Menschen-Vorfahre „Udo“ lockt Neugierige an Matschgrube - doch dann kommt ein Zaun

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Madelaine Böhme steht in einer Ton- und Lehmgrube hinter Repliken von Fossilien. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Madelaine Böhme steht in einer Ton- und Lehmgrube hinter Repliken von Fossilien. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Ein matschiges Areal im Allgäu ist zu einem kleinen Pilgerort für Hobby-Wissenschaftler geworden. Dort wurde eine bislang unbekannte Menschenaffenart gefunden. Gerade mal einen Meter soll der Primat gemessen haben. Aus wissenschaftlicher Sicht hat der sogenannte Menschenaffe „Udo“ genug Größe, um die menschliche Evolutionsgeschichte grundlegend infrage zu stellen.

Denn nach neusten Erkenntnissen, die von Paläontologen vor zwei Wochen veröffentlicht wurden, konnte „Udo“ vor 11,62 Millionen Jahren aufrecht gehen. Die ältesten Belege für den aufrechten Gang waren bislang etwa sechs Millionen Jahre alt und stammten aus Kenia und von Kreta. Die Wiege der Menschheit liegt also in einer Tongrube der etwa 2300-Einwohner großen Gemeinde Pforzen (Landkreis Ostallgäu).

Der Sensationsfund lockt Neugierige — und Hobby-Forscher an. „Die Menschen denken, hier kann man wie bei den Solnhofener Plattenkalken graben und findet Fossilien“, sagt Landrätin Rita Maria Zinnecker (CSU). Mit ihren Schaufeln und Stiefeln müssen sie vor einem stählernen Bauzaun stoppen. Denn das Privatgelände gehört einer Allgäuer Baufirma.

In den vergangenen Tagen gab es nach Angaben des Bauunternehmens dennoch vereinzelte Versuche, das Betriebsgelände zu betreten. Doch die Freizeit-Paläontologen kommen ohnehin nicht weit. „Die Fossilien liegen in mehreren Metern tiefen Sedimentschichten, die mit größeren Geräten abgetragen werden müssen“, sagte eine Sprecherin. Bedenken wegen Fossilienjägern habe man daher wenig. Der Betrieb gehe weiter und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen seien getroffen.

Paläontologin Madelaine Böhme, unter deren Leitung das Forschungsteam die Skelettteile des Primaten gefunden hatte, freut sich über das große Interesse. Schon in den vergangenen Jahren hatten sie und ihr Team Bürgergrabungen für 8- bis 80-Jährige in Pforzen angeboten. Frühestens im Mai, spätestens aber im Juli 2020, wird sie wieder an der Grabungsstätte arbeiten und kann sich vorstellen, Interessierten weiterhin die Möglichkeit zu geben, sich an Ausgrabungen zu beteiligen.

Zunächst müsse es aber einen Runden Tisch mit der Baufirma, der Gemeinde und Vertretern der Region geben, um zu entscheiden, was künftig aus der Fundstelle werden wird. „Wir arbeiten an einem Konzept, wie wir die Funde der Öffentlichkeit präsentieren können“, sagte Landrätin Zinnecker. Der Landkreis will dem Ersten Bürgermeister Herbert Hofer (CSU) zufolge 20 000 Euro aus dem Haushaltstopf des kommendes Jahres für eine Machbarkeitsstudie einplanen.

Bisher halten alle Beteiligten ein Besucherzentrum für denkbar. Zudem werde geprüft, inwieweit es erforderlich ist, die Fundstätte als Naturdenkmal auszuweisen. Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) will, dass die Funde „sichtbar“ und „spürbar“ für die Öffentlichkeit werden. Ministerpräsident Markus Söder schlug bei seinem Besuch in der Tongrube eine 3D-Simulation zur Visualisierung vor. Diese könnte veranschaulichen, wie sich der Menschenaffe fortbewegte.

Am kommenden Samstag (23.11.) laden Paläontologin Madelaine Böhme und Grabungsleiter Thomas Lechner um 10 Uhr ins Vereinshaus Pforzen ein, um zu zeigen, wie eine Grabung abläuft und einen Einblick in ihre Forschung zu geben. Böhme widmete übrigens den Namen von „Udos“ Menschenaffenart „Danuvius guggenmosi“ einem Hobby-Archäologen: Sigulf Guggenmos grub regelmäßig mit ihr in Pforzen nach Überresten. Vergangenes Jahr starb der Allgäuer im Alter von 76 Jahren.

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