeszug von Computer und Smartphone längst keine Rolle mehr. Dennoch haben die Ermittler in Aschaffenburg seit dem Mord an der 15-Jährigen Christiane im Dezember 1979 nicht nachgegeben, um den Schuldigen zu finden. 40 Jahre nach der Tat scheint Sühne nahe.

Seit Mittwoch steht der mutmaßliche Mörder des Mädchens vor Gericht - sein damals 17 Jahre alter Nachbar. Hübsch habe er die junge Frau aus dem Block gefunden, ihr auch mal ein Zettelchen zugesteckt — wie alle Jungs aus der Clique, in der er eher ein Außenseiter gewesen sei.

Heute ist er 57 Jahre alt. Mit einer roten Aktenmappe vor Blicken geschützt, betrat er unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Mittwoch den Gerichtssaal in Aschaffenburg. 

Spektakulärer Cold-Case-Erfolg

Der Prozess am Landgericht fußt auf einem der spektakulärsten Erfolge sogenannter Cold-Case-Ermittler der vergangenen Jahre. 2017 war in Aschaffenburg eine Ermittlungsgruppe gegründet worden, die sich alte, ungeklärte Verbrechen noch einmal mit neuer Brille ansehen sollte.

Der frische Blick jüngerer Kriminalisten aber auch neue Methoden in der Kriminaltechnik können zu überraschenden Ermittlungserfolgen führen.

Die Aschaffenburger Ermittler hatten erst vor rund zwei Jahren einen solchen Coup gelandet. Mit Hilfe neuer DNA-Technik überführten sie einen Vergewaltiger.

Das Landgericht verurteilte ihn wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft. Bei vielen Polizeidienststellen in Deutschland werden solche Gruppen gegründet. Allein in Bayern sind Hunderte Tötungsdelikte unaufgeklärt, bundesweit geht die Zahl in die Tausende.

Die auf Altfälle spezialisierten Kriminalisten sahen sich auch den Fall der getöteten Bürohelferin noch einmal an. Eine Bisswunde soll nach Aussagen von Gerichtssprecher Ingo Krist zu einem der entscheidenden Indizien geworden sein. Möglicherweise haben neue Methoden in der Zahntechnik dazu geführt, dass der Biss dem Angeklagten zugeordnet werden konnte. „Es ist ein Indizienprozess“, sagte Krist.

Angeklagter bestreitet die Tat

Der junge Mann hatte zugegeben, kurz vor dem Tod der 15-Jährigen bereits mit einem anderen Mädchen im Schlosspark gewesen zu sein — er habe es kurz gewürgt, aber dann abgelassen und sei weggelaufen. Ob dieser Vorfall ihn überhaupt erst in den Kreis der möglichen Verdächtigen brachte, blieb zunächst ungeklärt.

Am Ende wird wohl entscheidend sein, ob die Staatsanwaltschaft eine so lückenlose Kette von Indizien vorlegen kann, dass dem Gericht keine Zweifel an der Schuld des Angeklagten bleiben. Dieser bestreitet die Tat. Er sagt, er könne sich kaum an den Dezembertag im Jahr 1979 erinnern — wohl deswegen, weil es ein normaler Tag für ihn gewesen sei, ohne besondere Vorkommnisse.

Die Staatsanwaltschaft listet in ihrer Anklage dagegen detailliert auf, was an jenem 18. Dezember vor über 40 Jahren passierte. Die junge Frau sei von ihrem Steno-Kurs nach Hause gegangen, nicht wie sonst üblich in Begleitung einer Freundin.

Der Täter habe sie getroffen — ob absichtlich oder zufällig ist unklar — und in den Schlosspark gebracht. „Wehrlos“ sei das Mädchen gewesen. Am nächsten Tag wurde die Leiche gefunden — Hose und Unterhose ausgezogen, die Bekleidung am Oberkörper über die Brüste nach oben geschoben.

Mord verjährt nicht

Der Mann, so die Anklage, hatte die Frau nicht nur erwürgt, sondern auch noch über eine Brüstung 15 Meter tief aus dem Schlosspark zum Mainufer hinuntergeworfen. Dort schlug er mit einem Holzstück auf das schon tote Opfer ein. Er habe sehr sicher sein wollen, dass die junge Frau auch tatsächlich tot ist.

Ob es zu einer Vergewaltigung gekommen ist — darauf legte sich die Staatsanwaltschaft nicht fest. Sie geht jedoch davon aus, dass die Befriedigung des Sexualtriebs ein wesentliches Merkmal für die Tötung des Mädchens gewesen sei. Neben Heimtücke und der Verdeckung von Straftaten eines von drei Mordmerkmalen.

Diese müssen erfüllt sein, soll es zu einer Verurteilung kommen. Denn nur wenn das Verbrechen als Mord gewertet würde, könnte es zu einer Bestrafung des Täters kommen. Andere Kapital-Straftatbestände, wie etwa Totschlag, verjähren — Mord nie.

Kriminalstatistik 2018 nach Landkreisen

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen