Mit dem Rechen am Steilhang: Bergwiesenmahd ist heute noch Handarbeit

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Mit einem Rechen bringen Maria (links) und Katharina Mörz am in Pfronten Heu auf einer Bergwiese zusammen. Zum Großteil in Han (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Sobald Juli ist, warten Maria und Josef Mörz sehnsüchtig auf ein paar schöne, trockene Tage. Das Landwirtsehepaar aus Pfronten im Ostallgäu braucht das schöne Wetter für seine Arbeit. Denn im Juli steht die traditionelle Mahd der Bergwiesen an - „Wieshoiba“ sagen die Allgäuer dazu.

„Es ist eine Arbeit, auf die wir uns freuen. Aber sie ist auch sehr mühsam und am Abend weiß man, was man gemacht hat“, sagt Maria Mörz und stützt sich auf ihren großen Rechen. In den Steilhängen, wo keine Maschinen hinkommen, erfordert die Heuernte auch heute noch schweißtreibende Handarbeit.

Mit einem Sonnenhut und Fußballschuhen ausgestattet, steht die Ortsbäuerin von Pfronten ganz oben am Hang und recht mit flinken, gleichmäßigen Bewegungen das Heu zusammen. „Die Fußballschuhe sind ideal für diese Arbeit. Ohne die Stollen würde man in dem steilen Gelände keinen Halt finden — das Heu ist sehr rutschig.“ Der Hut hält zwar die direkte Sonneneinstrahlung ab, das Gesicht der Bäuerin ist dennoch braun gebrannt und von der Anstrengung gerötet. „Es ist wichtig, dass man zwischendurch viel trinkt. Vor allem, wenn es heiß ist. Und hin und wieder gönnen wir uns natürlich eine Pause.“

Anderes Gras als auf den Feldern

Etwa neun Hektar Bergwiesen am Steilhang gehören der Familie Mörz. Auf diesen Wiesen grasen keine Kühe — hier wachsen Blumen, Klee, Wildkräuter und Gräser aller Art. „Man sieht und riecht es deutlich, dass das ein ganz anderes Gras ist als das von den Feldern. Hier wächst Thymian, Arnika, Knabenkraut und vieles mehr — Natur pur“, sagt Mörz und nimmt etwas von dem frisch geschnittenen, duftenden Gras in die Hand. Wegen dieser Artenvielfalt und dem besonderen Lebensraum, den die ungedüngten Bergwiesen bieten, dürfen sie nur einmal im Jahr und erst vom 1. Juli an gemäht werden. „Man wartet ab, bis die Blumen ausgesät haben. So wächst alles im nächsten Jahr wieder“, erläutert die Bäuerin.

„Wenige Gäste wissen, dass die Wiesenmahd nicht nur der Futtergewinnung für das Vieh dient, sondern auch ein Dienst an die Gesellschaft ist“, sagt Pfrontens Tourismusdirektor Jan Schubert. Durch ihre Landschaftspflege an den Steilhängen, die staatlich gefördert wird, verhinderten die Bauern, dass die bunt blühenden, artenreichen Bergwiesen verbuschten und sich zu Waldflächen entwickelten.

„Man sagt, dass auf einem Quadratmeter ungedüngter und unbeweideter Bergwiese über 70 Arten von Kräutern und Blumen zu finden sind“, erläutert Schubert. Im Vergleich dazu sind es ihm zufolge nur etwa sieben Arten im Wirtschaftsgrünland. „Dank der Leistung der Bauern bleiben die Wiesen als wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere und als attraktive Flächen im Landschaftsbild erhalten.“

Kult ums Heu

Zur Anerkennung und Aufrechterhaltung der immer mehr zurückgehenden Bergwiesenmahd betreibt die Gemeinde Pfronten einen regelrechten Kult ums Heu. Hier wird Bergwiesenheu zu Heuwickeln, Heuölen und Heupflegemitteln veredelt — sowie zu kulinarischen Genüssen wie Heulikör, Heuschnaps und Heumilchkäse. Ein Lehrpfad mit Heumuseum vermittelt Wissen zur Berglandwirtschaft. Seit 1999 wird der Luftkurort von einer Heukönigin vertreten, die als Botschafterin für die Urlaubsregion und heimische Heuprodukte auftritt. Wer will, kann auch eine Nacht im Heubett buchen.

Bevor Josef Mörz mit dem Mähen der Bergwiesen beginnt, hat er die Wetterkarte ständig im Blick. „Wir brauchen zwei Tage schönes, trockenes Wetter, um einen Hang fertig zu machen. An einem Tag wird die Wiese gemäht, dann trocknet das Gras über Nacht und am nächsten Tag holen wir es ab.“ Wenn trotzdem zwischendurch ein Gewitter mit Regen kommt, müsse das Heu am nächsten Tag mit dem Rechen gewendet werden, damit es trocknet. „Das kostet zusätzliche Stunden Arbeit.“ Während Mörz heute einen Handbalkenmäher über die Steilhänge lenkt, war für seine Vorfahren auch das Mähen noch mühsame Handarbeit. „Bis Mitte der 50er Jahre wurde das noch mit der Sense gemacht.“

Drei Wochen lang werden alle Familienmitglieder aktiviert

Die alljährliche Wiesenmahd beschäftigt die Familie Mörz — wenn das Wetter pass — etwa drei Wochen. Alle Familienmitglieder werden in dieser Zeit aktiviert. Auch Tochter Katharina, eine ehemalige Heukönigin, ist mit der einjährigen Felicitas zum Helfen ins Pfrontener Achtal gekommen. Während die Erwachsenen das Heu mit den Rechen ins Tal befördern, sitzt das Baby zufrieden auf einer Decke.

„Am schönsten ist das Zusammensitzen zwischendurch und am Abend nach getaner Arbeit“, erzählt Katharina, die selbst schon als Baby beim „Wieshoiba“ dabei war. Dass sie ein Naturkind geblieben ist, zeigt ein Blick auf die Füße der 30-Jährigen, die nicht in Fußballschuhen stecken. Sie läuft barfuß über den frisch gemähten Hang. „Das habe ich von Anfang an gemacht. Wenn man es gewohnt ist, ist das kein Problem — solange man kein Distelnest erwischt.“

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