Millionen für Qualifizierung und Zulieferer: So will die Staatsregierung das Autoland Bayern erhalten

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Arbeiter bei der Montage eines elektrisch angetriebenen BMW i3.
Arbeiter bei der Montage eines elektrisch angetriebenen BMW i3. (Foto: Jan Woitas/dpa)
Ralf Müller

Die Erklärungen, die am Montag am Rande des „Zukunftsforums Automobil“ in München abgegeben wurden, hatten etwas Beschwörendes. „Bayern will Autoland bleiben“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU). „Bayern ist ein Autoland und muss es bleiben“, betonte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Bayern bekenne sich zu seiner Rolle als „Leitregion beim Automobilbau“, bekräftigte der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) Wolfram Hatz.

Damit diese Wünsche in Erfüllung gehen, macht der Freistaat abermals sein Portemonnaie auf und fördert sowohl den Transformationsprozess in der Automobilindustrie, die Forschung an der Fahrzeugtechnologie von morgen wie auch eine „Qualifizierungsoffensive“ für die Beschäftigten mit insgesamt 300 Millionen Euro aus Steuermitteln. Bayern sei derzeit „das einzige Land, das nicht nur redet, sondern handelt“, sagte vbw-Präsident Hatz. Jetzt brauche man auf Bundesebene „ähnlich klare Signale“.

Gewerkschaft fordert Sicherheit

Die Abschlusserklärung des „Zukunftsforums“ wurde zwar auch vom bayerischen IG-Metall-Chef Johann Horn unterschrieben. Ganz zufrieden war der Gewerkschafter allerdings nicht. Die Qualifizierung komme zu kurz, sagte Horn. Die Arbeitnehmer müssten aus ihrer Rolle als „Getriebene“ der Transformation im Automobilbereich herauskommen. Die „Qualifizierungschance Automobil Bayern“ aus der Hightech-Agenda der bayerischen Staatsregierung, die für bis zu 50 000 Beschäftigte Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen soll, könne „erst der Anfang“ sein, sagte Horn.

Für besagte Qualifizierungsoffensive setzt der Freistaat nach Angaben Söders 77 Millionen Euro ein. BMW allein gibt nach Angaben von Vorstandschef Oliver Zipse pro Jahr mehr als 350 Millionen Euro für Weiterbildungsmaßnahmen aus.

Eine weitere Maßnahme im Rahmen des Zukunftsforums sind Finanzierungshilfen für die Zulieferindustrie, um Lücken bei der Transformation zu schließen. Dazu wurden über die Hightech Agenda Bayern bereits 400 Millionen Euro bei der LfA Förderbank Bayern in Aussicht gestellt. Außerdem sollen Forschung und Entwicklung besonders in mittelständischen Betrieben mit den Schwerpunkten Elektro- und Wasserstoffmobilität sowie Digitalisierung gefördert werden. Eine Reihe von Pilotprojekten zum umweltfreundlichen Einsatz von Plug-in-Hybriden, zum Parken und Laden, zur Verkehrslenkung und zum automatisierten und vernetzten Fahren richten sich ebenfalls in erster Linie an kleine und mittlere Unternehmen, die Innovationen testen, demonstrieren und einsetzen wollen.

Wichtig war Ministerpräsident Söder eine Beschleunigung der staatlichen Zulassungsverfahren für neue Techniken. Derzeit würden Innovationen in der Mobilität noch durch ein „geistiges Tempolimit“ behindert, sagte Söder. 30 Prozent der bayerischen Wirtschaftsleistung stehe in Zusammenhang mit dem Auto, 16 Prozent der Beschäftigten seien davon direkt oder indirekt abhängig, ergänzte Aiwanger. Der Wirtschaftsminister legte Wert darauf, dass in der gemeinsamen Erklärung „Technologieoffenheit“ der Transformation gefordert werde. Ein Elektroauto sei auch nicht emissionsfrei unterwegs, sagte Aiwanger – der bei dieser Gelegenheit erneut auf die Perspektiven des Wasserstoffantriebs verwies.

Gerne hörten Politiker und Arbeitnehmervertreter, dass jedenfalls laut Vorstandschef Zipse BMW auch die gesamte Wertschöpfungskette der E-Mobilität in Deutschland ansiedeln wolle. Arbeitsplätze in Bayern werde das Unternehmen schon deshalb nicht abbauen, weil der Bedarf an individueller Mobilität weltweit wachse, so Zipse. Außerdem schaffe auch die E-Mobilität eine Menge Arbeitsplätze“. Auch beim drittgrößten Autozulieferer Deutschlands ZF werde Beschäftigung nicht abgebaut, sagte Vorstandsmitglied Sabine Jaskula. Dies könne allerdings nur bei „verlässlichen Rahmenbedingungen“ eingehalten werden.

IGM-Bezirksleiter Horn konnte das nicht so ganz glauben. Es verfestige sich der Eindruck, dass viele Unternehmen den technologischen Wandel nutzten, um Produktion in großem Stil in Billiglohnländer zu verlagern, sagte der Gewerkschafter. Die Unternehmen dürften vor der gesellschaftlichen Verantwortung aller für den ökologischen Wandel nicht weglaufen.

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